Architektur im Konflikt: Modernismus gegen Klassik

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Kein Mensch möchte hier verweilen oder einfach durchschlendern.

    Diese Aussage ist nicht korrekt.

    Ich gehe gerne durch die Saalgasse, es gibt also zumindest einen Menschen, der genau das tut. Spannend ist es immer, hier finden meine Augen die unterschiedlichsten Haltepunkte, je nach Wetter, Jahres- und Tageszeiten.

    Meiner Meinung nach sollte sich ein Stadtbild auch dadurch definieren, dass die Entwicklung der Stadt- und Baugeschichte – auch in ihren Brüchen und Widersprüchen – ablesbar wird. Dafür eine überzeugende Lösung zu finden ist sicherlich nicht einfach, zumal in Hinblick darauf, dass es vor allem darum gehen sollte, städtische Räume für Menschen zu schaffen, die den heutigen Gegebenheiten entsprechen. Seit jenen seligen „Klassischen“ Zeiten haben sich die Lebens- und Arbeitsweisen rasant verändert, gar nicht zu reden von den deutlich spürbaren klimatischen Veränderungen. Darauf ausschließlich mit einem Konzept zu antworten, das aus ganz andern historischen Bedingungen stammt und jegliches Neue per se ablehnt, ist dabei sicherlich nicht hilfreich.

  • Es mag manchem sicher nicht schmecken: Ich schätze die postmoderne Zeile sehr, auch wenn sie nicht der Weisheit letzter Schluß sein mag, und schlendere gerne durch die Saalgasse. Denn im Unterschied zu den Siedlungsbauten der 50er, die nicht in diesen Innenstadtbereich gehören, waren die schmalen, endlich mal ausreichend hohen Häuser der erste und gar nicht so schlechte Versuch, wieder etwas Urbanität ins nachkriegsverwüstete Herz der Stadt zu bringen. Kontraste sind Frankfurt. Man sollte sich mal darauf einlassen, sie und die 'neue' Altstadt zusammen zu sehen. Denn beide Projekte gingen zu sehr unterschiedlich denkenden Zeiten doch in die gleiche Richtung: Wiederherstellung von Stadtqualität.

  • Da wären es schon drei Mäxken . 8o
    Ich mag die Saalgasse auch sehr gerne – gerade wegen der verschiedenen Stilmixe der Reinterpretationen.

    Schwarz-Weiß-Denken und diese absoluten Überhöhungen in die eine oder andere Richtung, haben noch nie zu irgendetwas konstruktiven geführt. Eigentlich sollten wir gerade als Frankfurter, die Vorzüge von einer gewissen Durchmischung und Vielfalt architektonischer Stile zu schätzen wissen. Es gibt Stellen, da ist eine Rekonstruktion super (ich liebe z. B. die neue Altstadt), andere Stellen verlangen geradezu nach einer Bebauung die dem historischen und architektonischen Kontext gerecht wird (das wäre meines Erachtens z.B. beim Bethmannhof so) und dann gibt es da auch genügend Orte an denen gerade der Bruch damit die Spannung erzeugt und ein aufregendes, abwechslungsreiches Stadtbild entstehen lässt (hierfür haben wir unzählige Beispiel im kompletten Stadtgebiet).

    Man kann historische Architektur lieben, ohne moderne Stile zu verteufeln oder umgekehrt. Beides kann friedlich koexistieren und sich gegenseitig respektieren und sogar bereichern. Die Mischung machts. Es gibt für mich da keinen ersichtlichen Grund, warum man sich sklavisch für eine der beiden Richtungen entscheiden müsste. Und noch weiniger, um umgehend danach alles Gegensätzliche oder auch nur minimal Abweichende kategorisch abzulehnen.

  • Ich kann den Vorrednern nur zustimmen. Auch ich mag die postmoderne Seite der Saalgasse sehr. Wenn man ihr was vorwerfen kann, dann vielleicht, dass es sich um reine Wohngebäude handelt und so natürlich ein urbaner Faktor fehlt, der es lebendiger machen würde: Läden und Gastro. Dort wurde dann der Fehler wiederholt, der in den 50ern bereits gemacht wurde und dem Bereich Richtung Main oder auch süd-westlich vom Rathauskomplex den Ruf einer verschlafenen Vorstadtidylle eingebracht hat. Und die südliche Seite verhindert natürlich eine Wirkung von attraktivem Stadtraum.

