Stralauer Vorstadt (Mitte) | Kleinere Projekte

  • Vielen Dank für die Verteidigung quasi aus Kiez-Bewohner-Perspektive.

    Zu Punkt 1: Mir fällt es schwer, in dem Neubau Anklänge an die Pavillons zu erkennen. Dafür ist es zu gestapelt. Ich frage mich auch, ob es überhaupt Sinn ergibt, städtebauliche Elemente wie die Pavillons in die Schillingstraße bis zur Holzmarktstraße zu transferieren. Das macht auch rhythmisch keinen Sinn in der Schillingstraße. Dass sich das Gebäude einem uminterpretierten Ostmoderne-Setting verschreibt - wie Du so schön formulierst - glaube ich aber sofort. Ich glaube auch, dass man dieser Haltung weiter folgen darf oder sollte, und dennoch mehr Mut zur Urbanität und Dichte wagen. Und vielleicht auch eine gewagtere Uminterpretation mit einer Prise mehr Hierarchie und Solidität.

  • Natürlich ist die Kritik (bewusst!) überzogen. Denn wir befinden uns hier immer noch in der historischen Mitte Berlins, an einer wichtigen Straßenkreuzung, mit Blick auf und von der Stadtbahn. Das Gebäude wäre selbst in Marzahn oder Schwedt oder Bochum bestenfalls "nicht auffällig". Der Bezug zur Ostmoderne ist herstellbar, aber ohne die Kacheln schon nicht mehr verständlich. Tatsächlich bleibt aber auch dabei die Frage, warum man hier - 60 Jahre nach der Erbauung - eine Adaption herstellt, an anderer Stelle aber große Probleme damit hat, eine behutsame Nachverdichtung zu ermöglichen. "Ehrlich" ist beides nicht und eine städtebauliche Weiterentwicklung der Holzmarktstraße 66 ist auch nicht ersichtlich. Da ist bspw. der Neubau des Rathauses Mitte vielleicht kein großer Wurf, aber er greift die Elemente der klassischen Moderne auf und entwickelt diese weiter, ohne sie zu kopieren. Die Holzmarktstraße 66 wirkt hingegen wie ein Oberstufenzentrum am Stadtrand, welches als einziges Element die Kacheln und vielleicht auch noch die aus der Zeit gefallene Farbe eben jener als Reminiszenz an die Umgebung aufnimmt. Nicht Fisch, nicht Fleisch, auf jeden Fall nicht schmackhaft.

    Und ehrlich, welche Weiterentwicklung gibt es gegenüber bspw. diesem Schulbau mitten in einem Plattenbaugebiet in Köpenick:

    https://cdn.imago-images.de/bild/st/0064512718/s.jpg

    Ich kann absolut die Verfechter moderner Architektur verstehen, die sagen, dass wir nicht die Stile vergangener Jahrhunderte kopieren sollten, sondern neue Architektur schaffen. Aber ausgerechnet hier geht es komplett daneben, während parallel gegenüber das Jaho entfernt eine konstruktivistische Formsprache (ebenfalls mehr schlecht als recht) nach 100 Jahren aufgreift. Städtebaulich zementiert man dort den Nicht-Ort, auch wenn er allein durch die Dichte und mehr Passanten gegenüber der Zeit davor profitieren wird. Mehr aber eben auch nicht, das ist bedauerlich.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Nicht in dem Sinne, dass ich ein Fan davon wäre – es handelt sich gewissermaßen um Moderne-Historismus.

    Du hast recht, dass es sich hierbei um Moderne-Historismus handelt. Und deswegen müsste man hier jetzt den Disneyland-Vorwurf bringen. Aber dieses Mal in umgekehrter Richtung!

    Warum baut man im Jahr 2025 dieses Gebäude im Stil der DDR-Moderne, obwohl es zu DDR-Zeiten überhaupt nicht existiert hat? Das ist doch Disneyland! Nicht wahr?

    In diesem Fall geht der Disneyland-Vorwurf nicht gegen neue "Altstadt"-Quartiere in Potsdam oder Frankfurt (mit historischen Leitbauten und Füllbauten). Nein, dieses Mal kommt der Bumerang zurück. Und plötzlich muss sich der Moderne-Historismus gegen den Disneyland-Vorwurf wehren.

