Leipzig: Vor der Zerstörung (Zeitraum von ca. 1890- 1941)

  • Vielleicht gibts ja in Leipzig auch ein Stadtarchiv, das hin und wieder seine Schmuckstücke preisgibt (wenn jemand sich bemüht, sie zu finden). Fänd ich ganz prima.

  • Das mag nach heutigen maßstäben so sein. Aber wenn man sich so die ganze entartete Architektur so anschaut mit diesen Glaskästen und würfeln

    die das Städtebild heute teilweise verschandeln, dann blickt man wehleidig in diese Zeit zurück.

    Es werden aber natürlich auch in der heutigen Zeit noch einige gute Sachen gemacht, siehe den Stadtschloß Neubau in Berlin.

  • Mit Verlaub, aber Begriffe wie "entartet" sollten in diesem Forum doch bitte vermieden werden. Man kann ja über Ästhetik geteilter Meinung sein, aber deshalb muss man sich nicht der Nazi-Sprache bedienen.

  • Also der Begriff ''entartet'' ist wohl schon etwas älter als eine gewisse Zeit die hier angesprochen wird. Und darf man jetzt Begriffe nicht mehr verwänden

    nur weil irgendwelche temporären Konstrukte sich derer zu propagandazwecken bedient haben? Nach der Logik müsste man dann eine ''Sprachpolizei''

    einführen. Mit Verlaub, hier geht es um Architektur und nicht um irgendwelche Ideologien.

  • ....und weil es um Architektur und eben nicht um irgendwelche Ideologien geht, sollte man auf solch Sprache verzichten. Überlege bitte, was du mit dem Wort "entartet" transportierst : es suggeriert, es gäbe eine Art architektonischen Naturzustand und eine Abkehr von diesem sei krankhaft o.Ä.

    Also ja, Nazi - Jargon bzw. der Jargon irgendwelcher noch älteren Reaktionäre.


    Abseits davon denke ich zu verstehen, was du ausdrücken willst und teile es wahrscheinlich sogar: ich finde viele in den letzten Jahrzehnten gebaute Häuser auch sehr sehr unschön, manchmal laufe oder radele ich sogar Umwege durch die Stadt, um ihnen nicht zu begegnen.

  • Also der Begriff ''entartet'' ist wohl schon etwas älter als eine gewisse Zeit die hier angesprochen wird. Und darf man jetzt Begriffe nicht mehr verwänden (Sic!)

    nur weil irgendwelche temporären Konstrukte sich derer zu propagandazwecken (Sic!) bedient haben? Nach der Logik (Sic!) müsste man dann eine ''Sprachpolizei''

    einführen.

    Interessante These, für die Du sicherlich auch Belege hast.


    So ist Sprache nicht etwas, dem der Sprachbenutzer unwissend und wehrlos ausgeliefert ist, sondern sie spiegelt sich wider in einem sprachlichen Kontext.

    Hat das "temporäre Konstrukt" nicht doch etwas mit dem von Dir beklagten Zustand unserer Städte zu tun? Hatte es nicht doch "irgendwelche" Folgen?

  • Stimmt, hier geht es um Architektur! Daher macht es auch keinen Sinn mit ideologischer Sprache über Architektur zu reden.


    Es gibt genügend Nazi-Wörter, die wir unbewusst verwenden ("Sonder-...", "fanatisch", "asozial", "auf-/hochziehen"), die aber durch die massive Propaganda einen dauerhaft neuen Sinn bekommen haben (gerne nachzulesen beim Dresdner Sprachwissenschaftler Victor Klemperer aus dem Jahre 1947 oder Sternberger/Stolz/Süßkind). Gerade aber "entartet" ist ein allgemein bekanntes Wort des Nazi-Jargons vor allem in Bezug auf Kunst und Architektur. Um das zu wissen braucht es auch keine "Sprachpolizei" - übrigens auch ein rechtfertigendes Wort aus neurechten und rechtspopulistischen Kreisen. Sprache formt Denken und umgekehrt.

  • ^Kann mich dem nur anschließen. Gerade im Kontext von Kunst und auch Architektur hat das Adjektiv "entartet" eine dezidierte Bedeutung, nämlich diese (um nur ganz schlicht aus der Wikipedia zu zitieren):


    „Entartete Kunst“ war während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland der offiziell propagierte Begriff für mit rassentheoretischen Begründungen diffamierte Moderne Kunst. Der Begriff Entartung wurde Ende des 19. Jahrhunderts von der Medizin auf die Kunst übertragen.


    Das Ganze kulminierte bekanntlich in der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst".


