Autofreie Friedrichstraße und Fußgängerzonen: Pro und Contra

  • Müsste nach dieser Logik in Berlin in etwa 100 mal so viel auf der Straße los sein wie in einer 35.000-Einwohner-Stadt?

    Nö - aber vielleicht wenigstens so viel wie in einer Einkaufsstrasse einer mittleren Kleinstadt? Der südliche Teild der Friedrichsstrasse ist tot. Wenn du das nicht siehst, dann tut mir das echt leid. Entweder hast du meine Bewunderung weil du ein radikaler Lokalpatriot der F-strasse bist, trotz völlig misslungener Gestaltung oder du hast dein Leben lang nur 50 Meter um die Friedrichsstrasse herum gewohnt. Du merkst, das ganze ist so absurd das ich hier schon selbsterfundene Verschwörungstheorien erfinden muss um deine Argumentation überhaupt einordnen zu können.

  • Der jetzige Zustand ist ja nicht der Endzustand. Die endgültige Gestaltung soll erst in einem Gestaltungswettbewerb geklärt werden. Es kann eben nur Schritt für Schritt vorgegangen werden: Zunächst musste die Straße eingezogen werden, dann kann der Gestaltungswettbewerb starten, und dann kann die endgültige Gestaltung erfolgen. Der jetzige Zustand ist nur ein Provisorium, das mit einfachsten Mitteln realisiert wurde. Sicher kann man diskutieren, ob solche provisorischen Gestaltungen überhaupt sinnvoll sind. Ich denke, dass ein paar Sitzgelegenheiten schon Sinn machen, um kurzfristig die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Wir werden ja sehen, wie sie im Sommer angenommen werden.

  • @UrbanFreak - schön, dass du inzwischen selber darauf kommst, wie absurd und inhaltsleer deine versuchte Argumentation ist. Mal abgesehen davon, dass eine Straße mit flanierenden Menschen und besetzten Sitzmöglichkeiten auch im umgangssprachlichen Sinne wohl kaum als tot und auch die Friedrichstraße an sich ja wohl kaum als Berlins zentrale Einkaufsstraße bezeichnet werden kann, würde ich dir empfehlen, mal ein wenig rauszukommen: du warst offensichtlich weder jemals an einem späten Nachmittag an einem Februar-Dienstag in der Einkaufsstraße einer mittleren Kleinstadt, noch zu ähnlicher Uhrzeit an einem Samstag in der Porschestraße in Wolfsburg. Was diese von dir initiierten nichtssagenden Vergleiche allerdings inhaltlich zur Diskussion beitragen sollen, keine Ahnung.

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  • Passend zum Vorschlag von Regent im Beitrag #199 gibt es einen kürzlich von Entwicklungsstadt vorgestellten Entwurf, der hier noch nicht gezeigt wurde.


    ews-friedrichstrasse-bye58.jpg

    (c) Christoph Kohl Stadtplaner Architekten


    Im Artikel wird ein Konzept von CKSA Architekten vorgestellt, das die Fußgängerzone der Friedrichstraße in einen größeren Kontext einzubinden versucht. Insbesondere durch eine Verkehrsberuhigung der Querstraßen zwischen Friedrichstraße und Gendarmenmarkt soll ein klares Fußgängergebiet definiert werden, das eine Art Verlängerung des Gendarmenmarkts bilden soll. Auch eine Fußgängerzone in der Mohrenstraße als Verbindung zur Mall of Berlin wurde vorgeschlagen.


    Besonders interessant finde ich die treffende Analyse des Büros, dass die Grünen mit ihren Holzkisten und Gewächshäusern zu sehr auf ein hippes, grünes Publikum abzielen. Allerdings kann sich die Friedrichstraße überhaupt nicht mit den alternativen Kreuzberger Altbau-Straßen messen - und das soll sie auch gar nicht. Das Büro schlägt deshalb vor, den Charakter der barocken Vorstadt stärker herauszuarbeiten und die Friedrichstraße eher zum schicken Ausgehviertel weiterzuentwickeln.


    Insbesondere die Gestaltung der Pflastersteine hält das Büro für ausschlaggebend. Auf keinen Fall darf die Gestaltung einer typisch Westdeutschen Fußgängerzone ähneln, sondern muss durch ansprechende Muster einen repräsentativen Charakter erhalten.