    Von den Leuten, die in der Vergangenheit die neue Frankfurter oder Potsdamer Altstadt als Disneyland kritisiert haben, möchte ich jetzt gerne mal wissen, wie sie das Vorgehen à la Disneyland bei solchen Neubauten im Stile der DDR-Moderne rechtfertigen.

  • ^ Das Gebäude bezieht sich zwar in Teilen auf die Ostmoderne, ist aber keine Nachbildung oder eine Rekonstruktion. Es könnte genauso gut im Westen entstanden sein. Selbstverständlich ist es ein Kind der Gegenwart und deshalb kann man auch kein Disneyvergleich heranziehen.

    Des Weiteren glaub ich auch nicht, dass hier im Berlin Forum irgendwer den Disneyvergleich gezogen hat.

    Einmal editiert, zuletzt von DerBe (15. Dezember 2025 um 07:17)

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Und plötzlich muss sich der Moderne-Historismus gegen den Disneyland-Vorwurf wehren.

    Nein, das ist nicht der Fall. Ich habe zur Veraunschaulichung zugespitzt, und Du hast auf einem Wort eine dezent sophistische Argumentation aufgebaut. That's it. Stell Dir eher einen Lückenfüller in einem Gründerzeitblock vor, der sich in Sachen Traufhöhe, Balkone, Fassadenaufteilung am historischen Vorbild orientiert, aber trotzdem zeitgenössisch bleibt. So ist das eher zu verstehen. (Im übrigen weiß ich wirklich nicht, wann ich "Disneyland" in diesem Forum das letzte Mal als ernstgemeinten Vorwurf gelesen habe.)

    Dekoratives Anführungszeichen

    Mir fällt es schwer, in dem Neubau Anklänge an die Pavillons zu erkennen. Dafür ist es zu gestapelt.

    Das stimmt. Es ist vor allem die Raumflucht des Café Moskau, die hier durch die Schillingstraße verlängert wird. Auch hier hätte ich präziser formulieren können.

  • ^ und ^^

    Wie ihr richtig feststellt, hat schon lange keiner mehr den Disneyland-Vergleich gebracht. Das ist ja auch gar nicht nötig. Denn in zentralen Lagen Berlins setzen sich regelmäßig die Modernisten damit durch, die Entwicklung von neugebauten "Altstadt"-Quartieren zu verhindern. Das Ansinnen einer Entwicklung solcher Quartiere wird schon im Keim erstickt. Und die Traditionalisten haben regelmäßig das Nachsehen.

    Bevor jetzt wieder eine Grundsatzdiskussion entsteht, möchte ich die Sache abkürzen. Ich bedanke mich bei Architektenkind und DerBe für die sachlichen Antworten. Ich kann eure Antworten nachvollziehen, bin aber anderer Meinung.

  • also ich liebe Disneyland nur so am Rande ;) dieses Gebäude wirkt für mich ehr ein wenig wie Legoland aber...

    ich finde das es dort an der Ecke sehr gut hinpasst so wie es ist und auch die sehr gelbe Farbe passt gut gegen das viele Grau im Umkreis.

    Dadurch das es Kacheln sind wird die Farbigkeit hoffentlich in den nächsten Jahrzehnten auch nicht zu schnell verblassen.

    Insgesamt ein Gewinn für die Ecke.

  • [mod]Zur Info: Das Getrolle zuvor wurde ins Off geschoben.[/mod]

    Man sollte sich vielleicht mal die Fakten anschauen: Laut Aufstellungsverfahren für den Bebauungsplan 1-83b (Bereich Schillingstraße Nordost) soll das Gebiet als Teil des „Wohngebiets Karl-Marx-Allee, II. Bauabschnitt“ in seiner städtebaulichen Struktur erhalten bleiben. Ziel ist ausdrücklich der Schutz vor unkontrollierter Verdichtung.

    Entlang der Schillingstraße wird lediglich eine kontrollierte Nachverdichtung planungsrechtlich vorbereitet, die sich strikt in die Eigenart des Wohngebiets einfügen muss. Der Neubau hält sich also schlicht an die Vorgaben des Senats.