  • Ganz ehrlich – es wirkt fast schon wie eine bewusste Strategie, dass die Visualisierungen von der Straßenseite nicht sofort veröffentlicht wurden. So lässt sich die öffentliche Kritik an der geplanten Entwicklung leichter kontrollieren oder verzögern. Wie ich hier schon mehrfach angedeutet habe, gibt es in Frankfurt – insbesondere innerhalb der Stadtverwaltung und Teilen der Architektenschaft – starke Kräfte, die strikt gegen eine historisch orientierte Gestaltung der Altstadt sind. Das sieht man deutlich, wenn man sich z. B. diesen YouTube-Clip hier anschaut. Diese Hardcore-Modernisten wollen unter keinen Umständen, dass die Altstadt wieder so aussieht wie früher. Auch beim Bau der neuen Altstadt war das sichtbar: Diejenigen, die sich für echte Rekonstruktionen einsetzten, wurden damals zu Kompromissen gezwungen. Viele wissen gar nicht, dass über die Hälfte der neuen Gebäude in der Altstadt modernistische Neubauten sind – und nicht rekonstruiert wurden. Das war kein Zufall, sondern Ergebnis genau dieser Haltung.

  • Das oben ist eine wirklich hübsche Verschwörungstheorie. Viel realistischer ist jedoch, dass den Preisträgern eine Überarbeitung der Saalgassen-Seite aufgegeben wurde, die noch nicht vorliegt. Dafür spricht, dass von offizieller Seite noch nichts zur Ausgang des Wettbewerbs bekannt gemacht wurde.

  • Angeregt durch diesen Thread habe ich besagte Gasse einmal besucht. Meinen persönlichen Geschmack treffen diese Gebäude nicht; zu sehr erinnert mich all dies dort an die Benetton-, Swatch- und Alessi-Jahre. Die Neue Altstadt hingegen finde ich fast durchgehend gelunden.

  • Ich finde es ehrlich gesagt faszinierend, dass es überhaupt Leute gibt, die die modernistische Saalgasse mögen. Wäre sie irgendwo draußen im Vorort – Dietzenbach, Berlin-Marzahn oder sonstwo im ehemaligen Ostblock – dann würde ich mich kaum aufregen. Da erwartet man ja fast schon diesen grauenhaften Modernismus. Aber hier reden wir von der Saalgasse. Mitten im Herzen von Frankfurt. In der Altstadt. Genau an dem Ort also, wo europäische Städte normalerweise ihre schönste, kulturell wertvollste Seite zeigen. So wie es mal hier war.

    Und was hat man hingestellt? Ein Sammelsurium an Beton-Grausamkeiten. Die erste Verteidigungslinie der Fans ist dann meist: „Ja, nach dem Krieg konnte man sich nichts anderes leisten.“ Mag sein, dass das damals teilweise so war – aber hier geht’s um mehr. Und genau da liegt das Problem im Städtebau bis heute: es fehlt einfach an Vernunft. Dann plötzlich geht es gar nicht um Geld. Die anderen, wie hier oben, feiern die Saalgasse, weil dort „so viele verschiedene Stile nebeneinander existieren“. Ganz ehrlich: ist das wirklich der Maßstab für gelungenen Städtebau? Je mehr Stile, desto besser? Das klingt wie eine Notlösung, nicht wie ein Konzept.

    Gerade die Altstadt müsste doch etwas ganz anderes leisten: sie sollte menschenfreundlich sein, lebendig, voller Atmosphäre und Kultur. Stattdessen wirkt die Saalgasse leer, tot, fast abweisend. Kein Mensch hält sich da freiwillig länger auf. Für alle, die noch nie da waren: hier ein paar Fotos. Damit ihr nicht wie Higgins selbst hingehen müsst – obwohl genau das wahrscheinlich der beste Weckruf wäre.

