Technisches Rathaus und Umfeld - Neugestaltung nach Abriss

  • tja, darüber könnt ihr euch nachher sicher gedanken machen, denn michael schumacher wird definitiv kommen.
    neben kisten bauen s+s auch andere bauformen - aber wie vielen anderen architekten auch ist ihnen die neo-konservative restaurierungswelle in deutschland (und mit dem literaturhaus steht frankfurt ganz vorne) nicht geheuer. der angebliche volkeswille wird mit erstaunen oder ratlosigkeit, teils auch mit sarkasmus und überheblichkeit betrachtet. wie ihr gemerkt habt, wurden keine vertreter der pro-wiederaufbau-seite heute abend auf das podium geladen. warum, weiß ich nicht, denn es würde die veranstaltung nur spannender machen. organisator war der städtebaubeirat in kooperation mit dem stadtplanungsamt.

  • Es ist in der Tat eine Verdrehung der Tatsachen, die Herr Schwarz betreibt.


    Nicht nur in der Frage des Kunstvereins und der Mindestabstände, sondern auch wiederholt mit der Behauptung, es gehe in der derzeitigen Phase nicht um konkrete Architektur. Die vorgesehenen Größen der Baufelder und die vorgegebene Nutzfläche (=Volumen) stellen Determinanten dar, die eine kleinteilige Gestaltung der "konkreten Architektur" des Areals unmöglich machen. Es sei denn, man gliederte die Baufelder durch Passagen, Höfe oder Durchbrüche. Dann allerdings bräuchte man hierfür einen weiteren Wettbewerb. Originalzitat Schwarz: "Die Frage ist aber, ob ein großer Baukörper groß wirken muss oder ob man durch geschickte Fassadengestaltung und Gliederung nicht eine andere Wirkung erzielen kann." :lol:


    Ich hoffe übrigens sehr für Herrn Schwarz, dass er keine Kompositionen von Mozart, Bach oder Beethoven in seinem CD-Regal stehen hat, man könnte sonst glauben, er sei ein wenig rückwartsgewandt.

  • Bei Herrn Schmumacher denke ich, dass eine seiner Formulierungen irgendwo daneben gegangen ist. Lest diese Passage mal ganz langsam und gründlich:



    Man beachte: Das Wort "Letzteres", mit dem der zweite Satz beginnt, bezieht sich ja auf die "Fassaden mit aufgeklebtem Fachwerk und einem 'rekonstruierten' Haus dahinter" aus dem ersten Satz. Und dieses "Letzteres" (also die aufgeklebten Fachwerkfassaden) wirken wie eine billige Replik, das könne man am Pariser Platz in Berlin ja gut sehen.


    Mit anderen Worten: Schumacher behauptet, die Häuser am Pariser Platz in Berlin hätten alle billige Fachwerk-Fassaden!:confused:


    Aber mal abgesehen davon: Wer hat spricht denn im Moment davon, dass in Frankfurt nur Fassaden rekonstruiert werden sollen? Kardinal hat doch die ganze Zeit über von echten Fachwerkhäusern gesprochen...

  • Naja, ich verstehe schon worauf Schumacher hinauswill. Energetisch sind original rekonstruierte Fachwerkhäuser heute nicht mehr machbar und schon wegen der Heizkosten als Neubau unlogisch. Die einzige Alternative, die er sieht währen moderne Stein/Betonbauten mit vorgeklebtem Fachwerk.
    Ich möchte anbei erwähnen, dass ich im Sommersemester erst ein Holzhaus entworfen habe und mir durchaus vorstellen könnte, dass man ein echtes Fachwerkskelett baut, versteckte Verbindungen vieleicht durch billige Nageplatten oder ähnliches (anstatt teurer Zimmermanssteckverbindungen) ersetzt und als Gefache einfach eine moderne Mineralwolledämmung anstatt Kuhmist, Lehm und Stroh in die Zwischenräume stopft. Das wäre doch eigentlich der beste Komprommiss?