    Ein Blick auf die direkte Nachbarbebauung hilft auch: Das relativ neue EDEKA-Gebäude entlang der Schillingstraße wurde ebenfalls mit Mosaikkacheln versehen (hier in türkis) und ist von der Kubatur her relativ ähnlich, wenn auch niedriger. Wer in dieser Ecke auffällige oder expressive Solitär-Architektur erwartet, hat die städtebauliche Logik des Viertels nicht verstanden. Klar hätte auch ich mir hier etwas mehr Spielraum in Höhe und Gestaltung gewünscht, aber der Drops ist gelutscht.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Die städtebauliche Idee ist, die Pavillons in der KMA entlang der Schillingstraße zu erweitern, um dort so etwas wie einen Blockrand zu schaffen, der die Umgebung verändert, ohne mit ihr zu brechen.

    Ich weiß ja nicht... Pavillons und Blockrand in einem Satz widerspricht sich doch sehr. Das ist ein monotoner Klotz, dessen angedichteter Bezug zur Umgebung nicht mal mit viel Fantasie und gutem Willen ersichtlich ist. Ich lasse mich gerne eines besseren über die Wirkung belehren, sobald die Kreuzung baulich ihre endgültige Fassung erhalten hat. Bis dahin verbleibe ich auf Seiten der Skeptiker.

  • ^ Nehm doch einfach mal zur Kenntnis, dass hier nichts angedichtet ist. Selbstverständlich nimmt der Bau Bezug auf das Kino International, das Moskau, die flacheren Bauten der Nahversorgung und dem nachfolgenden Neubau in der Schillingstraße. Ist mir ein Rätsel wie man so blind sein kann oder es ist einfach Vorsatz. Beides nervend.

    Einmal editiert, zuletzt von DerBe (15. Dezember 2025 um 18:18)

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Ziel ist ausdrücklich der Schutz vor unkontrollierter Verdichtung.

    Könntest du bitte näher erläutern, was genau unter dem Begriff der "unkontrollierten Verdichtung" zu verstehen ist? Ich habe zwar einen Bachelor in Stadtplanung, weiß aber nicht, was ich mit diesem unspezifischen Begriff anfangen soll.

  • Dieser Streit hier scheint mir ein gutes Beispiel für ein Kippbild zu sein. Es kann unterschiedlich gesehen werden (z.B. als "Ente" oder als "Hase" beim "Ente-Hase-Kippbild"), und der Streit entflammt dann, wenn die jeweiligen Streitparteien sich auf eine Sichtweise festlegen. Mit geht es hier anders – ich kann beide Sichtweiten ohne Mühe nachvollziehen: Sehen, dass dieses Gebäude ansprechend ist, sich am Bestand orientiert und sich hier gut einfügt, genauso wie ich nachempfinden kann, dass es bieder wirkt, an dieser städtebaulich prominenten Ecke, auch angesichts der geplanten Veränderungen im Umfeld, enttäuschend und unangemessen erscheinen kann.

    Bin ich der einzige, der beide Perspektiven einnehmen und daher beide Seiten partiell verstehen kann?

  • ^ … nein, geht mir ebenso. Ich würde es gerne als Chance begreifen den gesamten Bereich der KMA als ein Projekt für die geplante IBA in den 30er Jahren zu postulieren. Eine richtige Herausforderung hier nicht im Denkmalschutz stecken zu bleiben sondern Urbanität nach vorne zu bringen.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Bin ich der einzige, der beide Perspektiven einnehmen und daher beide Seiten partiell verstehen kann?

    Nee. Geht mir ähnlich, weshalb ich meine Einwände ja explizit an – aus meiner Sicht – überzogener Kritik aufgehängt habe. Ich sehe bei dem Haus durchaus echten Gestaltungsanspruch, den ich an vielen anderen, weniger kritisierten Neubauten in Berlin vermisse. Ich würde es aber in anderem städtebaulichen Kontext dennoch misslungen finden.