    Ich sag’s immer wieder: Der Nachkriegs-Modernismus hat unsere Städte verunstaltet. Es hat am Ende des Tages nichts mit Geld zu tun. Es ist eine komische ideologische Weltanschauung, die uns die Suppe versaltz. Es gibt keine Stadt, kein Viertel, nicht wahrscheinlich mal eine einzelne Straße, die in diesem streng modernistischen Stil gebaut wurde und wirklich beliebt ist. Modernistien können keine Städte bauen. Alles wird zu banlieue. Das müsste schon mittlerweile längst klar sein. Die Argumente der Modernisten wirken wie eine verdrehte Form von Vernunft. Auf den ersten Blick klingt’s logisch, aber am Ende bleibt nur ein Konstrukt, das weder Menschen überzeugt noch Städte schöner macht. Es beginnt im Architekturstudium, wo die Theorien gezüchtet werden, und endet in Bauten, die niemand wirklich liebt – außer ein paar Modernisten selbst, meistens Architekten oder Leute aus der Branche. Die Allgemeinheit mag den Modernismus nicht - das ist auch schon mal klar – aber der Zirkus geht trotzdem immer weiter.

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  • Vielen Dank! Ich bin Laie, habe aber das Gefühl, dass die Nachkriegsarchitekten immer mehr missionarisch unterwegs waren, dem einfachen Volk den Kopf waschend. Wer die Schönheit nicht erkennt, ist halt nicht erleuchtet. Selbstverwirklichung vor Gemeinwohl.

    Daher finde ich z.B. das Haussmann'sche Paris so schön, es hat eine wunderbar beruhigende Aura. Im Frankfurter Westend hingegen geht es von Gründerzeit zu Nachkriegsplatte zu Postmoderne und zurück.

    Die Saalgasse könnte also gut ein Mahnmal sein - "nie wieder (lassen wir solche Experimente zu).

    P.S.: Mein persönliches "highlight" sind die spitzen Erker, natürlich mit Aluminiumfenstern.

  • Und ich bin überrascht wie man darüber überrascht sein kann...

    Jedes einzelne Gebäude auf der Nordseite sprüht nur so vor Kreativität, manche sehen geradezu fröhlich aus.

    Ich verstehe ja, wenn man eine Abneigung gegenüber grauen, langweiligen Betonkisten hat, aber mich überrascht es dann eher wie man gegenüber solchen Gebäuden so negativ eingestellt sein kann.

    Der einzige Fehler den ich entdecken kann, ist die Erdgeschosszone, die ist zu tot, aber das kann natürlich auch der Lage geschuldet sein.

    Ich würde mir ungelogen die Finger lecken, in einer der Wohnungen leben zu können. Allein die unterschiedlichsten Fensterformen, mal ein Erker, mal eine Rundung... da passiert was mit einem (zumindest mir) und zwar mehr wie in all diesen langweiligen grauen und beigen Kisten mit bodentiefen Fenstern und offenen Küchen, die so in den letzten 15 Jahren aus dem Boden gestampft wurden.

    Einzig der Ausblick aus einigen Häusern wäre ein Wermutstropfen, aber da wären wir halt wieder bei langweiligen, grauen Kisten...

  • OlympiaFlo Ich würde sagen, man kann kreativ sein und daraus etwas Schönes gestalten – oder kreativ sein und am Ende eher weniger beeindruckende Ergebnisse erzielen. Hier ist meiner Meinung nach Letzteres der Fall. Kreativität an sich ist ja kein Qualitätsmerkmal – Donald Trump ist kreativ. Einige Häuser auf der Nordseite wirken höchstens lustig, fast so, als hätten Kinder sie gestaltet, aber keinesfalls besonders schön, angenehm oder stilvoll. Die Materialien wirken abweisend und kühl, und die durcheinandergewürfelten Farben führen eher zu Kitsch. Und vielleicht das Wichtigste: Nichts passt wirklich zusammen, und kaum etwas hat einen Bezug zu dem Ort, an dem es gebaut wurde. Wo ist die Ähnlichkeit zur nächsten Straße um die Ecke? Es wirkt fast so, als wären die Häuser aus dem Weltraum heruntergefallen. Und damit scheitert es für mich.