    Für problematisch halte ich weiterhin die daraus entstehenden Sackgassen westlich der Friedrichstraße, die sehr schnell zu toten Lieferecken verkommen können. Das ist in der oben gezeigten Visualisierung auch relativ gut zu sehen.

  • ^Danke für den Beitrag! Tatsächlich hatte ich genau so etwas im Sinn, Stichwort „klotzen statt kleckern“. „Barocke Vorstadt“ halte ich dann aber doch etwas weit hergeholt, zumindest wäre das jetzt für mich keine naheliegende Assoziation mit der heutigen Friedrichstraße.

  • Der Stadtgrundriss ist deutlich von barocken Idealen geprägt. Nur die Architektur der Randbebauung macht die Geschichte nicht mehr lesbar. Daher könnte gerade die Gestaltung des öffentlichen Raumes als Erweiterung des historischen Gendarmenmarkts eben diesen Charakter möglicherweise etwas hervorgraben und die Identität des Ortes stärken.

  • Ich halte das trotzdem für etwas weit hergeholt. Solche begrifflichkeiten wecken Erwartungen die sich dann letztlich nicht erfüllen. Wer Barock will geht nach Potsdam, für die Friedrichstraße sehe ich eher die Rolle einer urbanen Shopping und flaniermeile mit reichlich Gastronomie, ähnlich dem Quartier um Chatelet/Les Halles in Paris.

  • Insgesamt ein interessanter Entwurf. Er zeigt durchaus Potential (einheitliche Gestaltung und so weit ich erkenne auch Bodenhöhe, viel Außengastro, Grün, Wasserbrunnen(?) etc.) Eigentlich alles, was wir hier auch schon angsprochen hatten.

    Für problematisch halte ich weiterhin die daraus entstehenden Sackgassen westlich der Friedrichstraße, die sehr schnell zu toten Lieferecken verkommen können. Das ist in der oben gezeigten Visualisierung auch relativ gut zu sehen.

    Könnte man die denn nicht auch noch durchziehen und dann nur ggf. für Fahrräder sowie selektiv für morgendlichen Lieferverkehr etc. freigeben? Dann hätte man je parallel Autoverkehr, Fahrradstraße, Fußgängerzone und nochmals Autostraße und innerhalb dieses Sandwiches könnten die Fußgänger relativ frei unterwegs sein. Mir gefällt die Idee.


    Es zeigt sich mE aber u.a. auch hier wieder, dass man sich wirklich erst hätte planerisch austoben sollen, um dann den besten Entwurf zu identifizieren und letztlich umzusetzen. So sind gefühlt gerade die Anlieger schon mächtig gestresst worden, durch die diversen Hin- und Herrückereien inklusive halbherziger Provisorien. Schade drum. Ich hoffe, es kommt trotzdem noch einmal entsprechende Dynamik auf. Gerade unter der möglichen Konstellation schwarz-rot muss sich dann ggf. zeigen, wie diese mit solchen Potentialen umgeht. Wenn sie klug sind, lassen sie es nicht fallen, sondern machen es besser (was bei entsprechendem Willen auch durchaus realistisch wäre).

  • Ich hoffe das dieses wenig überzeugende Liebhaberprojekt der noch amtierenden Verkehrssenatorin abgesägt wird.


    Kein Mensch braucht diese hässlichen, provisorischen Sitzofferten auf ner Teerstrasse.


    Man könnte auf die Idee kommen es ginge nur um eilig hingestellte, erinnernde Signale die deutlich zu machen sollen, welcher Klientel die Kern-Stadt Berlin gehört.


    Wen stört es da schon von den Verantwortlichen, dass dieses Projekt von der Mehrheit der Anlieger mehr er- als mitgetragen wird, und das Bild der Bekanntesten Einkaufsmeile Ostberlins derzeit als Lachnummer mit Provinzschimmel um die Welt geht.


    Hauptsache man hat seine Fahne hier in den Asphalt gestoßen und öffentlichen Raum, zum Territorium seines doch eher begrenzten Ideenhorizontes erklärt, ganz egal wie das Ganze letztlich zu gebrauchen ist.