    Ach ja nochwas


    Mit Pariser Platz hat Schumacher wohl das Adlon gemeint, oder? das Problem dabei ist doch eher dass es (wenn überhaupt) langweilig wirkt, weils eigentlich gar keine Reko ist. Es ist ja quasi sehr Detailarm in traditionellen Stil neuerichtet worden?
    Genau das schlagen aber andererseits die ganzen Wettbewerbsentwürfe für das Frankfurter Altstadtareal vor! Also sagt er quasi Reko gehen technisch und preislich nicht, aber historisierende Gebäude wirken wie eine billige Replik!
    -> Ich folgere daraus, dass er für eine Kompromisslose moderne Bebauung steht, die jedoch eigentlich aussichtslos ist und um eine entsprechende Qualität zu ereichen wohl nicht billiger als eine Reko sein dürfte...

  • Naja, ich verstehe schon worauf Schumacher hinauswill.


    Ich auch. Aber worauf er hinauswill und was er gesagt hat, sind zwei unterschiedliche Dinge. Gesagt hat, dass man am Beispiel des Pariser Platzes in Berlin sehen könnte, wie billig doch aufgeklebtes Fachwerk wirkt (lies dir den Satz nochmal genau durch).

  • So, hier kommt nun mein Bericht über die gestrige Podiumsdiskussion im Deutschen Architekturmuseum. Ich habe bereits in einem anderen Forum in mehreren Beiträgen darüber berichtet und füge nun diese Beiträge zu einem zusammehängenden Berich zusammen.


    Lupenreiner Populismus


    Auf dem Podium saßen: DW Dreysse (Vorsitzender des Städtebaubeirats), Adelgard Weyell (stellvertretende Vorsitzende) und Ernst Ulrich Scheffler (Mitglied des Preisgerichts), der Leiter des Stadtplanungsamtes Dieter von Lüpke, der Kunsthistoriker Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der F.A.Z., außerdem ein Psychoanalytiker namens Leuschner.


    Im Publikum waren u. a. diverse Leute von den "Freunden Frankfurts" (sogar der erste Vorsitzende), Dominik Mangelmann, Jung-Unionisten, Wolfgang Hübner (BFF), der Architekt der rekonstruierten Löwenapotheke in Aschaffenburg, der Denkmalschützer Rusch, Schlossgespenst (Nick eines Mitglieds aus einem anderen Forum) und ich. Die Verantstaltung war gut besucht (Verbesserung: Der Raum war proppenvoll, die Leute saßen auf der Treppe), die Stimmung war zweigeteilt, etwa zur Hälfte Rekonstruktionsgegner und zur Hälfte Befürworter, was natürlich in keiner Weise die entsprechenden Mehrheitsverhältnisse in der Frankfurter Bevölkerung widerspiegelt. Wie sagte eine alte Dame von den Freunden Frankfurts, die bei mir in der Reihe saß: "Die haben ihre Claqeure mitgebracht." Ich saß übrigens neben dem Mann vom Wiesbadener Kurier.


    Ein mir namentlich unbekannter Mann hat die Herrschaften auf dem Podium erstmal vorgestellt und gleich hinzugefügt, dass es sich natürlich um eine tendenziös besetzte Runde handele (Zwischenruf aus dem Publikum: "Allerdings!"), aber die Podiumsdiskussion könne ja den nötigen Ausgleich schaffen.


    Dreysse begann mit einen Vortrag über die Geschichte der Altstadt an sich. Dabei versuchte er Akzente zu setzen in Richtung "Nur Nazis kümmerten sich um den Erhalt der Altstadt" (hat er so in diesen Worten nicht gesagt, war aber sinngemäß die Kernsaussage), was dann später in der Diskussion natürlich aufgegriffen wurde.


    Ich kann mich nicht genau erinnern, was Lüpke gesagt hat, außer dass er die jetzt entstehende Diskussion grundsätzlich positiv findet, da ein solches Bürgerengangement zu begrüßen sei (wenn auch seiner Meinung nach mit falscher Zielsetzung).


    Scheffler wies darauf hin, dass es in dem Wettbewerb ja hauptsächlich nur um Baustruktur und Maße gegangen sei, und dass die es vielleicht unglücklich gewesen sei, auch Fassadenvorschläge zuzulassen, man müsse davon abstrahieren. Danach sagte er, dass das, was jetzt von Seiten der Altstadt-Befürworter laufe, sei lupenreiner Populismus - der erste Tiefschlag des Abends, und es sollte nicht der einzige bleiben. Scheffler sprach irgendwas davon, es ja Gründe für die Bombardierung Frankfurts gegeben habe, worauf Hübner reinrief: "Dann betrachten Sie das wohl als Strafe?" Die Stimmung war spätestens jetzt ziemlich aufgeheizt.


