Paulskirche: Generalsanierung oder Rekonstruktion?

  • Es ist doch unstrittig, dass es in Deutschland nur drei historische Gebäude gibt, die für die parlamentarische Demokratie stehen: Paulskirche, Bundestag und Reichstag. Zwei davon sind in Top-Zustand und wurden aufwendig renoviert. Bonn und Berlin setzten das als Hauptstädte problemlos durch.


    Die Paulskirche in Frankfurt gehört nicht dazu.


    Das fängt an, dass der Paulsplatz und die kleine angrenzende Parkanlage schäbig aussehen und ungepflegt wirken. Dabei sind sie Aushängeschilder der Stadt. Ist mir unbegreiflich warum der Parkplatz an der Berliner Straße nicht vollständig in eine Parkanlage umgewandelt und von den Stadtgärtner ordentlich gepflegt wird.


    Dann fehlt das historische Dach.


    Und zuletzt ist der Innenraum einer Kirche, der als Parlament diente im 1950er Jahre Stil mit niedrigen Decken durchzogen.


    Frankfurt, Hessen und Deutschland ihre pseudoideologische 1950er Jahre-Nostalgie überwinden und das gemeinsam hinkriegen.


    Ich finde es ist höchste Zeit und ich als will die Paulskirche auch nochmal so sehen, wie sie war.

    Einmal editiert, zuletzt von frank353 () aus folgendem Grund: Tippfehler

  • ... ihre pseudoideologische 1950er Jahre-Nostalgie überwinden...


    Was soll das denn heißen? Ist denkmalwürdig nur, was vor 1950 und nach 1960 gebaut wurde? Übrigens: die Paulskirche wurde in den 40er Jahren wiedererrichtet und am 18.5.1948 eröffnet. Gerade dieses Datum und die zur Erreichung dessen erforderliche Kraftanstrengung belegen, dass ihre Bedeutung als nationales Symbol gesehen wurden; waren halt schwierige Umstände damals. Wie Republik und Demokratie sind auch ihre Symbole beschädigt worden, warum soll man das in Zukunft nicht erkennen können?

  • ... in Deutschland nur drei historische Gebäude gibt, die für die parlamentarische Demokratie stehen: Paulskirche, Bundestag und Reichstag. Zwei davon sind in Top-Zustand und wurden aufwendig renoviert.


    Du meinst den Bundestag, der trotz des 1984 zuerkannten Denkmalschutzes nur drei Jahre später, nämlich 1987, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde?


    https://de.wikipedia.org/wiki/…narsaal_(Bundeshaus_Bonn)


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    Mod: Link auf Hinweis von Ffm60ziger berichtigt.

  • Gut finde ich, dass man zu der Einsicht gekommen ist, dass die Paulskirche nicht so bleiben kann, wie sie sich aktuell darstellt.


    Denn der Eindruck ist niederschmetternd. Der Innenraum versprüht den Charme einer 60-er Jahre Kantine, die "Ausstellung" verdient ihren Namen nicht, es sieht vielmehr aus wie ein Schülerprojekt, wo mit den didaktischen Methoden der 70-er Jahre in einer Projektwoche eine Gruppe Schüler widerwillig die Schaukästen gestopft hat. Mit aktueller Museumskonzeption hat diese "Ausstellung" nichts mehr zu tun. Man könnte auch einfach einen Wikipediaartikel ausdrucken und ihn an eine Wand pinnen, groß anders würde es auch nicht aussehen.


    Gleiches gilt für den großen Saal darüber, er ist so nackt und steril, es ist zum Heulen. Auch hier ist die Zeit wie stehengeblieben, alles wirkt provisorisch, besonders die völlig lieblos hingestellten Sitzreihen, das erinnert mehr an das Gemeindezentrum eines Provinzortes als an den Ausgangspunkt der deutschen Demokratie. Alles ist lieblos und behelfsmäßg.


    Und auch außen ist das Bild trüb. Das historische Dach fehlt einfach, um dem Bau die nötigen Proportionen zurück zu geben. Das dies wiederkehren muss, darin kann eigentlich kein Zweifel bestehen.