    Erinnert mich stark an die Fahne aufm Mond oder schlimmer, an die segnungsbeflissenheit einer Zeit in der man unbedingt in jedem noch so abgelegen Winkel der Erde ne Garnison und ne Kirche auf dem Gebiet von, als Ungläubigen abgewerteten, setzen musste.


    Bisher konnte man sich dank des Verkehrsaufkommens hier wenigstens Urbanität einreden.


    Zu recht befürchten die Anlieger eine weitere Erlahmung des Zuspruchs für diesen Teil der Einkaufsstraße und einen noch größeren Standortnachteil als die Städtebauliche soziostrukturelle und architekt. Disposition sowieso schon anbietet.


    Als Flaniermeile wird die Straße sowohl ästhetisch als auch im in der Ansprache an das entsprechende Publikum nicht funktionieren, weil sie in ihrer Substanz gar keinen Anlass dazu bietet.


    Es werden auch weder durch die verfasstheit der Raumkannten noch durch die Angebotspalette irgendwelche Voraussetzungen erfüllt, die so ein genussorientiertes „flanieren“ überhaupt begründen.


    Kein Mensch wird sich bei so einer Schlagseite von überwiegend Großkörniger Bebauung mit klinischen und plumpen Fassaden aus dem 20 &21jhd, mit nem dünneren Angebot als jede x-beliebige Mall an eine Flamiermeile erinnert fühlen, geschweige denn motiviert sein sich nun gezielt mit öffis dorthin begeben, um sich dann erschöpft von dem beeindruckenden Fluidum einer lahmgelegten Grossstadtmeile auf ne bunte Kiste zu setzen.


    Diese Idee wird über ihren Neuigkeitswert hinaus einfach nicht tragen und freue mich jetzt schon auf die weiteren herumdoktornden Folgemassnahmen und Endlosdebattenzirkel - wie am Kulturforum, Mehringplatz usw.


    Die Perspektive auf einen Einkaufshappen bei H&M einen tollen Anblick von Lamellenrollos in Klobigen endlos-Gebäudewürfeln mit ner Tüte Pommes vom Imbiss gegenüber ist wohl eher kein Versprechen auf ein lohnendes Ereignis.


    Dafür reicht auch das Angebot vom komfortablen Ein- und Ausstieg in ne dreckige, verwahrloste überfüllte ubahn mit allerlei Appetitzügelnden Gerüchen eher nicht aus.


    Die Verantwortlichen hätten besser getan die Verzahnung im Stadtgebiet näher zu betrachten und die substanziell nicht vorhandene Attraktivität des Ortes durch baul. Fehlentwicklungen und ungenügende Aussenwirksamkeit der Anlieger zu erkennen.


    Bevor ich überhaupt an Kosmetik aus Grünzeug mit Bänken denke, sollte man sich vielleicht fragen warum die Friedrichstraße als Frequenz-Ort hier nicht funktioniert, das fängt dann aber neben der ungeeigneten Proportion aus Architekturlandschaft und Strasse schon an der verschluckenden Wirkung der entstädterten Linden oder an dem diffusen Stadtloch zur Zimmerstrasse an.


    Jetzt sattelt man den Gaul wieder mal am Bauch, um behaupten zu können, man rette jetzt die dümpelnde Friedrichstraße indem man jetzt am Ort sein repräsentatives, alternativloses Basta-Symbol für die Verkehrswende setzt.


    Es gibt weder bedeutende zugkräftige Anker unter den Anrainern, keine näheren großen umsteigepunkte und keine sattere, funktionsgemischte städtebauliche Einbettung aus Leben und Arbeiten - Wie am Zoo, Alex oder der Südlichen Friedrichstraße.


    Möglich dass, die Voraussetzungen dort auch nur wie ein Stent funktionieren, weil sie eigentlich überhaupt keine genussvollen Stadträume darstellen, sondern der Aufenthalt sich dort aufgrund der funktionalen Verknüpfungen mehr als Notwendigkeit ergibt.


    Das für mich sowieso überlebte Konzept der verkehrsbefreiten Einkaufsstraße macht hier damit überhaupt keinen Sinn sondern, dürfte eher der Sargnagel für diese isolierte Shopping-Bubble sein - da baut man im Interim zum totalabschmieren der Friedrichstraße wohl besser gleich n Wäscheplatz für angestaubte Boutiquengarderobe die endgültig keiner mehr kaufen will.