    Bartetzko erwies sich, für mich überraschend, als der gemäßigste von dem ganzen Haufen. Er sagte, es sei für ihn weitaus eher Populismus, wenn man den Verlauf einer historischen Gasse derart ändere und dann immer noch von "Krönungsweg" spreche. In Bezug auf seine Bautradition brauche Frankfurt nicht den Mut zum Abschied, sondern den Mut zur Treue. Allerdings, so Bartetzko, sei es falsch, die Umsetzung dieses Mutes zur Treue in der Errichtung von Rekonstruktionen zu suchen. Statt dessen verwies er darauf, dass es nach dem Krieg einmal einen Plan gegeben habe, die noch stehengebliebenen Sandstein-Erdgeschosse der Fachwerkhäuser modern zu bebauen. Dies sei für ihn der bislang beste Plan zur Gestaltung der Altstadt: Glas- und Stahlkonstruktionen auf den historischen Erdgeschossen aus Sandstein.
    (Das wurde später nochmal aufgriffen in der Diskussion, und hier wurde auch der Zusammenhang deutlich: Es gab eine Wortmeldung von dem Denkmalpfleger Rusch, der neben einer Wiederholung des dümmlichen Kostüm-Argumentes noch vorbrachte, man habe immer in der Geschichte, wenn eine Stadt zerstört wurde, modern wieder aufgebaut - modern in dem Sinne als das, was dann eben zu dem Zeitpunkt damals als modern galt. Dem hat Bartetzko widersprochen. Er sagt, man habe dabei aber auch immer - mit leichten Änderungen - den Stadtgrundriss gewahrt und Baumaterial der zerstörten Stadt weiter verwendet, auch vollständig erhaltene alte Bauelemente in die neuen Gebäude eingefügt. Aus dieser Argumentation heraus kommt Bartetzko auf "Modern bauen auf historischem Erdgeschoss". Bartetzko hat ja weitestgehend recht, bloß: Man hat aber auch immer versucht, bei einem solchen Vorgehen ein harmonisches Gebäude entstehen zu lassen. Aber seine Stahl/Glas-Vorstellungen auf Sandstein zielen nicht auf Harmonie, sondern auf Kontrast.)


    Dann durte mit Leuschner der Pyscho-Onkel erzählen, welche niederen Instinkte sich hinter dem Wunsch nach einer Rückkehr der Altstadt verbergen (meine Interpretation). Eigentlich, so Leuschner, ginge es nicht um Archiktektur, sondern um den Wert oder Unwert von Frankfurt. Die Sehnsucht nach einer Rekonstruktion sei eine direkte Antwort auf die Unwirtlichkeit vieler moderner Gebäude. Seiner Meinung nach aber seien Rekonstruktionen nicht die richtige Antwort, ein solches Projekt werde misslingen. Er nannte ein Beispiel für die verfälschende Wirkung von Rekonstruktionen: So sei beispielsweise der Stadtkern von Breslau so rekonstruiert worden, dass er polnische Geschichte repräsentiere, d. h. um vorzugaukeln, Breslau sei von jeher eine polnische Stadt gewesen.


    Dann kam die gute Frau Weyell an die Reihe, die meiner Meinung nach wirklich den Vogel abschoss. Sie bezog sich darauf, dass einer der Vorredner gesagt hatte, das Technische Rathaus sei keine schlechte Architektur, es sei nur am falschen Ort. Weyell dazu: "Ich bin nicht sicher, ob das Technische Rathaus am falschen Ort steht." Weiterhin erklärte Weyell, dass das Technische Rathaus damals bei seiner Errichtung als gut befunden worden sei (Zwischenruf aus dem Publikum: Wer befand es als gut? - Keine Antwort von Weyell). Gerade Touristen hätten sich für dieses Gebäude sehr interessiert (spöttisches Gelächter aus dem Publikum). Für Weyell stelle sich nun die Frage, ob der Abbruch gerechtfertigt sei, um eine scheinbar heile Welt wiederherzustellen.
    Für mich entspricht Frau Weyell dem Klischee einer weltfremden Gelehrten...


