Potsdam: Wiederaufbau der Garnisonkirche

  • Es sieht ganz so aus, dass die Mahnungen vieler Denkmalpfleger berechtigt sind. Auf der einen Seite wird immer mehr Geld in Rekonstruktionsprojekte gesteckt, auf der anderen Seite gibt es einen zunehmenden Verfall der echten Denkmäler. Wir haben ja schon im Forum diskutiert, dass die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, an der ja auch der Bund beteiligt ist, einen Sanierungsstau von 735 Millionen Euro vor sich herschiebt. Da ihr Etat für Sanierungen nur rund 20 Millionen Euro pro Jahr beträgt, wird dieses Problem nicht kleiner, sondern noch größer. Die Sanierung wichtiger Gebäude, wie der Römischen Bäder, des Marstalls im Park von Babelsberg oder des Maschinenhauses im Park von Babelsberg, ist überhaupt nicht absehbar.
    Besonders schlecht steht es auch um die Friedenskirche, diese leidet unter Rissen im Mauerwerk, abgesackten Säulen und Feuchtigkeitsschäden. Ein venezianisches Mosaik aus dem 13 Jahrhundert ist akut gefährdet.


    http://www.maz-online.de/Lokal…t-fuer-die-Friedenskirche


    Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man sich in dieser Situation mehr für Rekonstruktionen als für die echten Denkmäler engagieren kann. Für die vorhandenen Baudenkmäler ist diese Entwicklung jedenfalls eine Katastrophe.

  • Mir würde es reichen, wenn man den Turm rekonstruiert, einfach als Landmarke. Hat man ja im Grunde bei der Heiliggeistkirche auch gemacht. Dass dieser nun ein "modernes" Antlitz erhalten hat, ist ne andere Geschichte, . In der Skyline ist er trotzdem sichtbar und einen Turm brauchte das Altersheim (oder was da noch mal drin ist) sicher nicht. Und ohne den Kirchenraum gäbe es vielleicht auch weniger polit. Protest, oder? Aber jut, wenns nun doch alles geht, dann nur zu!

    Einmal editiert, zuletzt von Ben ()

  • Nun sind das aber schon mindestens zwei par Schuhe. Diese Kritik an den vergleichsweise wenigen 12 Millionen Euro für die Garnisonkirche fest zu machen, wird der Sache nicht gerecht. Genauso gut könnte man fordern, der Bund solle nicht unsinnig Geld für zeitgenössische Kunst (am Bau) aus dem Fenster werfen, die von vielen oftmals nicht wirklich als optische Bereicherung empfunden wird, und stattdessen Sanierungen fördern. Ich kann mir kaum vorstellen, dass nach Fertigstellung des Turmes Potsdamer und oder Touristen vorbeilaufen und "oh wie häßlich" murmeln. Insofern ist das Geld also noch recht gut angelegt.

  • Es ist in meinen Augen auch keine so sehr faire Argumentation, das eine (die Kosten für die Garnisonskirche) gegen das andere (Sanierungskosten an bestehenden Denkmälern) auszuspielen und aufzurechnen, um dann wieder die immergleiche Platte auflegen zu können: Rekonstruktionen sind des Teufels.
    Die Frage müsste doch sein, was uns Kultur überhaupt wert ist und was wir uns das kosten lassen. Mit der gleichen Argumentation könnte man auch Subventionen für Opern und Symphonieorchester und anderes verdammen, weil es da vielleicht noch irgendwo Geldbedarf für anderweitige Sanierungen gibt.
    Um es nur kurz auf den Punkt zu bringen: die Rekonstruktion eines historisch gewachsenen Bauensembles ist m.E. ein unabhängiger kultureller Wert, der dazu beiträgt, dass sich vielleicht nicht alle, aber doch sehr viele Menschen wieder an diesen Dingen erfreuen können, und das ist doch letztlich der Sinn eines kulturellen Investments. Das generiert übrigens dann auch wieder wirtschaftlichen Wert, denn der Mensch lebt ja nun einmal nicht vom Brot allein, sondern fühlt sich von schönen Dingen angezogen. Und dazu gehört, wie ich finde, eben auch die Garnisonkirche als wichtiger Baustein der historischen Potsdamer Innenstadt.

