Potsdam: Wiederherstellung historische Mitte - Diskussionsthread

  • Der reine Redethread

    Wann immer ich in diesen Strang gucke, habe ich das Gefühl, dass abgesehen vom Landtag in Potsdam nur diskutiert und nie gebaut wird.


    Ich hatte das Glück, drei Jahre in Dresden wohnen zu dürfen. Obwohl dort teilweise zu großteilig vergeben wurde, können die Menschen dort ihre wunderschöne Innenstadt schon wieder nutzen.


    Nach amerikanischen Studien funktioniert der jeweilige Städte bzw Landhype für ca. 30 Jahre. Ich würde sagen, seit ungefähr 2000 erzählen uns Filme und Serien, dass wir nur in Großstädten wie Berlin, New york oder London glücklich werden können. Heißt ihr habt noch ca 15 Jahre Zeit eure Innenstadt fertig zu kriegen. Danach wollen die Menschen wohl wieder auf dem Land leben und ihr kriegt keine Finanzierung mehr für so wunderschöne Visualisierungen.

  • ^ Das stimmt so nicht. Zwischen Landtag und Kanal sind derzeit drei Gebäude im Bau - ein ganzer Block, sozusagen. Ich denke mal, die Gegend westlich der Nikolaikirche ist dann der nächste Bauabschnitt.

  • Ich schlage vor, dass wir das Thema Staudenhof mal ganz sachlich diskutieren.
    Zunächst einmal geht es bei der Diskussion um zwei Varianten. Variante 1 geht davon aus, dass der Wohnblock am Staudenhof abgerissen wird. An seiner Stelle soll durch die kommunale Wohnungsgesellschaft Pro Potsdam oder eine Genossenschaft ein Ersatzwohnhaus mit mindestens genauso vielen Wohnungen wie im Wohnblock am Staudenhof, also 182, geschaffen werden. Diese Wohnungen sollen dann zu einer Miete vermietet werden, die der Miete eines sanierten Plattenbaus entspricht. Diese Variante wurde von der Stadtverordnetenversammlung am 7.11.2012 beschlossen.


    Variante 2 sieht eine Sanierung des bestehenden Gebäudes vor. Diese Variante wird von Baudezernent Klipp befürwortet und dem KPMG - Gutachten gestützt.


    Eine Variante, nach der der Wohnblock abgerissen wird, das Grundstück anschließend an einen privaten Investor verkauft wird und dieser dann dort hochpreisige Wohnungen oder Büros baut, wird dagegen von keinem Politiker in Potsdam befürwortet. Schließlich ist die Lage in Potsdam so, dass es hier einen massiven Mangel an preiswerten Wohnungen gibt, der sich aufgrund der wachsenden Bevölkerungszahlen ständig zuspitzt. Auch in Plattenbausiedlungen gibt es mittlerweile für viele Wohnungen Wartelisten. Daher wäre eine ersatzlose Vernichtung von preiswerten Wohnungen unverantwortlich.


    Meiner Ansicht nach hat die Variante 2 wesentliche Vorteile. Der wichtigste Vorteil besteht darin, dass eine Sanierung deutlich billiger werden dürfte als ein Abriss und anschließender Neubau. Ein Abriss an diesem Standort müsste aus Rücksicht auf die benachbarten Gebäude (vor allem Nikolaikirche) sehr vorsichtig erfolgen. Weiterhin wäre eine Tiefenenttrümmerung nötig, da die alten Keller für den Neubau nicht wiederverwendet werden sollen. Angesichts dieser Prämissen dürften schnell über 100 Euro pro Quadratmeter Abrisskosten zustandekommen. Für einen Neubau an diesem Standort dürften dann nochmals mindestens 1300 Euro pro Quadratmeter fällig werden. Eine qualitätvolle Sanierung könnte dagegen schon für 400 Euro pro Quadratmeter realisiert werden. Die bisherigen Erfahrungen mit Plattenbausanierungen zeigen deutlich, dass Plattenbauten über eine sehr solide Bausubstanz verfügen, die zu überschaubaren Kosten saniert werden kann. Daher sprechen für mich die finanziellen Argumente ganz klar für eine Sanierung des Bestandsbaues. Zudem würde das Geld, das für Abriss und Neubau am Staudenhof verwendet wird, für den dringend notwendigen Neubau preiswerter Wohnungen an anderer Stelle fehlen.