    Es stellt sich dann die Frage, wie man im Innenren vorgehen will. Ich hielte die Konservierung des aktuellen Zustands für einen Schildbürgerstreich. Ich denke, dass man das Wandbild ausbauen und z.B. im Historischen Museum präsentieren kann. Alles andere im Inneren hat für ich keinerlei Denkmalwert.


    Gerade in diesen für Demokratien sehr schwierigen Zeiten bedarf es eines Ausrufezeichens. Daher ist der aktuelle Zustand der Paulskirche beispielhaft. Ich denke, man sollte aus ihr einen Fixpunkt demokratischer Erfahrung machen. Denn wer besucht diesen Ort denn primär? Es sind vor allem Schulklassen, die sich hier einfinden. Und wer die Klassen mal beobachtet hat, mit welchem Unwillen sie an diesen Schaukästen vorbei ziehen, der weiß, dass man hier ganz anders vorgehen muss.


    Ich glaube, dass ein historisch wiederhergestellter Inneraum genau diese Erfahrung leisten könnte. Man will das erste deutsche Parlament nicht in Schulbüchern sehen, sondern es real erfahren. Aufbereitet mit originalen Gegenständen, multimedialen Angeboten und vielleicht später ergänzt durch VR und dergleichen kann hier wirklich eine Bildungsstätte für eine starke Demokratie werden. Hierzu gibt es jetzt die Chance, ich hoffe, man nutzt sie!

  • Natuerlich muss man Rekonstruieren!


    Hallo allerseits!


    Natuerlich muss Rekonstruiert werden, da die jetztige Situation Disneyland entspricht! In der jetzigen Form hat nie ein Parlament darin getagt. In der Situation von 1848 schon! ich wuerde das Haus sanieren und wie damals Schmuecken! Dazu zwei, drei Darsteller im historischen Gewaendern die lustiges und kleine anekdoten zum besten geben! Vieleicht Studenten aus der Uni? Dann wird es auch was mit Besuchern!
    Veranstaltungen wuede es Nartuerlich auch geben. Diese koenen Geld bringen. Vergesst bitte nicht, die Stadt Frankfurt moechte die Stadt London teilweise beerben! Da brauchts kein falsches Parlament das nie ein Parlament war! Ist doch Peinlich! Und uebrigens: Eine Fahne ist Falsch, da sieht man die derzeitige Liebe zum Objekt!

  • Ich möchte mich hier zu Wort melden.


    All zu oft werden Rekonstruktionen von "den üblichen Verdächtigen" hierzulande beinahe blind befürwortet - und von den ebenfalls "üblichen Verdächtigen" blind abgelehnt. Das hat sich so eingespielt und hat, wie alles mit historischem Bezug hierzulande!, natürlich viel mit unserer Geschichte und unserem mühseligen Umgang damit zu tun.


    Hier, bei diesem Thema, sollten wir dringend aus diesem Ritual ausbrechen. Es drängt sich doch uaf, die Geburtsstätte der deutschen Demokratie und des deutschen Parlamentarismus zu rekonstruieren, am besten bis zum letzten Detail der Raumausstattung. Damit wären ganz neue Geschichtswerkstätten möglich. Ich kenne das aus meiner Zeit als Austauschschüler in den USA. Da waren wir zB im Rahmen eines Projekts in Philadelphia, das war einmal die Hauptstadt der USA und sozusagen die Geburtsstätte der dortigen Demokratie. Es schuf wirkliches Verständnis bei uns, als wir in den rekonstruierten Originalräumlichkeiten von Jefferson und Co. wandelten und man uns von den Anfängen erzählte, lebensnah, ohne Glorifizierung, auch all zu menschliche Details. Das kann kein Schulbuch, keine schwarz-weiß Fotografie etc. ersetzen. Den Wert solch einer Stätte nicht zu erkennen ist sehr kurzsichtig. Und alles mit einem "DISNEYLAND!"-Schrei vom Tisch zu wischen ist beinahe schon infantil.


