Abriss Postmoderne Budapester Straße 35

  • Okay, einen Monat habe ich die Klappe gehalten, das hilft aber auch nicht. Ich halte dieses wohlfeile "böse, linke Politik"-Gebashe hier einfach nicht aus. Da kauft ein Finanzinvestor ein leerstehendes Gebäude und will es abreißen lassen, weil er sich von einem Neubau eine höhere Rendite verspricht. Das ist weltweit Usus in einer Epoche der Investoren-Architektur, deren einzig wirklich relevanter Faktor nun einmal die Verwertbarkeit ist (was mit der Logik des Systems zu tun hat, nicht mit individueller "Gier"). Man schaue nach New York, London, Hongkong oder auch Frankfurt: Überall verschwinden Gebäude, die erst ein paar Jahrzehnte alt sind, zugunsten von Neubauten, deren Halbwertzeit eher noch kürzer sein wird. Nennen wir es "Produktzyklen".


    Davon liest man hier aber kein Wort. Wer ist Schuld? Wahlweise eine angeblich besonders heruntergekommene Berliner Baukultur, der Senat im Allgemeinen, Frau Lüscher im Besonderen oder (neuerdings) auch Frau Lompscher von der "SED-Riege" (Konstantin). Dass sie mit diesem Projekt nicht das Geringste zu tun hat - so what? In einem Zeitungsartikel mit Lompscher-Zitaten wird das Gebäude nicht erwähnt (vermutlich, weil der Autor nicht danach gefragt hat) - und das reicht dem werten Pumpernickel schon, um in der vermeintlichen Ignoranz der vermeintlichen Freunde von "VEB irgendwas" das Problem dingfest zu machen.


    Die famose Wirtschaft kann dagegen schon deshalb nicht das Problem sein, weil sie immer die Lösung ist. Wenn sie überhaupt erwähnt wird, dann in Sätzen wie "Der Senat hat keine Ahnung von Wirtschaft" oder "Der Senat hat nicht einmal die Grundregeln von Angebot und Nachfrage verstanden." Dabei müsste doch jedem, der diese Regeln selbst verstanden hat, klar sein, warum dieses Gebäude abgerissen wird: Die Büros darin sind 30 Jahre alt, und neugebaute Büros auf dem Stand von Technik, Raumaufteilung, Innenausstattung etc. lassen sich besser vermieten oder verkaufen. Es besteht keine Nachfrage nach holzgetäfelten Eingangshallen mit Deckengemälde, also verschwindet das entsprechende Angebot. Außerdem lässt sich auf mehr Etagen mehr verwertbare Fläche unterbringen. That's it.


    P.S.: Es tut mir sehr leid um das Gebäude. Ich mag es, und es ist ein Jammer, dass es verschwinden soll. Der Entwurf von Grüntuch-Ernst hat nur einen Vorteil: Wenn er in 30 Jahren selbst zum Abriss freigegeben wird, ist das nichts, worum man trauern müsste.


    P.P.S.:


    Zitat von Pumpernickel

    Stattdessen will sie ausgerechnet das Hochhausprojekt hinterm "Haus des Lehrers" stoppen, damit das städtebauliche Niemandsland rund um den Alex auch weiterhin "Kraut und Rüben" bleibt?!


    1. Hinter dem Haus des Lehrers ist kein Hochhaus geplant, es geht um das Haus des Reisens.
    2. Auch hinter dem Haus des Reisens kann Lompscher kein "Projekt stoppen", weil es keines gibt. Es gibt lediglich den überarbeiteten Kollhoffplan, der dort ein Hochhaus "in zweiter Reihe" vorsieht - also nicht an der Alexander- sondern an der Otto-Braun-Straße.
    3. Lompscher kritisiert diesen Teil des Kollhoffplans, weil er seine eigene städtebauliche Logik durchbreche - sie will also eigenen Angaben zufolge "Kraut und Rüben" nicht erhalten, sondern deren Übertragung in die nächste Generation verhindern.