    Dann zu den architektonischen Argumenten, auf die offenbar einige Nutzer anspielen. Sicher sieht der Wohnblock in seiner derzeitigen Form nicht sehr attraktiv aus. Man muss aber auch berücksichtigen, dass an dem Gebäude vierzig Jahre nichts gemacht wird. Eine Sanierung kann das Erscheinungsbild des Gebäudes deutlich verbessern, beispielsweise könnten die Balkonbrüstungen deutlich filigraner gestaltet werden. Außerdem ist es keineswegs ausgemacht, dass ein Neubau besser aussehen würde. Schließlich müsste ein Neubau in kostengünstiger Bauweise erstellt werden, und die derzeitigen Neubauten der Pro Potsdam sehen meiner Meinung nach nun auch nicht so toll aus, dass dafür der Wohnblock am Staudenhof abgerissen werden müsste. Ich hatte ja schon mal den Pro-Potsdam-Neubaublock an der Friedhofsgasse vorgestellt, und diesen finde ich keineswegs besser als einen sanierten Staudenhof.


    http://www.deutsches-architekt…hp?p=397571&postcount=187


    Schließlich möchte ich alle Nutzer bitten, dieses Thema sachlich zu diskutieren. Ich bin sehr für eine kontroverse Diskussion, aber einige Beiträge begnügten sich mit einem ziemlich platten Bashing. Was der Vergleich mit dem Bunker in der Reinhardtstraße soll, weiß ich auch nicht. Auf dem Bunker befindet sich meines Wissens eine Wohnung, beim Staudenhof geht es um 182 Wohnungen. Es wäre schade, wenn unsere Debatten auf dieses Niveau abrutschen würden.

  • Klarenbach schreibt ja stets ganz sachlich, unterläßt aber wesentliche Informationen. In der Variante 1 ist einzufügen ..."dass der Wohnblock am Staudenhof im Jahr 2022 abgerissen wird". Um es mit Klarenbachs Worten zu sagen: kein Politiker befürwortet einen sofortigen oder baldigen Abriss des Staudenhofs, es geht um seine Zukunft nach 2022.


    Dass die Sanierung des Bestandsbaus billiger kommt als Abriss und Neubau bestreite ich ausdrücklich. Im übrigen gab es auch ein Gutachten, welches dies belegt:


    1. Nach Abriss wäre durch Blockrandbebauung mehr Nutzfläche errichtbar


    2. Ein Wiederentstehen der Blickachse Fortunaportal - Kaiserstraße - Wilhelmplatz ist ein wesentlicher Faktor der historischen Altstadt und unbedingt wiederzugewinnen


    3. Bei Neubauten kann differenzierter auf die Bedürfnisse des Wohnungsmarktes eingegangen werden. Ob der ganze Block sozialer Wohnungsbau würde (wie die angrenzenden Blöcke des "Zentrum Süd" sei dahingestellt. Ich bin eher dafür keine Monostrkturen zu schaffen und lieber andernorts in der Innenstadt hochpreisige Quartiere zu durchmischen.


    4. Die Straße hinter der Nikolaikirche würde ihe "Hinterhofsituation" verlieren


    5. Die Eckgrundstücke an der Schwerdtfeger/Kaiserstraße wären mit Staudenhof schwerer vermarktbar, auch die Westseite der Kaiserstraße, was zu Einnahmeverlusten der Stadt führt


    6. Mit Neubau entstehen fast 100 TG-Plätze, die in der Potsdamer Innenstadt dringend gebraucht werden


    7. Ein Erfolg des Gesamtkonzeptes "Potsdamer Mitte" ist wichtig für Tourismus und Steuereinnahmen


    Also nochmal, Klarenbach, bitte nicht unterstellen, hier seien Entscheidungen gefällt.