    Die Geschichte der Paulskirche ist erstaunlich und in der breiten Bevölkerung auch erstaunlich unbekannt. Kurz umrissen formte sich dort die erste freie Nationalversammlung der Deutschen und wollte das Volk demokratisch vertreten und ersonn dazu eine Verfassung, die u.a. Adelsvorrechte abgeschafft hätte, Folter und körperliche Züchtigung abgeschafft hätte, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Versammlungsfreiheit gewährleistet hätte, Zensur abgeschafft hätte, u.v.m. Es sollten auch unveräußerliche Bürgerrechte eingeführt werden, die auch durch Kriegs- und Notstandsrecht nicht außer Kraft gesetzt werden konnten, beispielsweise im Straf- und Polizeirecht. Kurzum, es war eine progressive Verfassung.


    Es waren in deutschen Landen dieser Zeit ungeheuerliche Ideen, die der Welt möglicherweise zwei Weltkriege erspart hätten. Aber dann kam die preußisch konzertierte Aktion und hat diese Parlamentarier mit preußischen Schergen auseinander getrieben und gejagt.
    Die Wikipedia umschreibt das knapp mit "Im Mai 1849 kam es in verschiedenen deutschen Staaten zu Aufständen zur Durchsetzung der Frankfurter Reichsverfassung (Reichsverfassungskampagne), die mit preußischer Hilfe mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Am 31. Mai 1849 beschlossen die Mehrheit der noch in Frankfurt verbliebenen Abgeordneten, die Nationalversammlung nach Stuttgart zu verlegen, um sich dem preußischen Einfluss zu entziehen. Damit endete nach etwas mehr als einem Jahr die Rolle der Paulskirche als Parlamentssitz.".


    Der Mut und die Progressivität dieses Parlaments verdient ein echtes Denkmal und verdient, aus unseren üblichen historischen Verklemmtheiten herausgelöst zu werden und verdient in der Tat auch echte Nostalgie, ohne Vorbehalte. Es gibt wenige Momente der letzten 200 Jahre deutscher Geschichte, auf die man blicken und aus denen man positive Inspiration ziehen kann. Das Paulskirchenparlament ist solch ein Moment. Möglicherweise war es auch schon die Wende hin zum Untergang im 20. Jahrhundert, als die preußische Reaktion diese Graswurzeldemokratie zertrampelte. Dieser Gegensatz zum "hässlichen Deutschland" späterer Jahrzehnte sollte durchaus durch die Pracht der rekonstruierten Paulskirche der Nationalversammlung auch visualisiert werden.


    Ich plädiere nicht für eine reine Sanierung, ich plädiere für eine Rekonstruktion "der Paulskirche" schlechthin.

  • Für ein Demokratiezentrum

    Die Paulskirche steht für die Revolution von 1848 und die Nationalversammlung, das erste demokratische Parlament in Deutschland. Sie steht für die Grundrechte, die in unserem heutigen Grundgesetz teilweise wörtlich aus der Paulskirchenverfassung stammen. Sie steht auch für einen extremen Nationalismus, der später so viel Unheil über Deutschland bringen sollte. Die Paulskirche steht im Scheitern der Nationalversammlung für die Schwierigkeit, eine Demokratie in Deutschland durchzusetzen.
    Die Paulskirche steht genauso für unsere neue deutsche Demokratie seit 1948. Deshalb wurde sie so schnell und im heutigen Gewande wieder aufgebaut und war seitdem Schauplatz unzähliger Veranstaltungen zur Festigung der Demokratie in Deutschland.
    OB Feldmann hat Recht, eine breite Debatte zu fordern, wie die Paulskirche ein nationales Demokratiezentrum für ganz Deutschland in Europa werden kann. Aus dem Ergebnis der Diskussion mag dann die Art und Weise der baulichen Sanierung und Umgestaltung folgen. Eine Rekonstruktion des Zustands von 1848 dürfte dem allerdings kaum gerecht werden.

  • Zitat

    Da waren wir zB im Rahmen eines Projekts in Philadelphia, das war einmal die Hauptstadt der USA und sozusagen die Geburtsstätte der dortigen Demokratie. Es schuf wirkliches Verständnis bei uns, als wir in den rekonstruierten Originalräumlichkeiten von Jefferson und Co. wandelten und man uns von den Anfängen erzählte


    Genau das ist der entscheidende Punkt. Es fehlt in Deutschalnd an authentischen Orten, die Geschichte auch real wiedergeben. Nach den Rekonstruktionen der letzen Jahre muss man sagen, dass man eine bemerkenswerte Reihe an geschichtlich herausragenden Bauten wieder ins Stadtbild zurückgeholt hat. Die Frauenkirche, die Stadtschlösser in Braunschweig, Potsdam und Berlin. Neustrelitz und Zerbst könnten auf lange Sicht folgen. Dazu Bauten wie das Palais Barberini, bald auch die Garnisonkirche in Potsdam. Diese Bauten sind gelebte deutsche Geschichte, Orte der guten, aber auch der dunkelsten Zeiten unseres Landes. Und viele davon sind vielschichtige Wegmarken für große Umbrücke deutscher und europäischer Geschichte.