    Man hätte nun zwei Möglichkeiten:


    1. Den Leuten vertrauen, die Lompscher für eine kompetente Frau halten, und sich ihre Argumente wenigstens mal unvoreingenommen anschauen. Man könnte dann feststellen, dass sie gar nicht so unrecht hat - oder auch, dass sie sehr wohl unrecht hat. Zustimmung und Ablehnung könnte man dann jeweils inhaltlich begründen.
    2. Sich Konstantin anschließen, wonach hier eine "SED-Riege" am Werke sei, der es einzig um den Erhalt von DDR-Kram geht, Lompschers städtebauliche Argumente ohne den Ansatz einer Betrachtung als vorgeschoben abtun und einfach fröhlich draufloshauen.


    Das Bittere an diesem Forum ist: Selbst wenn man, wie Pumpernickel in diesem Fall, nicht einmal weiß, um welches Grundstück es eigentlich geht, ist einem breite Zustimmung sicher, wenn man sich für die zweite Möglichkeit entscheidet.

  • Auch wenn ich einigen Linken Stadtentwicklungsplänen der Linken sehr Kritisch gegenüberstehe muss ich meinem Vorredner recht geben. Lombi hat nicht Wolkenkratzer grundsätzlich kritisiert sondern hat ja sogar das Angebot gemacht bis 128m zu bauen das ist im Verhältnis zu den Ökos der Grünen mit ihren vorgaben die sich an Deutschen Bergdörfern Orientieren schon sehr gut sie meinte auch das es ihr um die Größenverhältnisse des Gesamtbildes geht. Was ich nicht teile ist das 150m am Alex schlecht sind da hat sie nicht recht aber da hat ja jeder so seine Meinung. Aber im gesamten hat sie gar nicht so schlechte Ansichten. Und lieber eine Alexstadtkrone mit 9 128m hohen Türmen oder nur 2 150m Türmen weil die nicht zu verhindern waren und der Rest der Türme niedriger als gar keine Hochhäuser am Alexanderplatz. Denn mit den bisherigen Planungen träumen wir in 20 Jahren noch vom Wolkenkratzerviertel.

  • Kurios ist hier ja auch, dass schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite Bebauung ist, zu der sich spontan der Konsens im Forum finden würde: "das kann weg".


    Das ist genau das, was ich auch so bitter finde. Es handelt sich um das einzige, ansehnliche Gebäude in der Gegend. Und ausgerechnet dieses muss weichen.

  • Okay, einen Monat habe ich die Klappe gehalten, das hilft aber auch nicht. Ich halte dieses wohlfeile "böse, linke Politik"-Gebashe hier einfach nicht aus.


    Ich bashe bestimmt keine "linke" Politik, da ich selbst Sozialdemokrat bin. Ich kann aber nun einmal nichts dafür, dass sich eine Partei angemaßt hat, für sich das namentliche Monopol darauf zu reklamieren, "Die Linke" zu sein. Und DIE LINKE habe ich kritisiert. Im Übrigen muss man schon wirklich blind sein, wenn man nicht bemerkt oder bemerken will, dass Politiker der Linken seit Monaten Interviews zu städtebaulichen Fragen geben bzw. sich von sich aus öffentlich äußern, sich diese aber beinahe vollständig um das alte Ostberlin drehen und die City West mehr oder minder einfach ignoriert und städtebaulich sich selbst überlassen wird. Die Kritik daran äußere ich auch nicht ideologisch, sondern als Bürger und Westberliner.


    Oder willst du ernsthaft bestreiten, dass seit 26 Jahren der städtebauliche Schwerpunkt nahezu nur auf dem Ostteil liegt, auch jetzt noch, wo der "zweite Wiederaufbau" des einst maroden Ostberlin längst abgeschlossen ist? Und willst du tatsächlich verneinen, dass Politiker der Linken ganz eifersüchtig um jedes Gebäude aus DDR Zeiten ringen, sei es ein olles Schwimmbad, während niemand interessiert, was mit dem baulichen Erbe Westberlins passiert? SOVIELE herausgehobene Bauten der Postmoderne gab es in den 80ern nämlich nicht, schon gar nicht in der City West. Stattdessen findet es Frau L. ungeheuer wichtig, das überaus banale "Haus des Reisens", wie es im Ex-Ostblock gefühlte Drei-Zillionen-Mal gebaut wurde, dadurch in seiner Stadtbildwirkung zu schützen, indem sie den Bau eines rückversetzten Hochhauses unterbinden möchte.