  • Also die Hausnummern 2-4, 6, 18, 22 & vll noch 26 wenn man das Rot ändern würde, finde ich schön. Aber so ist das halt mit der Schönheit, die liegt immer im Auge des Betrachters.

    Auch wirken auf mich die wenigsten Gebäude kühl oder abweisend? Bei der gegenüberliegenden Straßenseite trifft das alles zu, aber auf der Nordseite?

    Ich würde behaupten, wenn man ein ganzes Quartier so bauen würde und die Erdgeschosse mit Läden und Gastro füllte, wäre das Viertel fast genauso belebt wie die neue Altstadt, einfach weils quirlig und abwechslungsreich ist und alles ein menschliches Maß hat.

    Der Bau der St. Paulsgemeinde und vor allem des Historischen Museums sind mMn das Problem der Gasse, die sind abweisend, tot und erdrückend.

    "Bezug zu dem Ort" & "Ähnlichkeit zur nächsten Straße" warum sollte das zwingend nötig sein? Unterschiedliche Straßen sollten unterschiedliche Charaktere haben dürfen. Und mit der Kleinteiligkeit, den Dächern und den meistens nicht zu großen Fensterflächen nimmt die Gestaltung weitaus mehr Bezug auf eine Vorkriegsbebauung wie alles was sonst so zwischen 1950 und heute gebaut wurde.

  • OlympiaFlo Also, die Gebäude auf der einen Seite magst du gar nicht, wie du oben beschreibst, und auf der anderen Seite gefallen dir nur einige ausgewählte Häuser, du würdest teilweise die Farben ändern plus Läden hinzufügen und fändest es dann schön – aber trotzdem behauptest du hartnäckig, dass die Straße dir gefällt? Wie du es beschreibst gefällt dir mehr als die Hälfte der Straße nicht. Das ist doch ein Widerspruch, sorry wenn ich das mal so sagen darf. ;)

    Ich persönlich finde die nördlichen postmodernen Bauten auf jedem fall besser als den anderen Ostblock-Kram auf der gegenüberliegenden Seite. Die lehnen sich ja immerhin ein bisschen an historische Bauten an und sind kleinteilig wie die Altstadt so mal ist, und es wäre auf jedem Fall besser gewesen, wenn man das auf beiden Seiten so gemacht hätte. Und wie du sagst: ein paar kleine Läden unten drin hätten dem Ganzen auch gutgetan – aber das hat man halt verpasst. Da sind wir uns einig. Aber das wäre alles nur second best gewesen...

    Das Problem mit den postmodernen bzw. modernistischen Bauten ist doch, dass sich kaum jemand mit diesem Stil identifizieren kann. Das ist nicht Frankfurt-Altstadt, das ist etwas völlig anderes – erinnert vielleicht eher an Mexico City oder Südamerikanische Städte. Und genau deshalb ist es problematisch. Wir sind doch hier in Frankfurt, in der historischen Altstadt. Hier gelten andere Formen, andere Materialien, ein anderes Flair.

    Frankfurt hat seine Altstadt durch die Bombardierungen verloren – dieses Erbe ist einfach zum grossen Teil weg. Die meisten Leute wollen aber genau das zurückhaben. Deshalb wurde die Neue Altstadt auch so gut angenommen, auch wenn die Stadtplaner da einiges vergeigt haben und über die Hälfte reine Pseudobauten sind. An einem Ort, der zerstört wurde und mit dem sich die Leute stark identifizieren, ist es doch besser, die historischen Bauten wieder zu errichten, statt irgendetwas hinzusetzen, das mit dem Ort nichts zu tun hat.