    Dann kam es also zur Diskussion. Als erster aus dem Publikum ergriff Hübner das Wort. Er wandte sich an Dreysse und sagte sinngemäß, dass er es bezeichnend finde, dass Dreysse den Bund tätiger Altstadtfreunde in seinem Vortrag nicht erwähnt habe, der ja schon in den 20igern, also vor den Nazis, um den Erhalt der Altstadt bemüht gewesen war. Hübner warf Dreysse vor, dies bewusst verschwiegen zu haben, um es so darzustellen, als hätten sich nur Nazis für die Altstadt interessiert und um so die Rekonstruktionsbefürworter zu diskreditieren. Dreysse erwiderte, dies sei nicht seine Absicht gewesen, er habe die Altstadtfreunde nicht erwähnt, weil er einen möglichst kurzen Abriss der Geschichte der Altstadt habe vortragen wollen.
    Meine Meinung: Für mich ist es wenig glaubwürdig, dass mit dem Verschweigen der Tätigkeit der Altstadtfreunde keine Absicht verbunden gewesen sein soll.


    Ich kann jetzt natürlich nicht alle Redebeiträge wiedergeben, es lief aber sehr emotional ab und es gab Stimmen sowohl für als auch gegen den Wiederaufbau. Vielleicht mal ein paar Dinge, die mir in Erinnerung geblieben sind:
    - Dominik Mangelmann meldete sich zu Wort, um einige Halbwahrheiten zu widerlegen und sich gegen den Populismusvorwurf zu wehren.
    - Schlossgespenst hat in seinem Vortrag die Formulierung verwendet "Die rekonstruierten Fachwerkhäuser an der Ostzeile sind ja mittlerweile nach 20 Jahren allgemein akzeptiert", worauf der Mob aus den hinteren Reihen krakeelte "Stimmt nicht! Wir mögen die nicht!" und irgendein *Mensch* (habe gerade meine ursrpüngliche Wortwahl korrigiert) behauptete, das seien ja gar keine Rekonstruktionen.
    - Ein junger Mann hat meiner Meinung nach ein sehr gutes Argument in Richtung des Psychoanalytikers vorgebracht (vielleicht ist er ja hier im Forum?), nämlich, dass ja psychologisch nicht nur interessant sei, welche Motivationen hinter der Sehnsucht nach der Altstadt stünden, sondern es sei ebenso interessant zu fragen, welche Motive sich hinter der schroffen und übertriebenen Abwehrhaltung der Rekonstruktionsgegner verbergen. Meiner Meinung nach eine sehr interessante Frage.
    - Dann war da noch ein Mann, der sagte, wenn man sich ins Erinnerung rufe, dass die Altstadt 44 zerstört wurde, dann dürfe man nicht ausblenden, was 33 passiert sei. Ich sehe, ehrlich gesagt, nicht ganz den Zusammenhang zu den Rekonstruktionsplänen, aber was soll's...
    - Dann gab's noch meinen eigenen bescheidenen Redebeitrag. Ich habe erstmal auf etwas geantwortert, was Bartezko direkt vor mir gesagt hatte. Bartetzko hat sich nämlich über Dresden ereifert und darüber geschimpft, wohin ein solcher Reko-Enthusiasmus führen kann, nämlich dass in Dresden das einzig Authentische, die historischen Keller, der modernen Nutzung weichen mussten. Ich wies darauf hin, dass er es ja nun nicht so darstellen könne, als seien die Rekobefürworter in Dresden daran schuld, dass die historischen Keller vernichtet wurden, denn die wollten das ja gerade nicht! Das war ja gerade eine Niederlage der Rekobefürworter. Bartetzko erwiderte, er habe mit dem Beispiel zeigen wollen, wie der Enthusiasmus von Menschen auch missbraucht werden könne. Naja, dann kam ich zu dem, was ich eigentlich sagen wollte: Nämlich, dass es ja nun eine Tatsache ist, dass es Rekonstruktionen historischer Gebäude in Deutschland gibt (Dresden, Hildesheim, Braunschweig, etc.), und das es ja in Anknüpfung daran ja auch zu einer Theoriebildung gekommen ist, z. B. darüber welchen Zweck solche Rekos erfüllen können, worin ihr Vorteil liegt usw (man findet in dem Buch über den Wiederaufbau des Hildesheimer Marktplatzes viel Interessantes dazu). Mein Vorwurf an die Runde war nun, dass damit ja überhaupt keine Auseinandersetzung stattfindet, stattdessen kommen Argumente wie Disneyland, Populismus, heile Welt, historische Kostüme... Daher findet die Diskussion meiner Meinung nach auf einem niedrigen Niveau statt und hat von der Seite der Herrschaften auf dem Podium auch was Dogmatisches. Ich schloss dann damit, dass ich ja kürzlich in Dresden war und dort nur begeisterte Menschen gesehen habe - daher ist die Diskrepanz in der Wahrnehmung der Laien und der Experten doch irgendwie erklärungsbedürftig. Vielleicht sollten sich die Experten angesichts dieser Tatsachen mal kritisch hinterfragen. Dreysses Antwort war, dass das die Laien vielleicht auch tun sollten. Ach ja, und ich hatte noch ne Frage an Scheffler, der vorher mehrfach davon gesprochen hatte, dass es ja ein Unterschied sei, ob man ein Gebäude direkt nach der Zerstörung oder einige Jahre danach wiederaufbaue oder aber erst nach 60 Jahren. Meine Frage war, ob er diesen Unterschied auch qualitativ, also inhaltlich irgendwie definieren könne. Meine Frage blieb unbeantwortet.


