Wohnhochhäuser in Frankfurt

  • Eines der Probleme von Wohnhochhäusern in Deutschland ist der schlechte Ruf, der durch die Fehlkonstruktion der Hochhaustrabantenstadt ohne sinnvolle Nahverkehrsanbindung an städtische Zentren aufgebaut wurde.

    Ein anderes sind die prinzipiellen Kosten für Bau und Unterhalt von Wohnhochhäusern im Vergleich zu über die Fläche verschmierten EFH- und Reihenhauswürfelchen.

    Ersteres macht Wohnhochhäuser für die deutsche Mittel- und Oberschicht unattaktiv, letzteres für die, die Bedarf nach günstigem Wohnraum haben.


    Gegen den schlechten Ruf wird mit Luxustürmen im Stil des GrandTower noch eine Weile gearbeitet werden müssen - insbesondere auch, indem Wohnhochhäuser weiterhin in gut an den Nahverkehr und urbanes Leben angebundenen Gebieten gebaut werden. Ein Kandidat wäre für mich das alte EZB/BfG-Hochhaus - perfekte Lage und als Bürogebäude in die Jahre gekommen...

  • Ich glaube in Deutschland hat man generell eher einen Hang zum Eigenheim und zur Natur. Bis vor 30 Jahren war das Leben in der Stadt eher ein Auslaufmodell. Wenn man in den 80ern gesagt hat man kauft sich eine Wohnung in der Stadt wurde man doch eher schräg angeschaut. Alle in meiner Familie haben sich damals in irgendwelchen Käffern Häuser gekauft. Wie lang man pendeln musste hat da selten eine Rolle gespielt. Wohnhochhäuser werden daher schon von Grund auf als eher negativ gesehen, da sie sozusagen das Gegenteil dieses Idealbildes darstellen. Hilfreich ist dabei natürlich nicht das in Wohnhochhäusern tatsächlich eher Menschen aus sozial schwächeren Schichten wohnen. Es gibt in Stuttgart das Beispiel der Asemwaldsiedlung https://de.wikipedia.org/wiki/Asemwald. Viele Menschen denken das sein ein Ghetto. Dabei handelt es sich hier ausschließlich um Eigentumswohnungen die nicht gerade billig sind. Viele Bewohner wohnen dort bereits seit er Errichtung der Gebäude, die Wohnlage ist ruhig und doch eher gehoben. Es gibt sogar eine sehr aktive Hausgemeinschaft, also nix mit Vereinsamung und Anonymität http://www.asemwald.de/index.htm. Aber der Anblick der Gebäude alleine löst bei Menschen sofort die Assoziation "Ghetto" aus. Dieses Denken muss man eifach mal aus den Köpfen der Leute bekommen.

  • Naja, diese ganzen 60er/70er-Jahre-Siedlungen sind halt architektonisch furchtbarste triste Massenware und städtebaulich eine Vollkatastrophe. Schlimmer noch als die Zeilenbausiedlungen der 50er, und das will schon was heißen. Da kommt die Ghetto-Assoziation ganz automatisch. Jemand der es sich aussuchen kann würde freiwillig dort nie hinziehen, wobei Ausnahmen nur die Regel bestätigen. Andererseits ist der Mensch halt ein Gewohnheitstier. Wenn man sein ganzes Leben in so einem Käfig verbracht hat, findet man irgendwann tatsächlich noch irgendeine Art Gefallen daran.

    Von daher klar, dass solch ein furchtbarer Anblick immer direkt auch mit Ghetto assoziiert wird. Das wird sich auch nie ändern. Von daher wird man noch lange Zeit mit Luxustürmen dicke Bretter bohren müssen, und möglichst auch sich vieler dieser 70er-Jahre-Sünden entledigen müssen, bis das Wohnhochhaus nicht automatisch mit sozialen Problemen in Verbindung gebracht wird.

  • Die Siedlung erfüllt - trotz ihrer, nach deiner Aussage besseren Bewohnerstruktur - alle Merkmale des Ghettos. Es gibt als Nahverkehrsanbindung nur Buslinien, die Verbindung ins Stuttgarter Zentrum ist nicht umsteigefrei und dauert zwischen 40 und 50 Minuten, selbst zur nächstgelegenen Grundschule gibt es keine sicheren Fußwege - das ganze ist als Autopendleranlage im Grünen konzipiert.


    Und wenn sie in den 1980ern gebaut wurde, dann sind die Bewohner des Erstbezugs jetzt mehrheitlich im Rentenalter, so dass sie sich mit den nach 40 Jahren anstehenden Sanierungsarbeiten (Rohrleitungen, Warmwasserbereitung) schwer tun werden. Und auch "Neukäufer", die freiwerdende Wohnungen erwerben, haben erst mal ihre Hypotheken abzuzahlen. Sanierungsstau drückt die Verkaufspreise, ändert die Bewohnerstruktur... Gerade erst selber erlebt, Baujahr 72, deckt sich mit dem Alter der jüngsten Ersterwerber.