    Die Debatte um die Saalgasse ist ja nicht neu. Die Befürworter dieser „fremden“ Bauten sind meistens Architekten und Stadtplaner, die ihre eigenen Produkte auf dem Markt platzieren wollen. Das ist am Ende Marketing und Verkaufen. Wenn man sich die Youtube-Videos über die Neue Altstadt anschaut, sieht man ja, wie die Leute reagieren: Die drehen den Kopf, wenn sie gefragt werden, was sie von den „neu interpretierten“ Bauten halten – und dann erklären die Architekten, warum das angeblich nicht anders sein durfte. Eine Frau, die dort geboren wurde, hat nur gefragt: Was haben die sich dabei überhaupt gedacht?

    Noch einer der vielleicht wichtigsten praktischen Aspekte, über die kaum jemand spricht: Welche Teile der heutigen Altstadt sind eigentlich gut besucht und lebendig? Wo machen die Leute ihre Fotos, wo wird geschlendert, wo trinkt man Kaffee? Und welche Teile eher nicht? Sind es die modernistischen Bereiche (z. B. Saalgasse oder die Flächen zwischen Römer und Bethmannhof) – oder die eher historisch treu wiederaufgebauten Ecken? Tja, die Antwort kennen wir alle. Und warum ist das so? Weil alle modernistischen Versuche, die Altstadt „anders“ als historisch zu gestalten, ALLE gescheitert sind. Und das gilt nicht nur für Frankfurt. Ganz oben auf dieser Pyramide der Fehlversuche stand ja mal das „wunderbare“ Technische Rathaus! :D

  • Irgendwie scheinst du sehr stark schwarz weiß zu denken und viel zu interpretieren...

    Hässlich finde ich in dieser Gasse genau 1! Gebäude und zwar das der evangelischen Kirche. Unansehnlich zudem noch die Zeilenblöcke und störend/abweisend den Bau des Historischen Museums.

    Meine aufgezählten Bauten der Nordseite finde ich allesamt schön, einzig das knallige Rot würde ich durch etwas weniger grelles ersetzen. Das bezieht sich rein auf die Farbe und nicht die Gestaltung. Stell dir vor, es gibt auch hässliche Farben an Gründerzeitlern. :D

    "Welche Teile der heutigen Altstadt sind eigentlich gut besucht und lebendig? Wo machen die Leute ihre Fotos, wo wird geschlendert, wo trinkt man Kaffee? Und welche Teile eher nicht? Sind es die modernistischen Bereiche (z. B. Saalgasse oder die Flächen zwischen Römer und Bethmannhof)"

    Diese Aussage zeigt mir deinen dogmatischen und krass verengten Blick auf Architektur. Warum ist die Saalgasse unbelebt? Nicht aufgrund der postmodernen Architektur, sondern weil es aufgrund Planungsfehler (rein Wohnungen, keine Gastro & Geschäfte im EG), der erdrückenden Enge am westlichen Eingang sowie der generellen Verwahrlosung des Straßenbereichs keinen Grund gibt, sich dort hin zu verlaufen.

    Belebt ist es da wo etwas geboten wird. Schließlich sind unsere Städte auch an wirklich hässlichen Plätzen gefüllt, wenn es dort Orte gibt, die Menschen anziehen.

    Die postmoderne Architektur ist nicht das Problem, außer für die Dogmatiker unter uns.

  • "Warum ist die Saalgasse unbelebt? Nicht aufgrund der postmodernen Architektur, sondern weil es aufgrund Planungsfehler (rein Wohnungen, keine Gastro & Geschäfte im EG), der erdrückenden Enge am westlichen Eingang sowie der generellen Verwahrlosung des Straßenbereichs keinen Grund gibt, sich dort hin zu verlaufen."

    Ich bin überzeugt, dass modernistische Architektur – ob Postmoderne oder andere moderne Stile – nicht in der Lage ist, wirklich beliebte Straßen, Stadtteile oder Städte zu schaffen. Der einfache Beweis: Es gibt schlicht keine überzeugenden Beispiele für ihren Erfolg. Wie viele Straßen oder Plätze aus den 50er, 60er, 70er, 80er, 90er oder 2000er Jahren sind bei der Bevölkerung beliebt? Beispiele sind schwer zu finden. Das Gegenteil – Fälle, in denen diese Architektur das Stadtbild zerstört, Stadtteile öde und unattraktiv macht – davon gibt es dagegen zahllose.