    Dreysse hatte übrigens am Ende der Diskussion gemahnt, beide Seiten sollten offen sein für die Argumente der jeweiligen Gegenseite. Finde ich irgendwie lustig, denn sein Verhalten vorher ging eine ganz andere Richtung.


    So, jetzt habt ihr einen ungefähren Eindruck...

  • Vielen Dank für den ausführlichen Bericht...

    daher ist die Diskrepanz in der Wahrnehmung der Laien und der Experten doch irgendwie erklärungsbedürftig. Vielleicht sollten sich die Experten angesichts dieser Tatsachen mal kritisch hinterfragen


    ...und das ist meine Rede seit 1840. Die Spezialisten sollten wieder anfangen geeignete Projekte im Sinne der Allgemeinheit zu planen, und Ihr Kunstverständnis an dafür vorgesehen Bauten auszulassen...

  • Zitat von Restitutor

    was natürlich in keiner Weise die entsprechenden Mehrheitsverhältnisse in der Frankfurter Bevölkerung widerspiegelt.


    Woher willst du das wissen? Da wäre ich mal vorsichtig. In meinem Bekanntenkreis zumindest halten sich Befürworter und Gegner durchaus die Waage.


    Der nicht namentlich bekannte Herr war übrigens Peter Cachola Schmahl, Kurator im Architekturmuseum.

  • @ GJM:


    Ich schließe es zum einen aus meinem eigenen Bekanntenkreis (übrigens über die Grenzen politischer Parteien hinweg), dem eindeutigen Tenor des Gästebuchs im Historischen Museum und auch der Leserbriefe in den diversen Tageszeitungen.


    Außerdem solltest du eines bedenken: Die Veranstaltung im Historischen Museum war von den Befürwortern veranstaltet - und es waren nahezu ausschließlich Befürworter da.
    Bei der Veranstaltung in Deutschen Architekturmuseum haben sich die Gegner präsentiert - dementsprechend hätte man erwarten sollten, dass nahezu nur Gegner da waren. Aber das war nicht der Fall. Wenn also bereits bei einem "Heimspiel" der Reko-Gegner die Stimmung halb-halb ist, dann bin ich mir relativ sicher, dass sie in der Bevölkerung keine Mehrheit haben.


    EDIT:
    Außerdem zeichnet sich auch hier im Forum unter den aktiven Diskussionsteilnehmern eine Mehrheit für die Rekonstruktion ab. Und das DAF ist nun kein ausgesprochenes Traditionalisten-Forum.

  • Empfehlenswerter Artikel heute auf WELT.de: Hilfe vom Psychotherapeuten


    [indent]"Irgend etwas ist in der Diskussion über den Städtebau aus dem Lot geraten. In der vor drei Tagen veröffentlichten Studie des Hamburger BAT-Instituts rangiert eine 'historische Altstadt' mit 71 Prozent der Stimmen an der Spitze aller Stadtqualitäten. Ein Stimmungsumschwung, auf den die Planer offenbar nicht vorbereitet sind. [...]


