Wirtschaftsfaktor Rechenzentren

  • Frankfurt weist aufgrund des Datenknotens DE-Cix eine ausgeprägte Standortgunst für Rechenzentren (RZ) auf. Mit wachsender Geschwindigkeit und in immer größeren Dimensionen - so scheint es - werden RZ im Stadtgebiet aber auch im Umland entwickelt. In Gewerbegebieten kommt es sogar schon zu einem regelrechten Kampf um Flächen und Standorte.


    Wo soll das enden? Profitiert die Stadt Frankfurt in irgendeiner Weise von den vielen RZ?

  • Ein Fluch, weil es fensterlose Klötze sind, mit häßlichem Stacheldraht umwickelt.


    Ein wirtschaftlicher Segen, weil viele Firmen mit vielen Datenbewegungen wie Investmentbanken etc. die Nähe zu den Zentren suchen, damit die Kosten der Glasfaserverbindungen günstiger sind, weil die Wege kürzer sind.

  • ^^ In ihrem jährlichen Report über die städtischen Steuereinnahmen berichtete die FAZ wiederholt darüber, zuletzt am 9.7.2019 "Gewerbesteuer: Wer Frankfurt finanziert" (lieder hinter der paywall). Die Gewerbesteuereinnahmen werden nach Herkunft gegliedert (Banken/Finanzwirtschaft, Industrie... und Sonstige). Sonstige trugen zuletzt zu rd. 25% des Gewerbesteueraufkommens bei, den größten Einzelanteil in diesem Segment sollen die Rechenzentren ausmachen. Was das in Prozenten am Gesamtaufkommen oder in Euro und Cent ausmacht, weiß ich nicht. Deshalb ja, die Stadt profitiert von den Rechenzentren.

  • Ich kenne die Statistiken und die Argumente. Allerdings ist dabei auf Folgendes hinzuweisen:


    Die Angaben der FAZ über die Gewerbesteuer beziehen sich explizit auf die 100 größten Gewerbesteuerzahler Frankfurts. Und ob sich darunter gleich die Betreiber der RZ befinden ist völlig unklar. Es wird lediglich spekuliert.


    Welche Kunden die RZ bedienen ist m.W. nach auch unklar. Bekannt ist hingegen, dass Cloud-Dienste und große Namen wie Mircosoft zunehmend RZ-Standorte in Frankfurt eröffnen. Zudem wächst der Sektor stärker als alle anderen Wirtschaftszweige. Das lässt - zugegebenermaßen auch bloß spekuliert - annehmen, dass Ziele auf einer anderen Maßstabsebene verfolgt werden: Frankfurt bedient auch die Region, Hessen und Deutschland.


    Die Beantwortung der Frage ob Fluch oder Segen für die Stadt Frankfurt ist deshalb meines Erachtens so leicht nicht zu beantworten.

  • Rechenzentren mausern sich zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor


    In diesem Forum wird regelmäßig über die neuen Bauvorhaben in der Sparte Rechenzentren berichtet. In keiner anderen Stadt, deutschlandweit nicht und europaweit auch nicht, sind Rechenzentren derart zahlreich konzentriert wie in Frankfurt. Um die 40 Rechenzentren dürften es mittlerweile sein. Würde man sie alle beieinander stellen, würden sie fast die Fläche der Innenstadt innerhalb des Anlagenrings zwischen Main und Zeil einnehmen.


    Der frühe Ausbau des Internetknotens und der Breitbandnetze dürfte die Entwicklung angestoßen haben. Inzwischen sind aber die Glasfasernetze überall so ausgebaut, dass der Standortvorteil Frankfurts schmelzen dürfte. Was also treibt die Branche an, trotz hoher Grundstückpreise und trotz hoher Gewerbesteuer ausgerechnet hier immer mehr und immer größere Rechenzentren zu bauen?