    Da wird ganz massiv mit zweierlei Maß gemessen und das stört mich nicht ideologisch, das stört mich bürgerschaftlich. Berlin besteht nicht nur aus den "Szene-Kiezen" im Osten und der City Ost zwischen Brandenburger Tor und Prenzlauer Berg.

  • Oder willst du ernsthaft bestreiten, dass seit 26 Jahren der städtebauliche Schwerpunkt nahezu nur auf dem Ostteil liegt, auch jetzt noch, wo der "zweite Wiederaufbau" des einst maroden Ostberlin längst abgeschlossen ist?


    Das liegt aber auch daran, daß zum Ostteil eben auch die Berliner Mitte gehört. Die Mitte mag politisch gesehen zum Osten gehören, städtebaulich gesehen tut sie es aber nicht.

  • Es geht darum, dass sich niemand im Senat darum zu scheren scheint, was mit der City West geschieht. Denkmalschutz der Westberliner Moderne des Ernst-Reuter-Platz? Pf, wen interessierts, weg mit dem alten Kram. Aber wehe hinter das Haus des Lehrers wird ein Hochhaus gepflanzt, das dessen Wirkung im Stadtbild "beeinträchtigen" könnte, dem nimmt sich eine Senatorin aber persönlich an, so geht es ja nicht. Das Schimmelpfeng? Da machte man sich nicht einmal die Mühe einer Debatte. Usw. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sagen muss "Stopp, bis hier und nicht weiter". Und wenn dies der Punkt ist, so be it.

  • Gemach! Ich kann deinen Ärger nachvollziehen, weil auch mich der Abriss dieses Gebäudes ärgert. Aber ganz so schlecht ist es um den Denkmalschutz in der City West nicht bestellt. Zoo-Palast und Bikini-Haus wurden aufwendig renoviert.

  • Weil die Eigentümer das von sich aus wollten und keinen Abrißantrag gestellt haben. Der Senat kann sich das nicht ans Revers heften.


    Diese geilen Platten am Thälmann-Park in Ostberlin (Einweihung 1986)


    https://upload.wikimedia.org/w…st-Th%C3%A4lmann-Park.jpg


    sind übrigens ziemlich exakt so alt, wie dieses Gebäude hier. Und was hat das Land Berlin mit denen gemacht? Es hat sie sogar unter Denkmalschutz gestellt, damit sie auf ewig unverändert häßlich und banal bleiben mögen.

  • ^ Da hat dir Architektenkind nun schon ausgiebig zu erklären versucht, dass es einen gewissen Unterschied zwischen mittel- bis langfristigen städtebaulichen Leitlinien und konkreten Bauprojekten eines des Besitzers einer nicht denkmalgeschützten (und viel jüngeren) Immobilie und dem Einfluss der Stadtentwicklungssenatorin gibt und du willst es immer noch nicht verstehen. Der Rest ist dann der übliche Wutbürgersprech gepaart mit Politikerbashing. Architektenkind hat Recht, das nimmt hier ziemlich eklige Züge an und erinnert nicht selten ans Reko-Nachbarforum, dass sich nicht zuletzt deswegen eines ziemlich homogenen Restinteresses erfreut.

  • ^erkläre mir tumben Wutbürger doch einmal, wie z. B. der vom Land Berlin angestrengte Denkmalschutz für die Platten Thälmann-Park in deine Entgegnung passt? Ich bin halt einfach begriffsstutzig, das musst du bitte entschuldigen.

  • Ich find's auch schlimm. Ich liebe die Postmoderne. Und dieser Bau ist ein herausragender Vertreter der Postmoderne. Eines der besten Gebäude überhaupt in Berlin.


    Was kann man jetzt noch tun? Gibt es die Möglichkeit, eine Petition oder was Ähnliches an den Senat zu schreiben? Oder an irgendeine Zeitung? Würde das etwas bringen? Wenn jemand ein Schreiben aufsetzt, wäre ich bereit, mit zu unterschreiben. Vorausgesetzt meine Stimme gilt überhaupt als Nicht-Berliner.