    Ein paar Beispiele:

    1) Die Zeil – früher historisch bebaut, schön und beliebt. Heute modernistisch, und ich noch nie von jemanden gehört, der sie schön findet (vielleicht finden wir eins oder zwei hier im Forum :) )

    2) Die modernistischen Gebiete westlich vom Römer – da geht kaum jemand hin, außer die wenigen, die dort wohnen. Keine besondere Beliebtheit.

    3) Konstablerwache – einst historisch schön, heute modernistisch hässlich und unbeliebt.

    4) Hauptwache – war einmal eine klassiche Perle, heute vom Modernismus weitgehend unschön gestaltet

    5) Berliner Straße, fast nur Modernismus – ebenfalls ohne Beliebtheit.

    Diese Liste ließe sich endlos fortführen.

    Und jetzt das Gegenbeispiel:

    Sachsenhausen Nord/Schweizer Straße – klassisches Viertel, sehr beliebt.

    Nordend, Bockenheim, Bornheim, Berger Straße – alles klassische Viertel mit hauptsätlich historischer Bausubstanz, allesamt hoch geschätzt.

    Das ist doch kein Zufall. Der Modernismus zerstört unsere Städte. Warum ist das so? Weil er auf Funktionalismus basiert – auf dem Prinzip „Form follows Function“ – wo Schönheit keine Rolle spielt. Und genau deswegen fuktionieren diese Orte nicht. Das muss endliche ein Ende haben, wenn wir wieder mehr schöne Orte schaffen wollen, die auch beliebt werden können.

    Das sind für viele vielleicht harte Worte (nichts Böses gemeint). Aber diese Tatsachen lassen sich auch quantitativ belegen – durch zahlreiche Untersuchungen zur modernen Architektur, die in der Regel negativ ausfallen.

  • Du setzt halt Beliebtheit mit "Schönheit" gleich. Oder vermischt die Punkte.

    Die Zeil ist beliebt, die Sonnenstraße in München ist beliebt, der Breitscheidplatz in Berlin ist beliebt, genauso die Schildergasse in Köln. Alle Plätze oder Straßen platzen vor Menschen, weil es dort Orte gibt, die die Menschen anziehen und keiner der genannten ist übermäßig "schön" und vollgestellt mit Nachkriegsarchitektur.

    Es kommt also nicht nur auf die Gestaltung an.

    Lage, Nutzung, Erreichbarkeit und Lokalitäten sind alle ebenso wichtig, ansonsten hat man halt ne hübsche, instagrammable Puppenstube, aber keinen Ort, den Bewohner einer Stadt brauchen. In München funktioniert an der Münchner Freiheit sogar das, was in Frankfurt an der Hauptwache schiefgeht. Ein abgesenkter, 70er Jahre Platz wird angenommen und verkommt nicht. Olympiadorf, klar ein Ausnahmekomplex, aber wird geliebt.

    Die Aussage "Modernismus zerstört unsere Städte" ist also offensichtlich falsch.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Vielen Dank! Ich bin Laie, habe aber das Gefühl, dass die Nachkriegsarchitekten immer mehr missionarisch unterwegs waren, dem einfachen Volk den Kopf waschend. Wer die Schönheit nicht erkennt, ist halt nicht erleuchtet. Selbstverwirklichung vor Gemeinwohl.

    Daher finde ich z.B. das Haussmann'sche Paris so schön, es hat eine wunderbar beruhigende Aura. Im Frankfurter Westend hingegen geht es von Gründerzeit zu Nachkriegsplatte zu Postmoderne und zurück

    Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Du Dir nochmal die Nachkriegssituation vor Augen führst, bevor Du dich zu solchen Aussagen versteigst.

    Bis zu 50 Prozent aller Wohnungen in grossen Städten waren zerstört, hinzu kamen 12 Millionen Flüchtlinge aus den früheren Ostgebieten die dringend ein Dach über den Kopf brauchten.