    Metaebene: Ich finde mich hier oft in der Rolle, dass ich Gebäude verteidige, die ich eher so mittel bis sogar schlecht finde – schlicht, weil mir die Argumente gegen sie überzogen erscheinen. Zum Beispiel "links-extrem" und "menschenfeindlich" beim Haus der Statistik oder "Honecker-Gedächtnis-Preis" hier. Selbst das "monotoner Klotz" von spandauer erscheint mir drüber, weil das Haus gar nicht so monoton ist, wie es scheint. Die Kacheln wechseln die Ausrichtung, es gibt zwei deutlich getrennte Zonen, das Obergeschoss hat ein Fenstervband, das Verhältnis zwischen Kacheln und Putz bei den Säulen entspricht dem Goldenen Schnitt, etc. Es gibt so viel banaleres und schlimmeres an Berliner Neubauten, warum hier diese Wut?

    Das heißt aber alles nicht, dass ich das Ding feiern würde. Ich erkenne die Detailarbeit an und ich schätze die Wirkung auf die Kreuzung – aber einen "großen" Entwurf sehe ich wirklich nicht...

  • Durch eine wesentlich öffentlichere und zielgerichtetere Neugestaltung des mega Grünstreifens an der Holzmarktstraße (auch mit etwas Plasterung, Springbrunnen, Kioske o.ä.) und einem weiteren Gebäude an der Ecke Lichtenberger Straße wäre glaube ich das "Schneisenproblem" schon gelöst.

    Es kommt entlang der Spree ja auch noch Verdichtung, und Berlin hätte an der Stelle eine Art langgezogenen, boulevardartigen Raum, von dem aus man sich dann je nach Richtung enthusiastisch in die neue hochverdichtete Zone um den LXK Campus oder in das entstehende schicke "Bananenviertel" stürzen könnte.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Laut Aufstellungsverfahren für den Bebauungsplan 1-83b (Bereich Schillingstraße Nordost) soll das Gebiet als Teil des „Wohngebiets Karl-Marx-Allee, II. Bauabschnitt“ in seiner städtebaulichen Struktur erhalten bleiben. Ziel ist ausdrücklich der Schutz vor unkontrollierter Verdichtung.

    Interessant, dass beim Bebauungsplan 1-83b das Thema Flächenverbrauch keine Rolle zu spielen scheint. Wollte man nicht die Flächen in den Innenstädten besser auslasten (und damit höher verdichten), um den Flächenverbrauch an den Rändern der Stadt zu reduzieren?

    Das ist doch mal wieder ein schönes Beispiel dafür, wie einseitig mit dem Argument der Nachhaltigkeit planerische Interessen in der Stadtpolitik legitimiert werden. Das Argument der Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle, wenn man mit dem Grauen-Energie-Thema den Erhalt von Bausünden (z.B. Haus der Statistik) legitimieren möchte. Ist die Nachhaltigkeit ein Argument dafür, den Städtebau der Nachkriegszeit (wie in diesem Fall) zu verdichten, wird das Thema schnell unter den Tisch fallen gelassen. Da scheint die Nachhaltigkeit dann plötzlich keine Rolle mehr zu spielen.

  • sorry, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, dir zu antworten. In der Tat hab ich den Begriff aus den offiziellen Erläuterungen zum Bebauungsplan 1-83b. Es geht wohl um ein städtebauliches Gesamtkonzept. Ich geh davon aus, dass damit unter anderem der Verlust des "gewachsenen Charakters" (sofern man hier davon sprechen kann) des Kiezes durch mangelhaft integrierte Neubauten (Höhe, Stil) gemeint ist. Man möchte - und das sieht man ja an den bisher realisierten Neubauten - den bisherigen (DDR-)Charakter des Kiezes trotz behutsamer Nachverdichtung beibehalten bzw. weiterentwickeln.

  • Ich kann in den neu gebauten Häusern kein Konzept erkennen. In der Berolinastraße werden acht, in der Schillingstraße nur vier bis fünf Geschosse gebaut. Es ist ein Fehler den Städtebau der DDR zu erhalten. Das Gebiet liegt mitten in der Stadt aber fühlt sich anders an. Ich durchquere es nur, ein Ziel gibt es für mich nicht.

  • ^ Na ja, das gilt für mich für die allermeisten Straßen in Berlin. Man geht hindurch. Ich wüsste nicht, was mich z.B. in den Soldiner Kiez führen würde, auch wenn da sehr viel Gründerzeitler stehen. Andererseits ist die Schillingstraße die kürzeste Wegstrecke von der Jannowitzbrücke zum Café Mosksu oder zum Kino International. Und das Kino jedenfalls ist eine super Destination.