Gentrifizierung in Berlin

  • Sozialismus 2.0?

    Die MoPo berichtete über die Gedankenspiele, den privaten Wohnungsmarkt in Berlin möglichst abzuschaffen - wenn man durch Mietendeckel, Zwangs-Mietsenkungen usw. die Wirtschaftlichkeit kaputtmachen würde, könnte man etliche nicht selbst genutzte Wohnungen billig aufkaufen, notfalls enteignen. Ein SPD-Experte meint, Lompscher habe nie beabsichtigt, den Wohnungsmangel zu bekämpfen, sondern würde für ideologische Einfälle gar die verschärfte Wohnungsnot in Kauf nehmen. Es wird angeregt, die Senatorin zu entlassen.


    So zum Vergleich - gerade sah ich einige TV-Reportagen über Nordkorea, wo die Bauern inzwischen einen Teil der Ernten selber verkaufen dürfen. Laut Vertrauten denke der Große Anführer über marktwirtschaftliche Reformen im Stil Chinas nach (solange seine Macht absolut bleibt). Damit kehrt selbst das allerletzte sozialistische Land des Planeten vom Sozialismus ab - umso bitterer die Ironie, wenn gerade in der Berliner Wohnungswirtschaft der Sozialismus eingeführt werden sollte.

  • ^Bislang halte ich wenig bis nichts von der (Anti-)Baustrategie der Regierung. Es müsste längst in ganz anderen Größenordnungen gebaut werden.


    Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass ich den aktuellen Mut durchaus bewundere. Lompscher und Co legen sich nicht nur alibimäßig mit dem Markt an, sondern wollen ihn scheinbar massiv zähmen. Das muss absolut nicht gut gehen aber immerhin tut/ (bzw. zunächst) versucht man, wofür man gewählt wurde. Ähnlich wie auch in der Verkehrspolitik will man aktiv gestalten. Dass so etwas nie allen passt, ist klar. Spannend und entscheidend wird natürlich, was da am Ende wirklich raus kommt. Ich beobachte das sehr genau.


    OT: Extrem positiv und lange überfällig finde ich auch, dass unser Parlament künftig deutlich mehr arbeitet. Wenn man endlich mal auch die ganzen Behörden in Schuss bekommt, kann Berlin insgesamt deutlich voran kommen, egal wer dann gerade regiert.

  • ^ Auch wenn es manchen nicht gefällt, Marktmechanismen gibt es so naturgemäss wie die Schwerkraft - wie kann man die Schwerkraft "zähmen" wollen? Versuche des Mogelns führen zu Situation wie etwa in Wien, wo man zwar als Bestandsmieter billig wohnen kann, aber nicht neu einziehen - in einer 2-Millionen-Stadt gibt es nicht mal 2000 neue Einzüge im Jahr.


    Der verlinkte SPON-Artikel berichtet von einer Obergrenze von 9,80 EUR/Qm für Neuvermietungen (Lompscher wollte zuerst nur 8). Bereits vor Jahren wurde nachgerechnet, dass Neubau-Kosten einer Kaltmiete von 10-12 EUR/Qm entsprechen, seitdem wurde alles teurer. Damit müsste man behämmert sein, in Berlin noch Wohnungen mit Verlust zu bauen (was der Artikel auch erwähnt). Nicht nur als Privatvermieter, auch Wohnungsbaugenossenschaften - woher sollten sie Geld zum Quersponsern nehmen?


    Dazu noch dieser Welt-Artikel zum Thema, dass ähnliche Konzepte bereits mehrmals gescheitert sind. Ehrlich gesagt: Ich habe keinen Mitleid, wenn man freiwillig eine Verschärfung der Wohnungslage wählt, wird hoffentlich das Berliner Desaster für die anderen Länder frische Mahnung sein.


    BTW: Ich wohne selber bei einer Wohnungsbaugenossenschaft - meine Wohnung im 70 Jahre altem Haus ist billig, aber welche in Neubauten kosten um 12 EUR/Qm, weil dies die Neubau-Kosten eben ergeben - das kann man nicht "zähmen" oder wegmogeln.

  • ^ Auch wenn es manchen nicht gefällt, Marktmechanismen gibt es so naturgemäss wie die Schwerkraft - wie kann man die Schwerkraft "zähmen" wollen?


    Nö, die Schwerkraft gibt es seit dem Urknall, sie ist eine Naturkonstante – der Markt erscheint nur so. Es gibt ihn, wie wir ihn heute kennen, vielleicht seit 200 oder 250 Jahren. Und er hat sich nicht von allein so entwickelt, sondern ist das Produkt politischer Weichenstellungen im 18. Jahrhundert (vgl. z.B. K. Polanyi, The Great Transformation). Ihn als eine Art gesellschaftliche Naturkonstante zu betrachten (wie die neoklassische Theorie es tut), ist ahistorischer Unfug.