    Dass amerikanische Wohnhöchhäuser anders angeseehn werden resultitert aus der Zonenstruktur in diesen Städten. Du kannst üblicherweise entweder EFHs stellen, oder - ausschließlich direkt im Zentrum - Hochhäuser. Der Haustyp "Mehrfamilienhaus" mit 4-10 Wohneinheiten ist seit 70 Jahren bis auf ein paar Ausnahmen nicht mehr gebaut worden. Dadurch bedeutet "Wohnen in der Kernstadt" immer ein Hochhaus und die Alternative außerhalb ist eben EFH - gelegentlich noch mal DHH.

  • Sorry, aber da liegst du falsch. Gerade das Projekt Asemwald war seinerzeit sehr ambitioniert, im obersten Stock ist z. B. ein Schwimmbad untergebracht mit Blick über die angrenzenden Wälder. Beton war halt damals schick und für die späten 60er Jahre ist die Architektur durchaus noch herausragend. Das die Gebäude eine schlechte Reputation haben kam erst als man das Konzept für den Sozialbau kopiert hat und Gebäude dieser Art aufgrund der ungünstigen Bewohnerstruktur Schlagzeilen gemacht haben. Aber die Siedlung Asemwald funktioniert bis heute – im Gegensatz zu machen Altbaugebiet. Ein weiteres Beispiel einer funktionierenden Wohnsiedlung ist Alterlaa in Wien https://de.wikipedia.org/wiki/Wohnpark_Alterlaa.


    Die Siedlung erfüllt - trotz ihrer, nach deiner Aussage besseren Bewohnerstruktur - alle Merkmale des Ghettos. Es gibt als Nahverkehrsanbindung nur Buslinien, die Verbindung ins Stuttgarter Zentrum ist nicht umsteigefrei und dauert zwischen 40 und 50 Minuten, selbst zur nächstgelegenen Grundschule gibt es keine sicheren Fußwege - das ganze ist als Autopendleranlage im Grünen konzipiert.

    Komisches Argument. Es gibt in Stuttgart sehr viele gehobene Wohngegenden die nur über ein Busanbindung verfügen. Sind das jetzt auch Ghettos?

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    Die Kombination einer Groß-Wohnanlage ohne vollständige Siedlungsinfrastruktur - Schulen, Kitas, Einzelhandel jenseits Tankstelle und Grundversorgung - mit einer minimalen Nahverkehrsanbindung an urbane Zentren ist für mich die Basis der Ghettobildung. Wann die einsetzt, kann variieren, aber die Alterung der Anlage, der Verkauf von Wohnungen an "Anleger" statt Bewohner, aber eben auch an Bewohner, für die eine ältere Eigentumswohnung bei aktuellen Zinsen günstiger ist, als eine Mietwohnung, sind weitere Faktoren, die irgendwann Wirkung zeigen. Negative Gentrifizierung.


    Dass "gehobene" Wohnviertel innerhalb von Großstädten üblicherweise auch durch Löcher im Nahverkehrsnetz markiert sind (In Frankfurt z.B. der Bereich Frauenlobstraße, Cretzschmarstraße/Zeppelinalle bis zur B8) ist ein anderes Thema.




    Ich habe ich einer Wohnanlage, die beim Bau auch als schick galt und als ich 1990 kaufte, sehr gepflegt war, mit >70% Eigentümern unter den Bewohnern - und viel urbaner als Asemwald liegt - eine Wohnung.

    Den Rest siehst Du oben - ich habe halt gut 10 Jahre Vorsprung.

  • Und trotzdem ist der Asemwald kein Ghetto während z. B. das Nordbahnhofviertel mit seinen Altbauten und in Innenstadtnähe trotz direktem Anschluss an Stadt- und S-Bahn als Problemviertel gilt. Ich denke es ist auch dieses Schwarz/Weiß denken mit dem wir es uns in Deutschland künstlich schwer machen. Wohnhochhäuser ermöglichen z. B. großzügigere Grünflächen zwischen den Gebäuden und machen einen ÖNV-Anschluss eigentlich auch rentabler wie eine Einfamilienhaussiedlung. Man hat aber auch verschiedenen Gründen Hochhaussiedlungen an den Stadtrand verbannt, dort bevorzugt einkommensschwache Bevölkerungsschichten einquartiert und vernünftigen ÖNV teilweise sogar absichtlich sabotiert. Beim Asemwald ist ein Stadtbahnanschluss übrigens seit Jahren im Gespräch. Das Problem ist das es schon eine parallel verlaufende Linie gibt und das Fahrgastpotential daher zu niedrig wäre. Und vor kurzem gab es sogar eine Initiative die Siedlung um einen weiteren Wohnblock zu erweitern um eine neue Einfamilienhaussiedlung in der Nähe zu verhindern. Am Ende wurde aber beides vorerst gekippt, was im Umkehrschluss aber auch bedeutet das eben überhaupt keine neuen Wohnungen dort entstehen.