  • ^Niemand will es in dem jetzigen Zustand belassen, auch Frau Jarasch nicht. Immerhin hatte sie zuletzt ja schon selbst ein paar Visionen formuliert (Piazza-Qualität), nach diesen in der Tat reichlich uninspirierten Provisorien. Es würde also auch unter RGR zu einer deutlich anspruchsvolleren Neuplanung und Neugestaltung kommen.


    Falls es dagegen zu schwarz-rot kommen sollte, ist dies hier wohl der aktuelle Stand der jeweiligen Vorstellungen:

    - CDU: Mobilitätskonzept für historische Mitte/Friedrichstraße gemeinsam mit Anrainern entwickeln

    - SPD: moderne Stadtraumgestaltung in der Friedrichstraße, die einer modernen europäischen Metropole gerecht wird, gemeinsam mit Anwohnenden und Gewerbetreibenden


    Was konkret die CDU damit meint, wird man im gegebenen Fall wohl bald herausfinden. Nach einer gänzlich autofreien Friedrichstraße klingt es mE aber nicht unbedingt, ohne dass es umgekehrt komplett auszuschließen wäre. Auch die SPD formuliert aber eher abstrakte Positivkriterien statt irgendwelche konkreten Maßnahmen/ Vorstellungen.


    Nach wie vor denke ich aber, dass auch schwarz-rot jetzt nicht zu stark alles zurückdrehen sollte. Man sollte die Verkehrswende eher konsequenter und attraktiver für die Gesamtbevölkerung gestalten, statt zu viele Kompromisse einzugehen und nur eine Gruppe glücklich zu machen (mE ein Fehler der Grünen). Die recht erfolgreiche Merkel-Strategie war ja immer wieder, anderen Parteien ihre entscheidenden/populären Themen zu klauen (bei den Grünen z.B. Energiewende, Migrationspolitik, bei der SPD einzelne Elemente der Sozialpolitik). Schwarz-rot hätte so gegenüber RGR ähnlich wie die CDU im Bund noch umgekehrt den Vorteil, dass man rechts davon keine Alternative mehr findet, wenn man nicht happy damit ist.


    Konkret für die Friedrichstraße hieße das für mich, dass man die Provisorien durch ein kluges integriertes Konzept ersetzt wie es z.B. weiter oben in den Visualisierungen angedeutet wurde: Jeder Verkehrsträger findet Platz (der MIV freilich weniger Spuren und Parkplätze) und die verschiedenen Geschwindigkeiten kommen sich nicht unnötig ins Gehege. Man kann die Verkehrsträger mE durchaus in dieser Form trennen, ohne dass einer davon dann gar nicht mehr attraktiv wäre. Niemand muss mit dem Auto bis vor die Tür eines Ladens kommen (das ging zumindest in der Innenstadt ohnehin immer nur begrenzt, den Raum kann man also gleich intelligenter und attraktiver nutzen). Ansonsten gibt es auch Taxi, Uber etc. Wer luxuriös shoppen geht, wird sich in den meisten Fällen auch noch die paar Euro on top leisten können und wird sich womöglich sogar gerne chauffieren lassen statt Parkplätze suchen und sich ggf. noch wegen der Parkuhr hetzen zu müssen.

    Zudem würde ich von schwarz-rot auch erwarten, dass man etwas mehr law and order im öffentlichen Raum durchsetzt. Dazu zählt auch, dass man die wie angesprochen oft schmuddelige/verwahrloste U-Bahn aufräumt und dem ÖPNV-Raum wieder insgesamt höhere Attraktivität und Aufenthaltsqualität verleiht. Inwiefern das realistisch umsetzbar ist, wäre die andere Frage (gefühlt gab es leider unter keiner Koalition viel Energie dafür). Zumindest sollte es aber der Anspruch sein und man hat ja gesehen, was allein schon etwas mehr BSR-Einsatz mit manchen Parks/Vierteln positiv verändern kann.

    3 Mal editiert, zuletzt von jan85 ()

  • Die Frage ist doch eigentlich warum die Friedrichsstrasse in den 1920er Jahren so beliebt war. Was schafft wirklich Frequenz und Attraktion? Es muss hierzu doch entsprechend wirtschaftspsychologische Studien geben.