    Meine Erfahrung ist, dass man nirgends eindrücklicher lernt als am historischen Ort. Nur leider ist gerade diese Erfahrung oft dadurch fundamental gestört, weil es zwar mittlerweile viele historisch bedeutende Bauten wieder gibt, aber was fehlt ist der Kontext hinter der Fassade, die Inneräume, das, wo einst der historische Akt wirklich stattgefunden hat!


    Den historischen Reichstag gibt es nicht mehr, das historische Berliner Schloss auch nicht, der große Verlust bei den Solitärbauten ist heute besonders der Verlust der inneren Ausstattung. Mit Ausnahme einiger Schlösser in Bayern vielleicht (in der Münchener Residenz rekonstruiert man noch immer die immensen Kriegsschäden) ist es in fast allen anderen Landesteilen selbst im Fall von Rekonstruktionen - egal ob nach dem Krieg oder aktuell - meist nur zu Fassadenrekonstruktionen gekommen. Die Dresdner Frauenkriche ist hier die große Ausnahme!


    Dabei ist es gerade das Innere, was den Zeitgeist und die Vorstellung der Menschen am meisten prägt. Die Paulskirche an sich ist zunächst ein abstrakter Ort. Erst die Ausstattung des Ortes mit den entsprechenden Elementen macht den historischen Ort, den wir nur aus Schulbüchern kennen, für den Menschen wieder lebendig.


    Ich glaube nicht, dass sich in Anbetracht der aktuellen Erscheinung die Tragweite, die Wirkung und die Relevanz der Paulskirche für die Geschichte Deutschlands auch nur annähernd erfassen lässt. Da eine Rekonstruktion im Reichstag nicht möglich ist, wäre es meiner Meinung nach mehr als angemessen, dass wir zumindest in Frankfurt das deutsche Gründungsparlament in seiner historischen Form präsentieren. In Würde, Erhabenheit und stiller Mahnung, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern sich immer wieder in der Geschichte hart erarbeitet werden musste!

  • Was soll das denn heißen? Ist denkmalwürdig nur, was vor 1950 und nach 1960 gebaut wurde?


    Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Es scheint, dass in Frankfurt die Geschichte vor 1945 als weniger schützenswert gilt.


    Ich habe auch nicht behauptet, dass die Nachkriegsarchitektur nicht schützenswert ist. Mein Großvater hat nach dem Krieg in Unterfranken als Polier gearbeitet und ich bin stolz darauf.


    Viele Bauten aus der Zeit mußten aber wieder abgerissen werden, weil das Baumaterial minderwertig war.


    Ich will die Leistungvon 1948 nicht schmälern. Es ist aber doch unstrittig, dass Frankfurt über sehr viel Nachkriegsbausubstanz verfügt, geschützt und ungeschützt. Das gilt für ganz Deutschland.


    Die Paulskirche gibt es aber nur einmal und ist aus meiner Sicht in einer Rekonstruktion des Originalparlaments von größerer historischen Bedeutung und zwar überregional, als die Reko von 1948. Zudem könnte ich persönlich mit einer rekonstruierten Paulskirche mehr anfangen als mit dem aktuellen Gebäude.


    Die FAZ greift das am 6. Februar 2019 in einem Artikel sehr schön auf. Die Paulskirche win ihrer alten Form würde dem deutlich verbesserten Areal zwischen Dom, Neuer Altstadt und Römer die alte Mitte zurückgeben.


    Gefreut hat mich auch, dass der FAZ-Artikel auch das Thema Neufassung des Paulsplatzes aufgegriffen hat. Dazu wird auch auf die Alte Börse verwiesen.