    Ein daneben bestehendes "neutrales" Begriffsverständnis von "entartet" im Zusammenhang von Kunst und Architektur kann daher ernsthaft nicht behauptet werden. Was ist dann ein Konzentrationslager: Ein Denksportcamp?

  • Das mag nach heutigen maßstäben so sein. Aber wenn man sich so die ganze entartete Architektur so anschaut mit diesen Glaskästen und würfeln

    die das Städtebild heute teilweise verschandeln, dann blickt man wehleidig in diese Zeit zurück.

    Es werden aber natürlich auch in der heutigen Zeit noch einige gute Sachen gemacht, siehe den Stadtschloß Neubau in Berlin.

    Ich nehme an, du meinst "wehmütig", oder?


    Mir klingt das Ganze zu absolut. Wer ist "man"? Es scheint so, als wolltest du aus deinen persönlichen Ansichten eine allgemeingültige Aussage ableiten. Ich hätte gern Beispiele für die deiner Meinung nach das Stadtbild Leipzigs verschandelnden Glaskästen und -würfel.

    Ist für dich alles, was seit dem zweiten Weltkrieg entstanden ist, keine nennenswerte Architektur, es sei denn, es handelt sich um eine Reko? Ich frage das nur, um deine Aussagen besser einordnen zu können.


    Gerade Leipzig hat z. B. mit dem großartigen Neubau des Paulinums und auch dem derzeit laufenden Neubau der SAB sowie vielen weiteren Bauten gelungene Beispiele für moderne Architektur geschaffen.

    Hier wurde immer gern abgerissen und wieder neu gebaut. Etliche großartige Gebäude sind bereits auf die Art und Weise verschwunden. Natürlich haben die Zerstörungen des zweiten Weltkriegs riesige Lücken gerissen, einen weiteren Teil hat dann die DDR abgeräumt und in der Nachwendezeit fiel auch noch einiges. Bis heute werden Gebäude abgerissen.

    Ich habe zahlreiche Bücher, die sich mit der historischen Architektur Leipzigs befassen und gucke gern dort hinein. Manches vermisse ich heute. Trotzdem ist eine Stadt kein starres Konstrukt, sie verändert sich mit den Menschen, die dort leben und passt sich veränderten Gegebenheiten an.

  • Leipzig wäre nicht Leipzig, wenn man nicht permanent mit dem historischen gebrochen hätte. Was ist denn in der Innenstadt schon richtig alt im Sinne von Mittelalter? Die Stadt wurde permanent verändert. Ich möchte nur daran erinnern, dass auch mal das alte Rathaus abgerissen werden sollte um Platz für eine Messehalle zu schaffen. Das ist die Identität, quasi die DNA von Leipzig. Und da bin ich der Meinung, dass es eher Hochhäuser anstatt von Glaskästen sein müssen.


    Was uns das Wort entartet sagen soll, ist mir in dem Zusammenhang völlig unklar... Wenn Leipzig in seiner "natürlichen Art" bleiben soll, dann sind spektakuläre Bauprojekte, die wenig Rücksicht auf eine vermeintlich bessere Zeit nehmen, beinahe zwingend!