    Ich persönlich glaube das es einfach auch mehr Ober- und Mittelständische Gesellschaft vor 100 Jahren in der Gegend gegeben hat.


    Heutzutage sieht man doch vor allem Touristen dort. Wohnungen gibt es zwar, aber sind diese auch immer durchgehend genutzt? Oder hat man eine toxisches Mischung aus Extrem-Reichen und sozial bedürftigen? Die einen kaum da, die anderen können kaum weg, haben aber auch kein Geld und Nerv für teuren Konsum.


    Wie kann man an der Friedrichsstrasse und Umgebung Wohnungen für eine städtische, gut situierte aber trotzdem noch in der Mittelschicht ansässige Gesellschaft ermöglichen? Ich glaube Verdichtung, Aufstockung, Hinterhofbebauung und eventuell auch ergänzende Hochbauten an den Ecken insofern der Bestand minderwertig ist, könnte die Einwohnerdichte und Kaufkraft erhöhen.


    Ich denke genau das wäre dann tatsächlich auch der Schlüssel für eine lebendige Friedrichsstrasse.

  • Ich persönlich glaube das es einfach auch mehr Ober- und Mittelständische Gesellschaft vor 100 Jahren in der Gegend gegeben hat.

    Ich vermute, dass auch vor 100 Jahren in diesem Abschnitt der Friedrichstraße kaum jemand gewohnt hat: Es gab dort Hotels, Kaufhäuser, Geschäfte, Varietés, Bars, Firmensitze, etc. – aber wenige direkte Anwohner. Man kann das vielleicht vergleichen mit den großen, westdeutschen Einkaufsstraßen der Nachkriegszeit, wie der Mönckebergstraße in Hamburg oder der Zeil in FFM: Alle strömten dorthin, um einzukaufen und was zu erleben; kaum jemand wohnte dort. (Inzwischen sind auch diese Straßen bekanntlich im Niedergang.)


    Was die Friedrichstadt als Ganze betrifft gebe ich Dir allerdings recht: Es gibt dort zuviele Büros und Touri-Anlaufpunkte und zuwenig Wohnraum für die Mittelschicht. Wie das zu lösen ist, weiß ich allerdings nicht: Angesichts der Grundstückpreise kann man dort nichts zu Marktkonditionen bauen, was sich die Mittelschicht leisten könnte (so sie mehr als 50 qm bewohnen will).

    Im Artikel wird ein Konzept von CKSA Architekten vorgestellt, das die Fußgängerzone der Friedrichstraße in einen größeren Kontext einzubinden versucht.

    Dit jefällt mir. Hatte hier schon früher mal angeregt, dass man die Anbindung an den Gendarmenmarkt stärken solle – denn der funktioniert ja gut (sobald er wieder begehbar ist). Auch die Idee einer einheitlichen Gestaltung mit zusammenhängendem Pflaster und Brunnen sagt mir zu. Wobei die einst "barocke Vorstadt" natürlich nur noch am Straßengrundriss zu erkennen ist. Die barocke Bebauung war in der Friedrichstraße schon vor 100 Jahren fast gänzlich verschwunden und hatte ganz anderen Dimensionen platzgemacht.

  • ^Ich würde dir nicht widersprechen - das kann durchaus sein. Aber woher kam die Nachfrage. Heute ist Mitte doch relativ "Bürgerleer". Das "echte" Berliner Leben spielt sich doch in Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Charlottenburg ab. Mitte wirkt wie eine Filmkulisse. Selbst die Universitäten bringen nicht wirkliches Leben an die Linden. Der nördliche Teil der Friedrichsstrasse lebt eher noch durch die S-Bahn Anbindung und einige gute Einrichtungen für die Mittelschicht z.B. die tolle Buchhandlung "Dussmann". Südlich davon wird das Angebot irgendwie absurd. Irgendwo zwischen Checkpoint Charlie und McDonalds gibt es hochtrabende Bekleidungsläden - alles wirkt wieder wie eine seltsame Kulisse und sehr gewollt, aber nicht gekonnt.


    Die zentrale Frage ist doch: Wie macht man aus Berlin Mitte wieder eine echte Mitte? Denn: Das Problem der Friedrichsstrasse ist doch eigentlich nur eine Reflektion weiter Teile der Berliner historischen Mitte: Bis auf Tourismus, nichts los.