  • Thesen fuer die Meinungsbildung

    Lasst uns doch 10 Thesen formulieren für eine volle Rekonstruktion der Paulskirche als nationales Denkmal für Demokratie. Dabei könnte auch die Randbebauung des Paulsplatzes inkludiert werden - etwa für das Dokumentationszentrum etc.
    (Wer will kann auch 10 Thesen formulieren für eine Renovierung als Bestandserhaltung.)


    Diese Thesen des DAF kann man dann ganz gut publizieren - sowohl über die Presse, die zitiert, als auch über die sozialen Medien.


    Was haltet Ihr davon?

  • Es kommt Bewegung in die Sache

    In einem Gastbeitrag für "Die Zeit" fordert unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine intensivere Befassung mit unserer Demokratiegeschichte. In dem Beitrag beklagt er unter anderem auch, dass die Paulskirche als Ort der ersten deutschen Nationalversammlung keinen Cent vom Bund bekommt.


    Er fordert zudem, dass man die Paulskirche bis zum Jahr 2023 (175. Jahrestag der demokratischen Revolution und Nationalversammlung) zu einer modernen Erinnerungsstätte für die Demokratie machen sollte. das ganze solle nicht nur museal gestaltet sein, sondern zu einem Erlebnisort werden.


    Positiv zu erwähnen ist noch, dass unser Bundespräsident dann auch erwähnt, dass man die Stadt Frankfurt bei einer solchen Aufgabe nicht alleine lassen dürfe und nicht nur Bonn und Berlin von Bundesmitteln profitieren dürften.


    Der ganze Artikel ist lesenswert und jedermanns Beachtung. Ich hoffe, dass sich die Frankfurter Lokalpolitik, aber auch die Landtags- und Bundestagsabgeordneten aus Frankfurt und dem Umland diesen Rückenwind zu Nutzen machen und die Paulskirche nicht nur "on the cheap" sanieren lassen, sondern die sich bietende Chance nutzen, damit die Paulskirche wieder zu einem Hauptanziehungspunkt von Frankfurt wird.

  • Es ist erstmal sehr lobenswert, dass sich der Herr Bundespräsident in die Debatte einschaltet und zusätzliche Mittel von seiten des Bundes in Aussicht stellt. Ich glaube, da schaut man dann auch in Frankfurt mal gern nach Berlin:D


    Allerdings bin ich schon beim Zeitplan skeptisch. Wie man bis 2023 zunächst einen Grundsatzdialog zur Zukunft der Paulskirche führen will, einen Architekturwettbewerb ausloben, dann alles ausschreiben und letztlich sogar noch bauen will, also mir fehlt da die Phantasie, wie das gehen soll. Ein privater Bauherr bekäme das vielleicht gerade so hin, aber in öffentlicher Trägerschaft, da sehe ich schwarz. Vielleicht könnte man, wenn man morgen mit Gesprächen beginnt, den Grundstein 2023 legen, mehr wird aber nicht drin sein.


    Und dann geht es natürlich um zentrale inhaltliche Fragen, selbst wenn Geld keine Rolle spielen soll. Was will man erinnern, wie will man erinnern und auf welche Weise soll hier Demokratie erlebt werden.


    Denn Demokratie ist ja zunächst ein intellektuelles Konstrukt, es ist ja nichts Gegenständliches. Und gerade weil Demokratie so abstrakt ist, fände ich es so wichtig, wenn man Demokratie als Institution des ersten Parlaments inszeniert, denn so wird es greifbar, plastisch, verständlich. Gerade weil der historische Plenarsaal in Berlin nicht mehr existiert, wäre Frankfurt ein bemerkenswerter Ersatz, der etwas abdecken könnte, was Berlin eben nicht mehr zeigen kann.


    Ferner gilt auch zu klären, an wen sich das Ganze richten soll, denn der Platz ist extrem begrenzt. Möchte man Touristen ansprechen, Schüler und Vertreter des Bildungssystems oder doch die Frankfurter selber?


    Und wie soll das dann inszeniert werden? Visuell in authentischer Kulisse, abstrakt, multimedial oder als Mischung von allem? Soll es eher ein Museum oder ein interaktiver Ort werden, der primär durch eigenes Erleben den Zugang zum Demokratiebegriff herleitet.