    Ohne Strom geht nichts, weshalb für die einwandfreie Funktion der digitalen Infrastruktur die Stabilität des Stromnetzes von allergrößter Bedeutung ist. Ein wesentlicher Grund dafür, dass Serverfarmen von Unternehmen wie Interxion, Equinix, eShelter u.a. wie Pilze aus dem Boden sprießen, dürfte an einem besonderen Standortvorteil von Frankfurt liegen, der sich aus seiner besonderen Lage im deutschen Energienetz ergibt.


    - Frankfurt verfügt über eine doppelte Anbindung an das deutsche Höchstspannungsnetz.


    Auf der Höchstspannungsebene (110 kV und mehr) ist Deutschland in vier Regelzonen gegliedert, die über Kuppelstellen untereinander und mit den Netzen der Nachbarländer verbunden sind.


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    Grafik: Bundeszentrale für Politische Bildung


    In etwas besser aufgelösten Karten erkennt man, dass Frankfurt direkt an der Grenze der Regelzonen von Tennet TSO und Amprion liegt. Das Stadtgebiet selbst liegt in der Regelzone von Tennet TSO, nördlich, westlich und südlich stößt das Stadtgebiet aber unmittelbar an die Regelzone von Amprion an. Das Versorgungsgebiet der Mainova AG, des örtlichen Energieversorgungsunternehmens, das größer ist als das Stadtgebiet, bezieht deshalb Strom aus zwei unterschiedlichen Regelzonen. Sollte es in einem dieser Übertragungsnetzgebiete zu einem großflächigen Blackout kommen, wäre immer noch ein zweiter Leitungsstrang vorhanden, mit dem die Versorgung der Stadt gewährleistet werden kann. Der Blick in die Karte zeigt, dass dies so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal ist.


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    Grafik: Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V.


    - die Mainova betreibt selbst mehrere Großkraftwerke im Stadtgebiet. Mit einer Erzeugungsleistung von etwa 460 Megawatt bieten sie eine zusätzliche Sicherheit bei Lastengpässen und Störungen.


    - Auf der Ebene der Mittel- und Niederspannungsnetze gibt es einen hohen Vermaschungsgrad; Voraussetzung dafür, dass im Fall einer Versorgungsunterbrechung eine Wiederversorgung innerhalb kürzester Zeit über die untergeordnete Netzebene erfolgen kann.


    Die Summe dieser Faktoren begründet einen Standortvorteil, der die Ansiedlung der Rechenzentren offenkundig begünstigt. Inzwischen entfallen auf die Rechenzentren über 20% des in Frankfurt verbrauchten Stroms, Tendenz steigend. Flughafen und Rechenzenten zusammen verbrauchen etwa die Hälfte des in Frankfurt abgegebenen Stroms.


    Die Branche hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor gemausert, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennt. Klar ist, dass all diese Bauvorhaben in Gewerbegebieten angesiedelt sind, teils werden Industriebrachen umgenutzt, teils neue Flächen beansprucht. Es gibt inzwischen vier Cluster: Ostend/Seckbach, Gallus/Griesheim, Rödelheim/Sossenheim und Kalbach.


    Architektonisch sind es reine Zweckbauten, eigentlich Industriebauten, markant heben sich die Blitzschutzanlagen, Kühlaggregate und Kamine und Dieseltanks der Notstromaggregate hervor, aber was es nicht gibt, ist eine ent- und ansprechende Industriearchitektur. Bei zwei Vorhaben keimt Hoffnung auf, dass die Branche architektonisches Selbstbewusstsein zeigt und den Charme Nato-Draht-umwickelter Schlichtbauten ablegt: ich meine das Interxion-Projekt HL 264 (ex. Audi-Zentrum) und die anscheinendgeplante Umnutzung des denkmalgeschützten Egon-Eiermann-Gebäudes auf dem Neckermann-Gelände.

    Einmal editiert, zuletzt von tunnelklick () aus folgendem Grund: Rechtschreibung

  • Die Energieversorgung ist essenziell. Aber es kommen sogar noch mehr Gründe hinzu.