    Es gibt aber auch einige Ecken die tatsächlich revitalisiert und voller Leben sind (vielleicht auch schon in der DDR mit Leben gefüllt waren): Hackescher Markt, der Alexanderplatz (hier besteht natürlich Verbesserungsbedarf), die Gegend um den Rosenthaler Platz, das Spreeufer nördlich der Friedrichsstrasse.


    Was könnte man tun um den Rest der Berliner MItte wieder zu einem echten, lebendigen Innenstadt-quartier zu machen? Vorschläge? Damit würde nämlich auch die Friedrichsstrasse wieder aufblühen! Ob Fußgängerzone oder nicht.

  • @UrbanFreak Ich denke die Friedrichstraße hat mit den Vorkriegsstrukturen nur noch wenig gemeinsam. Früher hatte die Straße einen deutlich besseren städtebaulichen Zusammenhang. Die Friedrichstadt lebte von Unter den Linden und seinen Repräsentationsbauten, das Einkaufserlebnis an der Leipziger Straße, die den Potsdamer Platz mit dem Spittelmarkt verbunden hat und schließlich die Friedrichstraße, die eine starke Querverbindung zwischen den zwei anderen Straßen hergestellt hat. Bekannt war die Friedrichstraße für ihre Restaurants und Bars. Diese identitätsstiftende, städtebauliche Komposition haben die Berliner sogar in den Volksmund aufgenommen: Unter den Linden, Friedrichstraße und Leipziger Straße nannte man respektive Laufstraße, Saufstraße und Kaufstraße.


    Heute hat insbesondere die Leipziger Straße ihre historische Funktion komplett verloren. Die Mall of Berlin kann man eigentlich nicht mitzählen, da sie sich von der Straße abwendet und dem Straßenleben fast schon eher schadet. Damit endet die Friedrichstraße für die Berliner mehr oder weniger im nichts (welcher Einheimischer geht schon zum Checkpoint Charlie?) Auch der Mehringplatz als südlicher Abschluss der Achse ist vollständig verloren und schafft keinen Bezugspunkt mehr.


    Zu den Gebäuden: Offensichtlich ist auch, dass die architektonische Qualität im Verhältnis zum Vorkriegszustand desaströs ist. Früher gab es abwechslungsreiche, aufwendige Fassaden mit großen Schaufenstern, die zum Einkaufen einluden. Gleichzeitig blieben die Parzellen aufgrund der barocken Vorgeschichte kleinteilig und das Straßenbild abwechslungsreich. Das Wertheim an der Leipziger Straße bildet wohl eines der wenigen Ausnahmen.

    Heute läuft man am schauderhaften Russischen Haus der Wissenschaften, an übergroßen Büroblocks mit dunklen Fassaden und introvertierten Shopping-Arkaden vorbei (die auch schon halb ausgestorben sind)...


    Typologisch unterscheiden sich die Gebäude ebenfalls. Bis zum Jahr 1900 wurden noch häufig Wohn- und Geschäftshäuser errichtet, die in den unteren Etagen dem Gewerbe vorbehalten waren und in den oberen Etagen für Wohnungen genutzt wurden. Nach 1900 wurden zwar immer mehr reine Geschäftshäuser errichtet, jedoch denke ich, dass die weiterhin existierenden Gebäude aus dem späten 19.Jhd. und die noch überlebenden reinen Wohnhäuser aus der früheren Generation bis 1890 zu einer deutlich größeren Nutzungsmischung, bzw. einem höheren Wohnanteil beigetragen haben - insbesondere im Vergleich zu der starken Monofunktionalität des heutigen Quartiers. Außerdem unterschied sich das damalige Gewerbe darin, dass die Büroflächen von denselben Unternehmen belegt wurden, die die Geschäftsräume im Erdgeschoss betrieben haben. Hinzu kamen auch viele kleingewerbliche Betriebe. Das ist mit den heutigen, hermetisch geschlossenen Bürokloppern in der Umgebung kaum zu vergleichen.

  • Zur Geschichte der Friedrichstraße gibt es ein recht gutes Buch von David Koser "Abbruch und Neubau".

    https://bebra-wissenschaft.de/…l/abbruch-und-neubau.html

    Dieses Buch beschreibt ziemlich gut, wie in der Zeit um 1900 fast alle Wohnhäuser in der Friedrichstraße abgerissen wurden und durch Büro- und Geschäftshäuser ersetzt wurden. Die Folge dieser Prozesse war ein drastischer Rückgang der Wohnbevölkerung.