    Jetzt hat das Thema Deutschlands 'modernste' Stadt Frankfurt erreicht, und die Irritation darüber ist so groß, daß für den Abend im Architekturmuseum eigens ein Psychotherapeut aufgeboten worden war. Er sollte erklären, was in die Leute gefahren sei. Ein junger Mann mit langen Haaren und offnem Hemd fand das weniger lustig. 'Wollen Sie uns zu Kranken stempeln?' fragte er. Und viele bis hinauf auf die Galerie applaudierten."[/indent]


    Edit: Auch in der FNP ist ein Artikel: Warum wir uns so sehr nach dem Alten sehnen

  • Website Bürgerbegehren

    Es gibt jetzt eine Website für das Bürgerbegehren für den Wiederaufbau der Altstadt:


    http://www.frankfurter-altstadt.de


    Die Initiatoren, offensichtlich aus der Jungen Union, beziehen sich auf Kardinals Entwurf!


    Am kommenden Samstag ab 11.00 Uhr werden auf der Zeil Unterschriften für das Bürgerbegehren gesammelt. Aber - moderne Zeiten - man kann die Unterschriftenliste auch als PDF herunter laden, ausdrucken und unterschrieben an die Nummer 069-944904-14 faxen. Allerdings ist die Liste wohl noch nicht online, also später noch einmal versuchen. Hier schon einmal der Link zur PDF-Liste.


    Ich darf noch darauf hinweisen, dass nur Unterschriften von wahlberechtigten Frankfurtern zählen. Die diesbezügliche Regelung in der Hessischen Gemeindeordnung (§ 8b Abs. 3) lautet: "Das Bürgerbegehren muss von mindestens zehn vom Hundert der bei der letzten Gemeindewahl amtlich ermittelten Zahl der wahlberechtigten Einwohner unterzeichnet sein; die Wahlberechtigung der Unterzeichner muss im Zeitpunkt der Unterzeichnung gegeben sein."

  • Bartetzko versprach nach der Podiumsdiskussion, in der FAZ demnächst ausführlich über die damaligen Vorschläge von Hebebrandt (Erdgeschosse in Stein auf den ehemaligen Parzellen, darüber zeitgemäße Architektur unter Beibehaltung der früheren Traufhöhen) zu informieren. So schnell ginge das nicht.

  • Ein klasse Artikel im Wiesbadener Kurier:


    http://www.wiesbadener-kurier.…t.php3?artikel_id=2088413


    Hitzige Diskussion um Altstadtbebauung
    Ein Moderator hat normalerweise die Aufgabe, eine Diskussion zu leiten, zwischen unterschiedlichen Meinungen zu vermitteln und alle Seiten zur Sprache kommen lassen. Bei der Besetzung eines Podiums sollte er darauf achten, dass es ausgewogen ist. Dietrich Wilhelm Dreysse entsprach diesen Anforderungen nicht. Bei einer öffentlichen Debatte im Architekturmuseum über die Bebauung des historischen Stadtkerns machte er gleich klar, was er als Vorsitzender des Städtebaubeirates von der Idee, die alte Altstadt wieder aufleben zu lassen, hält: "Die Nazis wollten die Altstadt ja auch schon mal als Vorzeigemodell, als Handwerkerstadt. Das Fachwerk sollte als Modell für Neubauten dienen."
    Ernst Ulrich Scheffler, Mitglied des Preisgerichts, das eine massive moderne Bebauung mit monotonen Blockbauten zum Siegesentwurf eines städtebaulichen Wettbewerbs auserkor, sekundierte: "Die Altstadt wurde damals zerstört, weil zu viele Leute die falsche Partei gewählt haben. Die Nachkriegsbebauung war eine Entscheidung demokratischer Gremien." Die Forderung einer historischen Rekonstruktion hält der Professor für "Populismus". Sogar einen Psychotherapeuten hatten die Stadtplaner aufs Podium gebeten. Wolfgang Leuschner nannte die Forderung nach einer historisierenden Bebauung "Kindheitsphantasien". Dieser Wunsch sei ein Rückgriff auf eine Zeit, die vergangen sei. "Da ist eine andere Lösung angebracht."
    [...]
    Ob solcher Dreistigkeit und Arroganz hatten es die Altstadt-Fans unter den über 200 Zuhörern schwer.Der 28-jährige Fachwerkfan Dominik Mangelmann etwa, der sein Modell einer Altstadtbebauung erläutern wollte, kam praktisch gar nicht zu Wort. Mangelmann, der in Mainz Bauingenieurwesen studiert und der für seine Diplomarbeit ausgiebig in den städtischen Archiven wühlte, hält die Vorschläge der preisgekrönten Architekturbüros für zu renditeorientiert.