    Aber Sie haben natürlich recht, dass Marktmechanismen heute sehr wirkmächtig sind. Deshalb halte ich zwar einen – moderaten – Mietendeckel im Bestand für sinnvoll, nicht aber für Neubau-Wohnungen. Gemeinnützige Anbieter wie Genossenschaften, denen es ohnehin nicht um den Gewinn geht, sollten ausgenommen sein. Mal abwarten, wie das Gesetz am Ende aussieht. Ich glaube, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

  • So wie ich das verstanden habe, sind Neubauten die seit 1. Januar 2014 bezugsfertig sind, vom Mietdeckel ausgenommen...


    Wie u.a. hier nachzulesen:


    https://stadtentwicklung.berli…/mietendeckel/index.shtml


    Wenn wir Konsumenten Marktmechanismen als naturgemäß betrachten, könnten wir die kleine Schummelei bei Dieselfahrzeugen in der Autoindustrie vermutlich als naturgemäßen Kollateralschaden in der Autoevolution sehen.

  • Bedrohter Standort Uferhallen

    Geehrte Mitforisten,


    wir sind ein Verein von ca 100 Künstler und im künstleren Umfeld angesiedelten Gewerbe, deren Atelierstandort von der Augustus Kaptitallgesellschaft, aka Alexander Samwer, aufgekauft wurde. Die Stadt hat sich inzwischen eingeschaltet, und ist bemüht, Wege zu finden, um den Atelierstandort zu erhalten. Die Investoren haben schon verstanden, das sie ein Feigenblatt an kultureller Nutzung stehen lassen müssen, da das ganze Areal unter Denkmalschutz steht, und kein Bebauungsplan vorhanden ist. Die Investoren streben aber eine massive Verdichtung des Areals an. Sogar Bauten in mit knapp 2 stelliger Geschosszahl sind angedacht. Allerdings eher nichts Elegantes, sondern eher 45m Rendite-Stümpfe. Das zeichnende Baubüro ist Ortner und Ortner, die uns schon eine Einführung in das anstehende Bauprojekt gegeben haben.
    Uns Betroffene ist aber klar, die Samwers, oder Alexander Samwer eher zur harten Sorte von Investoren gehören.


    Noch einmal zum googeln: Das Gelände heisst Uferhallen, wir hatten gerade eine grosse Ausstellung mit den Ttel "Eigenbedarf" dort organisiert.


    Ich wende mich an dieses Forum, weil uns jede Expertise über die Investoren, das Baubüro, Bau und Sanierung, Tipps, eigentlich alle Art von Infos willkommen sind. Ich halte bewusst diese Anfrage allgemein, weil ich erst einmal sondieren möchte, ob Überhaupt ein Interesse an dieser Thematik besteht.
    Diesen Beitrag erstelle ich als Privatperson.

  • Meine Erfahrung mit solchen Situationen:


    - Die eine Seite fühlt sich bedroht und reagiert mit absoluter Ablehnung, Protest, Demonstration.


    - Die andere Seite reagiert rational und relativ kalt, zahlenfokussiert und erhöht den Druck bzw pocht auf geltendes Recht.


    Die einzige Möglichkeit wie man mit Investoren reden kann, ist wenn man sich auch für deren Interessen offen zeigt. Sprich: Versucht herauszufinden wie ihr den Investoren helfen könnt und sie werden euch helfen. Keiner will 70 Künstler gegen sich haben, 70 Künstler als Fürsprecher für ein Projekt dagegen sicher.


    Daher sind aus meiner Sicht in eurem Interesse folgende Fragen zu klären:
    - Wäre es möglich für den Investor deutlich höher zu bauen und dafür das bestehende Bebauungsrecht anzupassen?
    - Im Gegenzug dafür würden (in Abstimmung mit der Stadt), geförderter Raum für Künstler geschaffen werden um die Ateliers erhalten zu können und vielleicht sogar eine Partizipation zu schaffen, im Sinne von: Künstler präsentieren ihre Werke in den Büroräumlichkeiten der Start-Ups.
    - Inwiefern lassen sich weitere Synergien zwischen Start-Ups und Künstler schaffen?

  • Vielen Dank erst einmal für den Beitrag.


    Eine Anregung seitens der Moderation: Richtlinien vor dem Schreiben des 1. Beitrags lesen. In diesem Fall ist insbesondere Punkt 7 relevant.
    Bato