    Bis in die sechziger Jahre war die wichtigste Aufgabe in Ost und West Millionen von Wohnungen zu bauen, ansonsten wäre es zu sozialen Unruhen gekommen. Den meisten ist gar nicht bewusst, welche unfassbaren Leistungen damals in relativ kurzer Zeit erbracht wurden, was Wohnungsbau und Eingliederung von 12 Millionen Menschen betrifft, von allen anderen Aspekten wie Wirtschaftsaufschwung, Aufbau der Infrastruktur usw. mal abgesehen.

    Missionarisch war da keiner unterwegs, allerdings scheint mir naheliegend, dass man eben keine Altbauten aus der Gründerzeit bauen konnte, sondern Massenware, die allerdings Aufzüge und Badezimmer hatte und Fernwärme, alles Annehmlichkeiten, die vorher nur eine verschwindende Minderheit geniessen konnte.

    Ebenso mussten aufgrund der völligen Vernichtung der Werte möglichst viele Mietwohnungen gebaut werden, diese deshalb auch billig sein, - die 12 Millionen Flüchtlinge hatten nichts mehr ausser, das was sie schleppen konnten und der Stadtbevölkerung aufgrund der grösseren Zerstörung in den Städte ging es kaum besser- .

    Es wurde funktional und modern gebaut und die wenigsten, die eine Wohnung suchten, haben auch nur eine Sekunde über Schönheit reflektiert und das was Du Stadtplanern und Architekten unterstellst, nämlich Selbstverwirklichung vor Gemeinwohl, hat mit der damaligen Realität absolut nichts gemein, im Gegenteil. Damals hatte das Gemeinwohl oberste Priorität.

    Ab den siebziger Jahren kam dann mit wachsenden Wohlstand auch Architektur und neue Formensprachen mehr und mehr ins Bewusstsein der Menschen, allerdings war damals anders als heute Offenheit für Neues und Fortschrittsglaube wesentlich ausgepägter. Gleichzeitig wurden aber auch Altbauten wiederentdeckt und Erhaltung und Sanierung war endlich möglich, aus finanziellen Gründen eher im Westen als im Osten, es hat also eine parallele Entwicklung stattgefunden, die zu einer Vielfalt der Architektur geführt hat, die wir heute haben. Und dafür sollten wir dankbar sein.

    Was nun Hausmann betrifft, handelt es sich um Paris des 19 Jahrhunderts und ist nicht vergleichbar. Abgesehen davon war es ein Projekt der Elite in einem zentralistischen Staat, ein Vorzeigeprojekt. Das anzuführen ist völlig daneben in diesem Zusammenhang.

    Der einzigen Aussage deines Beitrages, der man vorbehaltslos zustimmen kann ist deine Feststellung: Ich bin ein Laie.

  • Higgins äußert hier eine ehrliche Meinung aus seinen eigenen Erfahrungen und wird dafür niedergemacht. Nicht gerade sportlich.

    Der Nächste kritisiert die Schreibweise oder irgendetwas anderes. Weg vom eigentlichen Thema. Freie Meinungen sind hier oft nicht besonders willkommen, aber das passt ins Gesamtbild vieler, aber natürlich nicht aller, Modernisten. Eine häufige Strategie, um modernistische Architektur am Leben zu halten, scheint Meinungsunterdrückung und Propaganda zu sein. Das habe ich leider schon öfters gesehen.

  • Oh bitte, du trittst hier doch auf als wärst du der einzige Allwissende und jeder andere hat nur eine verdrehte Meinung und will seine Agenda durchdrücken.

    Vielleicht war Theseus532 letzter Absatz ein wenig schnippisch, da mussten wir alle mal durch :P aber ansonsten hat er hier gut dargestellt warum unsere Städte oft so aussehen wie sie aussehen.

    Vielleicht sollten wir alle mal ne Runde an die frische Luft gehen und dann kann man wieder offen und rücksichtsvoll Standpunkte austauschen.

  • OlympiaFlo, ja, das ist fair. Lass uns versuchen eine positive Einstellung zu behalten. Es ist doch spannend zu erfahren, was alle denken und klar, jeder regt sich mal mehr und mal weniger auf.