    Will man eher die Institution des ersten deutschen Parlaments thematisieren oder es viel allgemeiner fassen?


    Es gibt so viele Fragen zu klären und nur, wenn diese beantwortet sind, kann man auch erörtern, wie man das baulich fassen möchte. Ich denke, das wird noch ein langer Weg. Aber schön, dass diese Diskussion durch eine so prominente Stimme nun eröffnet ist!

  • Wenn man es ernst meinen würde gäbe es schon ungeheuerliche Ideen Architektur und Demokratie zu verknüpfen.


    Eine angenäherte Rekonstruktion der Wiege unserer Demokratie. Und darin richtet der Bund eine neue Institution ein, ein Bindeglied zwischen Wählern und repräsentativer Demokratie zwischen den Wahlen. Sei es als ein eigenständiges Forum der Petitionsausschüsse, die aufgewertet werden, wo Bürger direkt mit Parlamentariern in einem eigenständigen Forum diskutieren können.


    Ob sich die immer komplexeren Fragen unserer Zeit für einfache ja/nein Volksabstimmungen eignen kann man nach dem Brexit Desaster schon anzweifeln. Dennoch brauchen wir dringend mehr demokratische Rückbindung unseres Parlamentarismus. Und hier würde Form und Inhalt vereint und mehr als ein Museum entstehen. Und auch mal fernab von Bonn oder Berlin.


    Ich meine ein Bundespräsident hätte auch die Autorität solch ein Unterfangen anzustoßen. Ich hin gespannt ob da noch mehr herauskommt.

  • Ich sehe hier die gleiche Problematik wie beim Stadtschloss in Berlin.


    Statt das Schloß in seiner alten Form wieder aufzubauen und die Räume dann sinnvoll zu nutzen wurde das Humboldt-Forum mit seinen eigenen musealen Platzanforderungen mit dem Aufbau verknüpft. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach suboptimal (Agora, Ostfassade zur Spree, Schlüterhof Westseite, Dachrestaurant).


    Mit einem Architekturwettbewerb für Paulskirche der ein Demokratiezentrum einschliesst, werden wir das gleiche (schlechte) Ergebnis bekommen.


    Sinnvoller wäre doch die Paulskirche zu rekonstruieren, zumal die Außenmauern und der Turm ja schon stehen.


    Daneben könnte dann auf dem Paulsplatz ein Demokratiezentrum entstehen. Inklusive der Alten Börse oder an die Alte Börse angelehnt. Damit hätte man gleich auch ein neues Konzept für den Paulsplatz. Darüberhinaus würde ein Teil der unansehnlichen Ostseite des Paulsplatzes verdeckt.


    Die Südseite der Alten Börse könnte man mit Bäumen abgrenzen oder die alte Bebauung wieder herstellen.

  • Danke, Frank353, das halte ich für einen tollen Vorschlag. Die Wiederherstellung der Paulskirche als historisch erlebbaren Raum (evtl mit audiovisuellen Animationen, die die damaligen Debatten andeutungsweise erlebbar machen) auf der einen und ein modern bespielbares Demokratiezentrum in der äußeren Gestalt der Alten Börse auf der anderen Seite wäre eine wunderbare Kombination.
    Ein Demokratiezentrum in der Kirche selbst läuft auf Kompromisse sowohl beim Erlenis des historischen Raums als auch bei der Gestaltung des Zentrums hinaus und würde letztlich beiden Gedanken nicht gerecht werden.
    Lasst uns auf politische Unterstützung aus Berlin hoffen. Aber ganz ehrlich: Wenn nicht für die Wiege der deutschen Demokratie, wofür dann?

  • Eine authentische Rekonstrukion halte ich schlicht nicht für finanzierbar, eine angenäherte Rekonstruktion auch nicht unbedingt inkompatibel mit einer solchen Nutzung als Bürgerforum. Meinetwegen kann man Funktionsräume, wie Büros, ja gerne in einem anderen Gebäude unterbringen bzw. müsste dies aus Platzgründen wohl auch. Aber das Paulskirchenplenum selbst dafür zu nutzen würde ja einen großen Teil des Reizes ausmachen. Zurück zu den Graswurzeln deutscher Demokratie sozusagen.