  • Ich denke, SK hat es nun verstanden. Bei aller absolut berechtigten Kritik an seiner Wortwahl und der Verallgemeinerung muss ich mich ihm in Teilen anschließen. Man hat "früher", und damit meine ich unseren Breitengraden in den Epochen ab dem Mittelalter (hier insbesondere die Sakralbauten), vor allem aber die Bauten der Neuzeit und des 19. Jahrhunderts, dem Barock, der Renaissance, dem Historismus, dem Jugendstil sowie der Gründerzeit - ergo alles bis in die 1910-1920er Jahre architektonisch wesentlich wertvoller und vor allem detailverliebter gebaut. Derlei Stuck, Figuren, Verzierungen, Erker, Türmchen, Gaupen und verschiedenste Dachformen werden heute nicht mehr mitgedacht. All das sind Bauten, die man sich sich immer und immer wieder gerne anschaut und bei dem einem das Herz aufgeht, wenn sie saniert werden und in altem Glanz erstrahlen. Das gilt ebenso so für Brücken, Straßenlaternen, Treppenaufgänge, Portale usw.. All dies wird heute völlig unstreitig einfach nicht mehr gebaut - sicher aus wirtschaftlichen Gründen. Und ja, ich sehe es wie SK (zumindest weiß ich, was er meint): Die allermeisten der heute gebauten Objekte sind beliebig, verwechselbar und stiften wenig bis keine Identität. Zumeist ist es ein Kasten, ein Flach- oder Staffeldach, bodentiefe Fenster, einheitsbeige- oder weiß, glatte Fassade, mit etwas Glück ein trapezverblechtes Satteldach. Und genau aus diesem Grund sollte man viel häufiger zur Reko zurückgreifen, als einen neuen Schuhkarton zu kreieren. Wenn ich Freunden mit stolzer Brust Leipzig zeige, zeige ich Ihnen ganz gewiss nicht die Probstei St. Trinitas oder die Plattenbauten in Nähe der Innenstadt um den Dorotheenplatz oder der Reichsstraße oder die Nachwendebauten im inneren Osten, dem wirklich hässlichen Hotel, dass die Ostseite des Hbf verdeckt und verschandelt und sicher werde ich mit ihnen auch künftig um den WLP einen Bogen machen, weil das, was dort entstehen soll, imgrunde in jeder anderen deutschen und vor allem westdteuschen Stadt so oder so ähnlich auch zu finden ist. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es gibt punktuell auch moderne Bauten oder Bauten aus der DDR, die sehr gelungen sind und die der Stadt ihren Stempel verpassen, aber wenn man mal in der Bevölkerung eine Umfrage starten würde, wären die o.g. Bauten die weitaus Beliebteren, da bin ich mir sicher. Und darum sollte es doch gehen, oder? Leipzig ist eine schöne Stadt, aber architektonisch war sie vor dem Krieg wesentlich schöner (meine Meinung).

  • Schade, NU, dass du extra einen Bogen um die Geschichte machst. Diese Architektur gehört eben auch dazu, der Plattenbau hat tausenden Leipziger/innen den Zugang zu moderner Wohnqualität geebnet. Gerade die St. Trinitatiskirche, und ich bin sicherlich kein Kirchennarr, ist nun wirklich ein Beispiel für Qualität Moderner Architektur, trotz der Einfachheit mit vielen kleinen Details. Ohne Progressivität gäbe es auch keinen Barock, keinen Jugendstil, Art Deco usw.

    Natürlich gibt es, gerade um das Wintergartenhochhaus, genügend Beispiele für einfallslose Fassaden -das geht besser! Aber ist es nicht auch eine Frage der Mittel? Wer will sich eine 100m2 Wohnung für ein paar tausend mtl. leisten, nur damit Figuren an der Fassade und Blümchen ins Treppengeländer geschnitzt sind.

    Denn interessant ist auch die Frage, woher eigentlich das ganze Geld für die Prachtbauten kam: Ausbeutung der Arbeiter/innen, Imperialismus und Kaiserreich. Eine multilaterale Demokratie mit Mindestlohn (zugespitzt formuliert) kann sich sowas nicht leisten: Wahlen, Opposition, Handelsabkommen und Sozialleistungen sind die Prachtbauten heutiger Zeit und sind bei weitem schöner darin zu leben. Na und die wenigen mit dem großen Kapital wollen eben nicht auffallen. ;-)

    Man sollte also nicht nur "stolz" die Fassaden zeigen, sondern auch die Geschichte dahinter erzählen und dann fällt das Romantisieren von den kleinen Details und Figürchen und Türmchen und Balkönchen der Vorkriegsarchitektur gleich n bissi schwerer. Auch wenn's hübsch anzuschauen ist.

  • Denn interessant ist auch die Frage, woher eigentlich das ganze Geld für die Prachtbauten kam: Ausbeutung der Arbeiter/innen, Imperialismus und Kaiserreich.

    Die Frage ist interessant, aber völlig falsch beantwortet. Die identitätsstiftenden Bauten aus der Kaiserzeit - vom Gerichtsgebäude über den kommunalen Schulbau bis zum Gründerzeitbau - wurden nicht durch Ausbeutung der Arbeiter oder Einnahmen aus den wenigen deutschen Kolonien finanziert. Die Steuerbelastungen waren damals äußerst gering, und die Kolonien eher ein Zuschussgeschäft. Auch die stadtbildprägenden Gründerzeitbauten waren keine Prestigeobjekte schwerreicher Industriemogule, sondern häufig Mietskasernen für den kleinen Mann. Selbst die immer noch großartigen Wohnanlagen aus den zwanziger Jahren wurden in Zeiten größer Not errichtet.


    Es war damals möglich, dem allgemeinen Ästhetikempfinden entsprechend zu bauen, und das wäre es auch heute noch. Oder wie könnte man sonst denkmalgerechte, detailverliebte Sanierungen mit Einbau des aktuellsten Schnickschnacks in diese "Prachtbauten" stemmen?