  • Die Architekten und Künstler verstehen nicht, dass nicht alles eine politische Aussage hat. Ich glaube keiner Derjenigen, die die Altstadt wieder aufbauen wollen, will an alte Zeiten (auch vor den nazis) anknüpfen. Ich persönlich sehe die Sache zumindest als ein gehobenes Disneyland und sehe das dabei auch gar nicht abwertend! Ich verstehe einfach nicht was daran so negativ sein soll "gemütlichkeit" zu erzeugen oder Kindheitsphantasien zu verwirklichen? kein Mensch beschwert sich über 99,9% der Kneipeneinrichtungen in Deutschlands Gasthäusern, die aber im Endeffekt genau die gleiche Motivation haben als eine Altstadt als "Gute Stube"!
    Deshalb erscheint mir auch die Diskussion recht lächerlich, da man in gewisser Weise aneinander vorbeiredet. Die eine Hälfte will etwas moder-kulturelles mit politischer Aussage (was nicht unbedingt überall das schlechteste ist) und interpretiert eben diese Architekturvorstellung in die Motivation der Reko-Befürworter. Man sollte sich vorher darüber einigen, welche Ziele das neue Quartier überhaupt ereichen soll, denn die Entwürfe des Architekturwettbewerbs (vor allem die mit Giebeldächern) sind IMO dabei ein ziemlich fader und mittelmäßiger Kompromiss von Architekten, die versuchen "Everybodys Darling" zu sein.

  • Zum Thema ist jetzt auch ein Artikel im „Journal Frankfurt“ drin, der die aktuelle Debatte zusammenfasst. Interessant ist allerdings vor allem der Abschnitt, in dem es um die Wiederaufbaudebatte der 60er und 70er Jahre geht. Darin heißt es:


    Die Zielsetzung des damaligen Dom-Römer-Wettbewerbs war eine „anheimelnde Intimität des Raumgefüges“, „eine Kleinteiligkeit der Bebauung“ unter Berücksichtigung des historischen Krönungsweges.


    Das Beste ist aber die Beschreibung des Wettbewerbsergebnisses (für das Technische Rathaus) von damals:


    Die Wettbewerbsjury lobte den Entwurf, der hervorragend die alte Intimität in neuer Weise vermittele, ohne in den musealen Charakter abzugleiten. Ihm gelinge die beste Neudeutung des historischen Altstadtkerns. „Er strahlt eine intime und malerische Wirkung aus, ohne in Romantizismen zu verfallen, die die Zweckbestimmtheit der früheren Altstadt fehlinterpretierten. Das Modell besticht durch anheimelnde Intimität und Kleinteiligkeit.“


    Wenn man sich dazu den Koloss des Technischen Rathauses vor Augen führt erledigt sich ein Kommentar dieser Beschreibung eigentlich von selbst. Erschreckend, das heute wie damals die Wettbewerbsbedingungen (Kleinteiligkeit, etc..) so missachtet worden sind und trotzdem dann der Siegerentwurf so bejubelt worden ist.


    Außerdem ist in dem Artikel auch noch ein Bild eines Modells abgebildet, auf dem neben dem Technischen Rathaus noch ein größerer (und noch hässlicherer) Komplex gebaut werden sollte, der sich auf dem gesamten Gelände zwischen Römerberg und Dom erstreckt. Zum Glück ist Frankfurt dieses Monstrum erspart geblieben.

  • Nun ja, über Absichten und Befindlichkeiten des Architekturkritikers Dieter B. etwa braucht man keine länglichen Überlegungen anzustellen, wenn die Tendenz in der Kommunalpolitik in die richtige Richtung weist. Denn entscheiden werden alleine die Stadtverordneten. Ein Artikel in der Rundschau von morgen veranlasst schon ein wenig zum Augenreiben, ausgerechnet die SPD setzt sich nun für den Bau von Fachwerkhäusern ein. Ziel soll "so viel Anlehnung an die historische Altstadt wie möglich" sein!


    Hier: http://www.fr-aktuell.de/resso…rt_und_hessen/?cnt=744433


    Schon erstaunlich, wie sich die Sache entwickelt. Lest mal die ersten Seiten dieses Threads ...