    Der Niedergang der Friedrichstraße setzte dann schon in der Weimarer Republik ein, er hatte mit dem Aufstieg der attraktiveren Straßen Tauentzienstraße und Kurfürstendamm zu tun. Bei Franz Hessel kann man schon nachlesen, dass die Friedrichstraße schon in den 1920er Jahren ziemlich heruntergekommen war, während im Westen das Leben pulsierte. Heute kommen noch die Probleme mit dem Online-Handel hinzu. Daher denke ich, dass völlig neue Konzepte nötig sind, die autofreie Friedrichstraße ist nur ein Baustein davon.

  • ^Ich denke nach wie vor, dass man besondere kulturelle Angebote (nicht alle hochpreisig) sowie einige gute Restaurants mit Außenbewirtschaftung (dito) gebrauchen könnte. Im Rahmen einer verkehrsberuhigten Zone könnte das durchaus auch ohne Wohnbebauung funktionieren und Menschen anziehen. Natürlich werden es trotzdem anteilig viele Touristen sein.


    Das Problem wird leider sein, dass es realistisch weiter eher luxuriöse Angebote geben wird. Die Mieten sind vermutlich trotz des Niedergangs enorm und der (ökonomische) Leidensdruck muss vermutlich erst wachsen, bevor da Zugeständnisse gemacht werden.

  • Viele vergessen, dass sich die Friedrichstraße bis zur U-5-Baustellte gut entwickelt hat, lasst ihr halt (baustellenfreie) Zeit. Sie braucht keine Experimente wie aktuell sondern eine natürliche Entwicklung. Bleibt zu hoffen, dass der neue Senat dies erkennt. Meine Einschätzung zur Friedrichstraße ist deshalb im Vergleich zu meinen Vorrednern eine gänzlich andere.


    Die Wiedernutzung der ehem. barocken Blockstrukturen mit 22 Meter und den schon Friedrichstadt-typischen beiden Staffelungen (teilweise (!) sehr elegant gelöst) haben doch ein recht unverkennbares Bild entstehen lassen. Und mal ehrlich, der Blick an der Ecke Unter den Linden in die Friedrichstraße Richtung Süden (angefangen mit den Kolonnaden-Gängen über die Kreuzung bis zur Leipziger) ist wohl eine der metropolitansten Situationen Berlins.


    Eine "Saufstraße" ist sie heute nicht mehr und da ist Klarenbachs Verweis nicht zu leugnen, dass die Veränderung (Niedergang würde ich nicht sagen) schon früher begann. Im Grunde begann ein Umbau zu einem Büro- und Dienstleistungsstandort wie wir ihn heute auch vorfinden. Zudem hat die Unterbrechung und Auslöschung im Grunde aller Traditionslinien vor Ort ein Anknüpfen an die Bilder der Friedrichstraße in der Kaiserzeit (die wir alle im Kopf haben) unmöglich gemacht.


    Dass Berlin kein so eindeutiges Zentrum oder gar Downtown wie die meisten anderen Städte besitzt liegt nicht nur an Krieg und Teilung, sondern auch an der Topographie der Stadt. Berlin hat eine repräsentative Stadtmitte, aber mehrere Zentren. Und hier wird’s interessant, so wie der Alex für viele nicht mehr Zentrum ist als der Kudamm, und Kreuzberg nicht mehr Zentrum als der Prenzlauer Berg ist, so haben wir doch eine Stadtmitte mit fast einmalig logischer Abfolge (Potsdamer, Hauptbahnhof, dazwischen Regierungsviertel, die Linden als große Ost-West-Verbindung, im Bereich Friedrichstraße als Nord-Süd-Achse viel Büro und Wirtschaft und dann abfolgend der kulturelle Teil von U wie Friedrichstadtpalast bis Hackescher Markt und E wie Gendarmenmarkt, Uni, Oper, Theater, Museumsinsel, etc.