  • Klarenbach braucht das auch gar nicht nachvollziehen zu können, das Eine hat nämlich mit dem Anderen nichts zu tun. Auch wenn er versucht eine Verbindung zu konstruieren. Es mag deshalb sein, dass der bauliche Zustand so manches Denkmals eine Katastrophe ist, aber Bürger, die für die Garnisionkirche spenden wollen werden nicht für den Erhalt anderer Baudemkmale spenden, deren Erhalt nunmal Eigentümersache ist (in deinem zitierten Fall mittelbar der Steuerzahler).


    Wenn es überhaupt eine Verbindung gibt: Die Akzeptanz für die öffentliche Subvention der Sanierung von Baudenkmalen wird im übrigen massiv dadurch gefährdet, dass die Denkmalpflege fragwürdige Bauten wie den halben Alexanderplatz unter Schutz stellen will - manch edler Spender wird so seine Euros lieber einem geliebten Rekoprojekt zukommen lassen, als solch' groben Unfug zu unterstützen. Und rufen wir uns bitte alle noch einmal in Erinnerung welche Bausünden auf dem Neuen Markt in Potsdam oder dem Berliner Schloßplatz stünden, hätte man einen der sog. "zeitgenössischen" Entwürfe in ähnlicher Kubatur realisiert.

  • Wir haben ja schon im Forum diskutiert, dass die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, an der ja auch der Bund beteiligt ist, einen Sanierungsstau von 735 Millionen Euro vor sich herschiebt.


    Nein eigentlich nicht. Ein Monolog macht schließlich noch lange keine Diskussion - auch wenn er öfters wiederholt wird.
    Beeindruckende wie sinnfreie Nebelkerzen ala 'Sanierungsstau' taugen hier wirklich nicht als Argument, da es um grundverschiedene Themenkreise geht. Öffentliche Gelder die für Neubauvorhaben verplant werden, waren zu keiner Zeit jemals dem Topf für die Denkmalpflege zugeordnet - insofern ist eine derartige Neiddebatte vollkommen überflüssig.

  • Die Finanznot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und die Förderzusage für den Wiederaufbau der Garnisonskirche haben sehr viel miteinander zu tun, denn beide Einrichtungen werden aus dem gleichen Topf finanziert, nämlich aus dem Etat des Staatsministers für Kultur und Medien.


    http://www.bundesregierung.de/…-finanzabkommen-spsg.html


    Daher stellt sich schon die Frage, warum der Bund angesichts der Finanznot der Schlösserstiftung nicht das Geld für die Sanierung der vorhandenen Schlösser und Parkbauten aufstockt, als es in ein Rekonstruktionsprojekt zu stecken. Diese Frage stellt sich umso dringender, weil mit der Sanierung beispielsweise der Friedenskirche oder der Römischen Bäder nicht ewig gewartet werden kann, weil dann die Schäden irreversibel werden. Mit dem Wiederaufbau der Garnisonskirche kann dagegen noch gewartet werden. Daher halte ich die Entscheidung von Bernd Neumann für eine falsche Prioritätensetzung.


    Überhaupt nicht erschließt sich mir der von Konstantin hergestellte Zusammenhang zu Diskussionen über den Alexanderplatz. Weder gibt es hier Fördergelder des Staatsministers für Kultur und Medien noch eine Spendenkampagne, die den Spendenkampagnen der Schlösserstiftung Konkurrenz machen würde.

  • Rekonstruktionen sind Luxus. Noch dazu wenn sie sich keiner wirtschaftlichen Nutzung zuführen lassen. Wer solche Rekonstruktionen erstellen möchte, sollte auch das nötige Kapital mitbringen. Insofern sehe ich dieses Projekt kritisch.


    Der Staat sollte sich IMHO auf die Förderung von Sanierungsmaßnahmen bei Baudenkmälern konzentrieren. Ob Garnisionskirche oder Bauakademie, dort möchte ich keine Steuergelder verbuddelt wissen.