  • Vielleicht gibts ja in Leipzig auch ein Stadtarchiv, das hin und wieder seine Schmuckstücke preisgibt (wenn jemand sich bemüht, sie zu finden). Fänd ich ganz prima.

    Das gibt es in der Tat (ist erst 2019 in den Kopfbau der Messehalle 12/Sowjetischer Pavillon gezogen) und da sind auch sehr viele Schätze zu finden, wenn man sich auf die Suche begibt (u.a. das Messeprivileg von 1165, aber auch riesige Bestände an Fotos, Karten und Plänen).

    Aktuell sind zwar keine Besuche möglich, aber im Foyer ist immer eine kleine Ausstellung von Archivalien zu wechselnden Themen für jedermann zugänglich. Letztes Jahr um diese Zeit beispielsweise rund um das Werk von Johannes Koppe, derzeit rund um die Großstadtwerdung Leipzigs. Und seit einiger Zeit gibt es auch auf den öffentlichen Kanälen regelmäßig Beiträge zu Objekten aus dem Bildarchiv, wo man ganz gezielt auf Hinweise aus der Bevölkerung aus ist.


    Ansonsten bin ich weitestgehend bei LeipzigSO: Von den Kirchen in den Vororten, die teilweise aus dem 11. Jahrhundert stammen (die Knautnaundorfer ist tatsächlich der älteste erhaltene Kirchenbau in Sachsen), mal abgesehen, gibt es in Leipzig meines Wissens nach kein einziges Gebäude mehr, das man bis in das Mittelalter zurückdatieren kann. Das letzte derartige Bauwerk, was man mit ganz viel Augen zudrücken noch zur Kernstadt hätte zählen können, war der Kuhturm an der Jahnallee, der um 1940 für die Gutenbergausstellung weichen musste. Ansonsten gibt es bestenfalls es im Untergrund noch letzte Reste, die aber auch weitestgehend durch Tiefgaragen ersetzt wurden. Somit trägt das Alte Rathaus seinen Namen absolut zu recht, denn es dürfte tatsächlich der älteste erhaltene Profanbau der Stadt sein. Von den ganzen weißen Kisten bin ich auch kein Fan, aber es gibt schon noch den einen oder anderen Lichtblick, auch wenn man ihn suchen muss. Und Nuperus, gerade das Ensemble rund um den Dorotheenplatz finde ich ziemlich gelungen, es könnte nur mal eine Auffrischung der Fassaden vertragen.

  • Leipzig wäre nicht Leipzig, wenn man nicht permanent mit dem historischen gebrochen hätte. Was ist denn in der Innenstadt schon richtig alt im Sinne von Mittelalter? Die Stadt wurde permanent verändert. Ich möchte nur daran erinnern, dass auch mal das alte Rathaus abgerissen werden sollte um Platz für eine Messehalle zu schaffen. Das ist die Identität, quasi die DNA von Leipzig. Und da bin ich der Meinung, dass es eher Hochhäuser anstatt von Glaskästen sein müssen.


    Was uns das Wort entartet sagen soll, ist mir in dem Zusammenhang völlig unklar... Wenn Leipzig in seiner "natürlichen Art" bleiben soll, dann sind spektakuläre Bauprojekte, die wenig Rücksicht auf eine vermeintlich bessere Zeit nehmen, beinahe zwingend!

    Prinzipiell gehe ich mit der Aussage, das sich die Stadt stets erneuert hat mit, so dass kaum noch Gebäude aus der städtischen Frühzeit existieren können.

    Aber, die Struktur der Innenstadt ist, im Gegensatz zu anderen Städten nicht stark überformt worden. Soll heißen die Gebäude haben sich zwar stets gewandelt, jedoch ein Hausmann, Ceaucescu oder Speer (wo wir mal wieder bei den letzten 1000 Jahren wären ;) hat niemals seine Spur durch die (Innen) Stadt gezogen um Sichtachsen oder Boulevards anzulegen. Eben dieses macht den gegensätzlichen Reiz der Innenstadt aus.