    Architektenkind hat Recht, das nimmt hier ziemlich eklige Züge an und erinnert nicht selten ans Reko-Nachbarforum,


    Ähm, lieber DaseBLN, dieses Gebäude ist überragend. Hier geht's nicht einfach nur um ein x-beliebiges Fachwerkhaus.

  • Man könnte beim Denkmalschutz eine Aufnahme in die Denkmalliste beantragen. Das müsste auch von Amts wegen pflichtgemäß geprüft werden. Alleine, die Präferenz des Denkmalamts bzgl. den Bauten, die zwischen Krieg und Wende in Berlin gebaut wurden, liegt quantitativ ganz eindeutig im ehemaligen Ostberlin, wenn man sich einmal die Denkmalliste anschaut. Einklagen lässt sich solch eine Aufnahme in die Denkmalliste nicht. Und selbst dann - siehe Schimmelpfeng und andere.

  • Wie gesagt: wenn jemand hier im Forum ein Schreiben für den Erhalt aufsetzt, bin ich bereit, meinen Namen mit darunter zu setzen.


    Vielleicht würde ein Kontaktaufnahme mit einer Zeitung zuerst einmal mehr bringen zwecks Publicity.

  • Ich mach mich mal schlau, ob da überhaupt noch was zu machen ist (wenn die Abrißanzeige schon da ist, dann kannst du das vergessen). Immerhin will ein Investor hier einen dreistelligen Millionenbetrag investieren, der lässt sich bestimmt nicht von einem rührigen Leserbrief aufhalten.

  • erkläre mir tumben Wutbürger doch einmal, wie z. B. der vom Land Berlin angestrengte Denkmalschutz für die Platten Thälmann-Park in deine Entgegnung passt? Ich bin halt einfach begriffsstutzig, das musst du bitte entschuldigen.


    Kein Problem. Es handelt sich dort weder um ein Einzelgebäude, noch sollte mit dem Denkmalschutz noch fix schnell ein Bauvorhaben verhindert werden, wie es dir hier offenbar vorschwebt. Ist doch nun wirklich nix Neues, dass ein Ensembleschutz einfacher zu verhängen ist, als die Denkmalschutzwürdigkeit eines bestimmten Gebäudes gerichtsfest zu begründen.


    Ähm, lieber DaseBLN, dieses Gebäude ist überragend. Hier geht's nicht einfach nur um ein x-beliebiges Fachwerkhaus.


    Deine Meinung. Das Thema ist ja nun fast 6 Jahren am köcheln, so wichtig kann dir das also wohl kaum gewesen sein, dass du jetzt erst bereit bist, irgendwo deine Unterschrift drunter zu setzen.

  • ^ ich habe eben immer gehofft, daß sich die Neubaupläne nicht konkretisieren.


    Übrigens: "am Köcheln" schreibt sich groß. Das ist nämlich ein substantiviertes Verb. Der Fehler wird aber ganz häufig gemacht. :-)

  • Laberrababa...


    Warum hat die Voba damals eigentlich nicht schon 60m hoch gebaut? Ich denke das hätte den Anreiz abzureißen und neuzubauen deutlich verringert.
    Es ist schade um den Bau, aber ich kann es dem Investor nicht verübeln das volle legale Bebauungspotential des Grundstücks ausschöpfen zu wollen.
    Schon allein die vollen 6 Geschosse die er nun höher bauen kann sind ein gewichtiges Argument.
    Auf das Äußere scheint es dem Investor dagegen nicht so sehr anzukommen. Die Glasfassade ist 0815. Viel ärgerlicher finde ich die sperrige Form. Gerade auf der veröffentlichten Visu empfinde ich den Baukörper ziemlich klobig:



    (C) Grüntuch-Ernst Architekten


    Mit doppelter Höhe würde das dann schon besser passen, doch dann müsste ein B-Plan her.

  • Das Schweigen der Berliner Politik zu diesem Abriss ist schon bemerkenswert angesichts des Theaters, das um jeden mediokren Plattenbau, der womöglich einmal abgerissen werden könnte, gemacht wird. Da gebe ich Pumpernickel recht. Hier steht nun wirklich mal ein besonderes Stück Architektur auf dem Spiel, ein Bau, der wie ein Leuchtturm in seiner tristen, gleichförmigen Umgebung wirkt.