  • Dass der BND für rund 1,5 Milliarden von Pullach nach Berlin umzieht - das ist Luxus (von vielen anderen staatlichen Ausgaben ganz zu schweigen).
    Die Wiederherstellung (kunst-)historisch bedeutsamer Bauten halte ich dagegen nicht für Luxus, sondern unerlässlich für das kulturelle Gedächtnis, das Erscheinungsbild und für die Identität einer Stadt. Da oft staatliche Behörden den Abriss beschlossen haben, ist es auch eine staatliche Aufgabe diese Fehlentscheidungen (so weit das überhaupt möglich ist) zu korrigieren. Ich würde es auch eher als Investition in einen Standortvorteil sehen.

  • Ich darf mal zitieren: "Beeindruckende wie sinnfreie Nebelkerzen ala 'Sanierungsstau' taugen hier wirklich nicht als Argument, da es um grundverschiedene Themenkreise geht. Öffentliche Gelder die für Neubauvorhaben verplant werden, waren zu keiner Zeit jemals dem Topf für.." tel 33


    Was dem einen Recht ist, ist dem anderen billig...

  • Ob es den Staat betrifft oder diverse andere Akteure, in diesem Land (wie auch in allen anderen Ländern) wird an diversen Stellen massenhaft Geld für den größten Unsinn ausgegeben.


    Ich ganz persönlich finde die Garnisonkirche eine großartiges Bauwerk, dass dazu (ganz wichtig) Teil eines einzigartigen Ensembles war und wieder werden kann. Obwohl ich den kalkulierten Betrag für die Rekonstruktion erstaunlich hoch finde, bin ich davon überzeugt, dass sich diese Investition in jeder Hinsicht lohnt und sich auch weitere ähnliche Rekonstruktionen (wenn sie handwerklich gut sind) lohnen.


    Ich freue mich, dass da offensichtlich entscheidende Politiker im Parlament mehr Weitsicht haben, als die große Masse der Kritiker. Von gezielten, punktuellen Investitionen in Rekonstruktionen kann das Land einen enormen Gewinn haben, der sich z.B. über Identitätsbildung, Attraktivität für Zuwanderer und Touristen auch direkt und indirekt wirtschaftlich auswirkt.


    Das Paradebeispiel ist natürlich die Frauenkirche, die sich schon heute mit Sicherheit für Dresden gelohnt hat. Ich habe einige beeindruckende Konzerte dort gehört. Auch die Alte Oper in Frankfurt möchte heute kein Frankfurter missen, obwohl sie nur äußerlich wiederaufgebaut wurde. Direkt nach dem Krieg gab es in West wie Ost in praktisch allen Städten Deutschlands eine Vielzahl von Rekonstruktionen, die vermutlich sogar "Kleist" und "Klarenbach" akzeptieren können.


    Einige m.E. sehr technokratisch Denkende unterschätzen die positive Wirkung identitätsstiftender Bauten und Bauensembles (vom künstlerischen Wert ganz abgesehen). Wenn ihr solche Bauten selbst nicht mögt, dann registriert doch die Millionen, die dorthin pilgern und sich daran erfreuen und gießt nicht immer Euren Essig in den Wein. Guckt Euch an, was eine Drohne kostet, die nie fliegen wird und lasst uns unsere paar Rekonstruktionen. Die vielen Milliarden werden weiterhin in leider oft wenig raffinierte Neubauten gehen, das sollte Euch trösten.


    Zur Debatte um das Geld in der Denkmalpflege: Ich plädiere für eine deutlich bessere finanzielle Ausstattung. Vielleicht können gute Rekonstruktionen sogar im Sinne einer großen Öffentlichkeitswirkung für das historische Bauerbe dazu beitragen.

  • Vielleicht können gute Rekonstruktionen sogar im Sinne einer großen Öffentlichkeitswirkung für das historische Bauerbe dazu beitragen.


    Bauten wie die Staatsoper Unter den Linden, die königl. Bibliothek (Kommode), das Alte Palais, das Prinzessinenpalais oder Plastiken wie die Quadriga auf dem Brandenburger Tor sind ja Rekonstruktionen, die heute - wie ihre Vorgänger - wieder unter Denkmalschutz stehen.