    Ich denke, dass man auch nur mit einer solchen Nutzung im Huckepack politische Mehrheiten für eine Rekonstruktion, die sich an das Original weitgehend annähert, organisieren kann. "Weils schön aussieht" ist selten ein gutes Argument um viel Steuergeld auszugeben. Auch ganz unabhängig von ideologischen Debatten bzgl. Rekonstruktionen. Es gammeln ja schließlich genug echte, authentische Baudenkmäler in der ganzen Bundesrepublik vor sich hin und niemand finanziert deren Substanzerhalt. Dieses Spannungsfeld muss man immer im Hinterkopf behalten. Nicht jeder Rekonstruktionskritiker ist ein freudloser Bauhausfetischist.


    Und beim Begriff Bürgerforum würde ich auch bleiben. Das wird uns seit über 20 Jahren vom Bund versprochen. Einen echten Nutzen sehe ich nicht, das unbedingt im Band des Bundes in Berlin unterzubringen, wo sich der Bund dagegen doch so sperrt. Es ist ja nicht so, als ob der Bürger dann irgendwie in den Hallen von Bundestag oder Kanzleramt wandeln könnte. Das ist spätestens seit 2001 gestorben. Ein Bürgerforum könnte genauso gut in Frankfurt untergebracht werden. In der Paulskirche. Es muss nicht immer alles in Berlin konzentriert sein. Wir sind als föderaler Staat seit einigen Jahren schon viel zu sehr auf einem Zentralismustrip, der von Bismarcks Enkeln im Geiste bejubelt wird. Es wäre auch in der Hinsicht ein wichtiges Signal, das Bürgerforum stattdessen in Frankfurt unterzubringen. In der Paulskirche würde ihm auch nichts die Schau stehlen.

  • Meinung und Befindlichkeiten

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    Mich würde interessieren, woher du die Informationen hast, wieviel eine Rekonstruktion, im wesentlichen Innenraum und Dach, kosten würde und warum das Projekt nicht finanzierbar ist.


    Immerhin sprechen wir hier von einem geschichtlich bedeutendem Bauwerk, das aber in seinen baulichen Dimensionen eher klein ist.

  • Zitat

    Eine authentische Rekonstrukion halte ich schlicht nicht für finanzierbar,


    Naja, wenn der Innenraum nicht finanzierbar sein soll, dürfte es die Münchener Residenz oder das Dresdner Schloss nicht geben;)


    Ich kann den Rekonstruktionsaufwand für die Paulskirche nur schätzen und würde beim Innenraum, der überschaubar groß ist, bei vielleicht 15 mio liegen, fürs Dach gibt es nochmal 5 oben drauf. Ich denke, mehr als 25 mio dürfte eine Komplettreko nicht kosten, exklusive von Leistungen, die bei einer Sanierung sowieso erbracht werden müssen.


    Und egal ob es nun 20 oder 25 mio sind, sollte es uns das dieser einmalige Ort deutscher Geschichte nicht wert sein? Wenn man sich die Kosten teilt und der Bund gibt 10, das Land 7.5 und Frankfurt 7.5, dann könnten damit sicher alle leben.


    Ich denke sowieso, dass es nicht am Geld scheitern wird, dafür sind die Beträge zu gering. Es geht vielmehr darum, ob man eine Rekonstruktion politisch und gesellschaftlich will. Der Innenraum war nicht besonders komplex, da wurde in Deutschland schon viel Schwierigeres rekonstruiert.


    Hier eine Ansicht
    https://upload.wikimedia.org/w…kirche_Innenraum_1892.jpg


    Das Innere sollte auch ausreichend dokumentiert sein, so dass man das alles hin kriegen kann, wenn man denn will!

  • Der Antrag NR 860 vom 8.5.2019 mit dem Betreff 'Auch eine Rekonstruktion der Paulskirche mit in die Planung einbeziehen' wurde von der Stadtverordnetenversammlung am 27.06.2019 mehrheitlich abgelehnt. Gründe nennt die Niederschrift nicht. Weiß jemand mehr?

  • ^ Antragstellerin = falsche Partei. Hätten CDU, SPD und Grüne für einen AfD-Antrag gestimmt, können wir alle uns die Resonanz lebhaft vorstellen.