    Und in diesem Gefüge kann sich die Friedrichstraße weiter entwickeln, von großem Büroleerstand weiß ich nichts, aber es ist halt (und dabei muss ich bleiben) eine Durchfahrtsstraße. Sie hat Höhepunkte wie Dussmann, Lafayette und diverse repräsentative Hauseingänge und Hallen. Negativ allerdings ist die Situation am Quartier 206, was aber hauptsächlich an der Besitzerstruktur liegt, zudem hat VW Mäcklers elegante Präsentationshalle am Lindencorso völlig banalisiert.


    Aber es gibt doch viele gute Nachrichten. Die Veränderung durch die U5 können sich jetzt erst entfalten, da die Baustelle weg ist. Die Linden werden hoffentlich bald wieder welch haben, das neue Tacheles wird mit Sicherheit bis in den Süden Auswirkungen haben. Dann kommen noch zahlreiche Neubauten wie Ministerien (Finanzen, Umwelt, Bundesrat) in der Umgebung hinzu, der bisher nicht genutzte Bau für das Gesundheitsministerium wird belebt, Wohn- und Geschäftsneubauten an der Wilhelmstraße und am Denkmal. Bleibt nur zu hoffen, dass man am Checkpoint Charlie Mut zu was Größerem hat, die Voraussetzungen wären gegeben. Dies könnte die Friedrichstraße bis zum heutigen Mehringplatz einen Schub geben.


    Viele möchten hier etwas implementieren was die heutige Friedrichstraße nicht ist. Man plante viel, doch es kam etwas ganz Eigenes dabei heraus. Das mag nicht jeden gefallen, da man hierzulande gerne in Schachteln einordnet, "ist sie jetzt eine Kaufstraße oder ist sie jetzt keine?"! Es ist einfach die Friedrichstraße, eigen ja, leider immer noch (!) mit schwachem Hinterland (siehe Raum Leipziger und ohne Verbindung zum Spittelmarkt), vielleicht aber auch der Ort an dem aus den Blöcken einmal Hochhäuser erwachsen, da die Anbindung U/S und die Zentralität herausragend ist. Mein Wünsch wäre, lasst all diese Verschlimmbesserungen und lasst die Straße ihre eigene Entwicklung nehmen.

  • Dass Berlin kein so eindeutiges Zentrum oder gar Downtown wie die meisten anderen Städte besitzt liegt nicht nur an Krieg und Teilung, sondern auch an der Topographie der Stadt. Berlin hat eine repräsentative Stadtmitte, aber mehrere Zentren.

    Das ist nichts was Berlin exklusiv hat! In Paris gibt es auch mehrere Zentren mit Champs Elysees, Arc de Triomphe und Eifelturm auf der einen, und Place de la Republique, Marais und Chatelet auf der anderen. Dazu noch unzählige Subzentren – Pigalle, La Vilette, St. Denis, Montparnasse, Montreuil usw. – und schließlich auch noch das Bankenviertel La Defense. Same in London. Ist jetzt die City of London, Soho oder doch eher Buckingham Palace, Parlament mit Big Ben und Knightsbridge mit z. B. Harrods Kaufhaus Zentrum?

  • ^^ Wobei, findet man in Paris oder London wirklich eine solch starke Dualität von Zentren wie Alexanderplatz - City-West vor? Mir ging es ja um die Einordnung des "zentralen Bereichs" (eine sehr aufschlussreiche Bezeichnung aus Mauerzeiten) rund um die Friedrichstraße in eben diese aus meiner Sicht einmalige Dualität.

  • ^Auf jeden Fall! Wobei London und Paris einfach wegen der deutlich höheren Einwohnerzahlen natürlich etwas schwer mit Berlin zu vergleichen sind. Zudem gibt es etwas vergleichbares wie die Business-Viertel “City of London, La Defense oder Canary Warf” in Berlin nicht. In Paris ist ganz klar der Bereich um die Champs Élysées der repräsentative Bereich, der in erster Linie Touristen anzieht. Die Einheimischen findet man im Marais oder Chatelet – dort brummt auch das Leben – Touristen wiederum sind dort eher weniger. In London trifft man rings um Buckingham Palace und Big Ben auch eher Touristen, während Soho und Oxford Street eine Mischung aus “City West und Hackescher Markt” sein könnte. Und die City of London ist eine Mischung aus Big Business und Hipstertum, direkt nebenan befindet sich mit Shoreditch das “Kreuzberg” Londons.