  • Zum Thema Wiederaufbau der Garnisonkirche hat die Märkische Allgemeine in der letzten Woche eine Abstimmung veranstaltet. Das Ergebnis lautete:
    Der Aufbau der Garnisonkirche sollte
    ... durch Bund und Privatspenden finanziert werden: 47 Prozent
    ... nur durch Privatspenden finanziert werden: 2 Prozent
    ... gar nicht realisiert werden: 51 Prozent


    Dieses Ergebnis ist umso erstaunlicher, weil die Garnisonkirchenanhänger in dieser Frage eine Werbekampagne gestartet hatten. Am 14.8. erhielten viele Bürger eine E-Mail des FDP-Lokalpolitikers Lutz Schirmer, in der auf die Abstimmung hingewiesen wurde. Zugleich wurde eine Anleitung zum "richtigen" Abstimmen gegeben, nach der unbedingt die erste Möglichkeit angekreuzt werden sollte. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass "wir" eine ähnliche Abstimmung im Juni 2011 mit 63 Prozent gewonnen hätten. Diesmal ist diese Rechnung offenbar nicht aufgegangen.

  • Nun glücklicherweise werden städtebauliche Grundsätze hierzulande nicht durch Abstimmungen in Lokalzeitungen oder sonstigen Stammtischrunden entschieden. Sonst hätten wir statt des Schlosses wahrscheinlich ein Studentenwohnheim mit integriertem Späti bekommen. Oder noch wahrscheinlicher einfach nur eine weitere Liegewiese.

  • In Potsdam hat sich die Initiative "Demokratie wagen - Potsdam fragen" gebildet, die ein Bürgerbegehren zur Verhinderung der Garnisonskirche plant. Konkret soll erreicht werden, dass die Stadt Potsdam aus der Stiftung für den Wiederaufbau der Garnisonskirche aussteigt.
    Das weitere Verfahren sieht so aus, dass die Initiative binnen eines Jahres 13.500 Unterschriften von Potsdamer Bürgern sammeln muss. Wenn diese Hürde genommen ist, dann kann sich die Stadtverordnetenversammlung dieser Initiative anschließen. Wenn dies nicht geschieht, was zu erwarten ist, dann muss ein Bürgerentscheid angesetzt werden, der dann endgültig über die Initiative entscheidet. Von Rechtsexperten wurde diese Vorgehensweise bereits als rechtlich zulässig eingeschätzt.


    Ich denke, dass diese Initiative sehr gute Erfolgschancen hat. Die 13.500 Unterschriften dürften angesichts der Stimmung in Potsdam relativ schnell zusammenkommen, und auch bei einem Bürgerentscheid rechne ich mit einer Mehrheit gegen den Wiederaufbau. Das offensichtliche Vorbild ist ja die Magdeburger Initiative gegen den Wiederaufbau der Ulrichskirche, wo es 2011 einen Bürgerentscheid mit einer Beteiligung von 58 Prozent und 76 Prozent gegen den Wiederaufbau gegeben hat. Ich denke, dass solche Werte auch für Potsdam realistisch sind.

    http://www.pnn.de/potsdam/828671/


    http://www.maz-online.de/Lokal…aufbau-der-Garnisonkirche

  • "Ironiestatus on"


    Es wäre ja auch echt zu grausam, wenn nach dem Stadtschloss und dem Quartier Barberini ein weiteres architektonisches Juwel Potsdams wiederauferstehen würde!


    Dann wäre ja eine weitere Sprengung der SED ausgemerzt und die Arbeit der alten Parteigenossen ad absurdum geführt!


    "Ironiestatus off"

  • Ich frage mich immer wieder, wie man so verbissen gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche sein kann. Hier ist es noch unverständlicher als in Magdeburg. Nicht mal das Argument einer scheinbar absolut notwendigen oder unverzichtbaren Grünfläche die weichen müsste, zieht hier. Die Stadt trägt kaum finanzielles Risiko. Im Gegenteil, es soll unglaublich viel Geld von außen in die Stadt gepumpt werden, um ihr ein historisches Wahrzeichen mit natürlich erheblichen touristischen Potential und optischem Reiz zurückzugeben.