    Meine aktive Zeit in der Datacenter-Branche ist zwar schon eine ganze Weile her, aber bereits zum Jahrtausendwechsel war ein Vorteil von FFM die Verfügbarkeit von redundanten Datenringen mit sehr hohen Bandbreiten (v.a. Dark-Fiber spielt hier eine Rolle) an den bevorzugten RZ-Standorten im Stadtgebiet. Durch die schrittweise Eröffnung weiterer DE-CIX-Standorte auf den Flächen verschiedener Datacenterbetreiber, ist es wirtschaftlich wie technisch attraktiv hier in Frankfurt Peerings (Verbindungen zwischen zwei Providern) aufzubauen und seine Server auch gleicht dort aufzustellen. Alles an einem Ort, Netzwerkkabel reicht sozusagen. Zudem erhält man damit auch leichten Zugang zu den internationalen Netzbetreibern, über die man seine Daten von/in die USA, Asien etc. routen kann.


    Kurzum, die Attraktivität des Standorts steigt durch die Dynamik und die dadurch zunehmenden Synergie- und Netzwerkeffekte immer weiter und zieht weitere Unternehmen an. Daher konzentriert sich dieses Business über die Jahre an wenigen Orten auf der Welt. Will ich auf diese Leistungen von ganz woanders zugreifen, handele ich mir damit einen Wettbewerbsnachteil ein.

  • Kleine Spielerei am Rande:


    Addiert man die Grundstücksflächen der großen Rechenzentrums-Cluster, in denen die Rechenzentren sich klumpen, also Kalbach, Seckbach, Ostend, Gallus, Griesheim, Sossenheim und Rödelheim, kommt man auf rd. 413.000 m² (darin nicht enthalten sind kleinere verstreute Standorte). Auf einen Haufen gepackt würden sie diese Fläche einnehmen:


    © Stadtvermessungsamt Frankfurt am Main, Stand 04.2020, © Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation


    Mit einem einem Teil des Neckermanngeländes, das als Standort in Rede steht, kämen weitere 30-40.000 m² hinzu,

  • Abwärme zu Fernwärme?

    In einem aktuellen Magistratsbericht zum Ausbau der Fernwärme in Frankfurt geht es u.a auch um die Frage, ob und wie die Abwärme aus den Großrechenzentren nutzbar gemacht werden könnte.


    Die direkte Einspeisung von z.B. Abwärme aus Rechenzentren (RZ) in die Fernwärme gestaltet sich jedoch in der Regel schwierig. Zum einen wegen der räumlichen Entfernung, zum anderen dadurch, dass die Abwärme von einem Temperaturniveau von ca. 30°C auf ein Niveau von über 100°C gebracht werden müsste. Dazu sind aufwändige Wärmepumpenanlagen erforderlich. Einfacher wäre es, wenn RZ die Rechnerbauteile direkt mit Wasser statt mit Luft kühlen würden (wie im Cloud and Heat RZ im Eurotheum). Dann stünde die Wärme mit 65°C zur Verfügung und könnte deutlich effizienter auf das erforderliche Temperaturniveau gebracht werden.

    ...

    Eine Alternative zum unmittelbaren Anschluss an das Fernwärmenetz bilden innovative Quartierslösungen. Mehrere Gebäude werden hierbei zu "Inselnetzen" zusammengefasst und die Erzeugung durch die Kombination verschiedener u.a. erneuerbarer Technologien sichergestellt, um die Wärmeversorgung zunehmend emissionsarmer zu gestalten. Der Zusammenschluss von Quartieren und Siedlungen steigert in der Folge die Chancen, diese Inseln in das Fernwärmesystem zu integrieren. In dieser Konstellation prüft Mainova regelmäßig, inwieweit sich innovative Lösungen aus z.B. der Abwärmenutzung von Rechenzentren mit einer klassischen Versorgung aus Fernwärme oder dezentraler Anlagen (BHWK) kombinieren lassen. Mainova steht hierzu in engem Austausch mit dem Energiereferat der Stadt Frankfurt. Für ein Modellquartier im Gallus wird aktuell ein dementsprechendes Konzept erstellt.


    Q



    Modellquartier im Gallus hört sich nach Westville (Ex-Avaya-Gelände) an, das ja direkt an einem RZ-Cluster liegt.