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    Das Thema kommt hier immer wieder hoch. Vor einigen Tagen hatte ich dazu im Café Mephisto folgendes geschrieben:



  • Die Frage ist interessant, aber völlig falsch beantwortet. Die identitätsstiftenden Bauten aus der Kaiserzeit - vom Gerichtsgebäude über den kommunalen Schulbau bis zum Gründerzeitbau - wurden nicht durch Ausbeutung der Arbeiter oder Einnahmen aus den wenigen deutschen Kolonien finanziert. Die Steuerbelastungen waren damals äußerst gering, und die Kolonien eher ein Zuschussgeschäft. Auch die stadtbildprägenden Gründerzeitbauten waren keine Prestigeobjekte schwerreicher Industriemogule, sondern häufig Mietskasernen für den kleinen Mann. Selbst die immer noch großartigen Wohnanlagen aus den zwanziger Jahren wurden in Zeiten größer Not errichtet.

    Bitte? Womit wurden die Gründerzeitbauten sonst finanziert? (Außer die paar Lotterien die es gab, zur Teilfinanzierung von Großprojekten)
    Es ist nun leider ein Fakt, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Armut lebte und nur eine vergleichsweise kleine Mittelschicht existierte. Die Steuerpolitik des Kaiserreiches war Teil der Klassengesellschaft und diese war von Grund auf ausbeuterisch. Da gibt es nichts zu verklären. Industrielle haben die Eisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden finanziert und wie kamen deren Gewinne?
    Ausbeutung funktioniert nicht nur über Steuern. Die absurd niedrigen Löhne bedeuteten maximale Gewinne und sind ebenso Teil dieser schon erwähnten Klassengesellschaft gewesen, deren Profiteur/innen dann im schicken Waldstraßenviertel, dem Vorderhaus, der Beletage oder auf der Kaiser-Willhelm-Straße gewohnt haben.

    Arbeiter/innen lebten in einfacheren Häusern (bspw. Albert-Schweizer-Straße, Mühlstraße, Viktoriastraße oft nicht weit von Eisenbahnstrecken). Ein weiteres Gesicht der Ausbeutung: eine Familie in einem Raum oder Zimmer - diese wurden im 12 oder gar 8h-Takt gewechselt (also nur zum Schlafen). Teilweise lebten arm und reich unter einem Dach: nur eben arm im Dachboden und reich unten in der Beletage. Der "kleine Mann" kannte sicher keine Wohnung nach unserem heutigen Verständnis. Selbst der Mittelstand lebte oft genug in Wohngemeinschaften. Das ist die Kehrseite der schönen Fassade. Also, das beantwortet ganz bestimmt die Frage, wie solche Bauten finanziert werden konnten.

    Diese Formen der Wohngemeinschaft muss nicht unbedingt negativ sein (in St. Petersburg gibt es immer noch Kommunalkas) und ich würde sie anders als die Mietskaserne nicht zur Ausbeutung zählen. Dennoch verdeutlicht dies, dass sich die moderne Architektur an die moderne Wohnqualität angepasst hat und ein Vergleich (damals waren Häuser so schön und heute alle so hässlich) nicht so einfach funktioniert, wenn man die Funktionalität und Lebensqualität berücksichtigt oder wer würde gerne mit der damaligen Wohnsituation tauschen wollen, ohne Bad und ohne Klo? Wer mehrere Zimmer bewohnen will, muss halt Abstriche bei der Dekoration machen. Moderne Architektur kommt daher, dass der Großteil der Bevölkerung in dunklen Zimmern hauste. Große Fenster, helle Räume, und Wohnungen, die sich auch ärmere leisten können, das ist doch die Idee moderner Architektur. Unsere Demokratie ist eben keine Klassengesellschaft mehr.


    Zusatz zur Kolonie, abseits des Architekturthemas: Und dann die Mähr von der Kolonie. Diese waren ein Verlustgeschäft, weil die Waren so billig exportiert wurden. Es gab eine Zeit, da konnte man sich von einem Säckchen Muskatnüssen ein Haus im Amsterdamer Hafen kaufen. Der gleiche Preise wurde sicher nicht in der Kolonie erzielt, ihre Gewinnspanne demnach gering. Erst in Europa wurden dafür Unsummen bezahlt, der Gewinn eingefahren. Dazu kommt, dass die Schiffe nicht leer in die Kolonien kamen. Europäische Waren wurden in afrikanischen Kolonien gegen Sklaven getauscht, die in Amerika auf Plantagen zwangsarbeiten mussten und deren Ertrag wiederum wurde zurück nach Europa gebracht. Dieses Gewinn-Dreieck taucht im Saldo einer einzelnen Kolonie ebenso gar nicht auf.
    All diese Güter zum Aufbau dieser Kolonien, wurden in Europa gefertigt, subventioniert vom Staat. Davon sind die Löhne der Arbeiter/innen in Europa sicherlich trotzdem nicht gestiegen und trotzdem haben Unternehmer damit massive Gewinne gemacht.