    Hier die Überlagerung, aus der die größere Baumasse nach Abbruch des Staudenhofes ersichtlich ist:



    Und das Leitbautenkonzept - ich glaube nicht, dass der Staudenhof im Bestand > 12.000 qm BGF hat.


  • ... ein Ersatzwohnhaus mit mindestens genauso vielen Wohnungen wie im Wohnblock am Staudenhof, also 182, geschaffen werden. Diese Wohnungen sollen dann zu einer Miete vermietet werden, die der Miete eines sanierten Plattenbaus entspricht.


    ...wer stellt denn solch unsinnige Forderungen auf ? Ein Neubau soll sich nicht preislich von einem saniertem Plattenbau unterscheiden. Was für ein Neubau wird denn das bzw. wird der Plattenbau luxussaniert ? Das ist ja genauso, wie wenn neue Markenreifen nicht mehr kosten dürfen, als runderneuerte No Name Pneu.


    Ich denke das Thema eignet sich gut für einen Volksentscheid. Abriß oder Sanierung ? Wenn es eine Mehrheit für einen Abriß geben sollte, dann meistbietend verkaufen und die 182 Ersatzwohnungen werden woanders in Potsdam gebaut. Generell bin ich sehr kritisch was den Abriß von vermietbaren, preiswertem und mit Steuergeldern gebauten Wohnraum angeht. An so einer Stelle könnte man eine Ausnahme machen. Wobei ich den Staudenhof Block nicht so schlimm finde. Die hinter der Kirche stehenden Platten sehen m.E. schlimmer aus, auch wenn sie den Bewohnern zentral gelegene und gut belichtete Wohnungen bieten. Ich wäre für eine Sanierung des Staudenhof, könnte aber mit einem Abriß und Neubau gut leben.

  • ^ Das ist keineswegs absurd, sondern ein erprobtes Konzept im sozialen Wohnungsbau. Ich weiß, dass solche Ideen in den Achtzigerjahren bei der Altbausanierung in Kreuzberg erfolgreich umgesetzt wurden. Sie setzen natürlich den politischen Willen voraus, die Mieten zu subventionieren (sonst entsteht wirklich nur Schrott). Aber ohne solche Festschreibungen würde in dieser Gegend nur Luxus gebaut werden, und die Vertreibung von Normalverdienern aus der Innenstadt ginge weiter.


    Was die Städtebau-Planung angeht: Ich glaube, ich tendiere diesmal dazu, Konstantin recht zu geben - an dieser Stelle lässt sich durch Abriss und Neubau mehr erreichen als durch eine Sanierung. Und wenn der Plan erst 2022 umgesetzt werden soll, wäre ja wirklich genug Zeit für die Mieter, sich (vorübergehend) nach Ausweichquartieren umzuschauen.

  • Aber ohne solche Festschreibungen würde in dieser Gegend nur Luxus gebaut werden


    Im gehobenen Bereich sind aufwändigere Fassaden eher finanzierbar. Es geht um gerade mal fünf Straßenblöcke, nicht mal die ganze Innenstadt - auch ich muss und kann verkraften, dass es Stadtteile gibt, die für mich Normalverdiener zu teuer sind. (Was nicht unbedingt gerade hier zutrifft, wenn es +- 10 EUR/Qm kalt im Neubau sein sollte.)


    wäre ja wirklich genug Zeit für die Mieter, sich (vorübergehend) nach Ausweichquartieren umzuschauen.


    Wieso zwei Umzüge statt einem? Auch ich musste mal wegen Eigenbedarfs des Vermieters umziehen, in einen einfacheren Stadtteil (in wenigen Monaten, ohne 8 Jahre Vorwarnzeit) - in den alten würde ich nicht zwingend zurückkehren wollen. War zuvor nicht davon die Rede, dass viele Bewohner des Blocks Studenten sind, die dort wohl eh nur temporär leben?


    Weiter oben wurden bereits die touristischen Belange angesprochen - ich weiß, in Berlin gelten sie als untergeordnet und unwichtig, doch zum großen Teil davon lebt ein Großteil der Städte. Potsdam bietet da nicht enorm viel, vor 1,5 Jahren habe ich die Möglichkeit einer Konferenzteilnahme dort ausgeschlagen - einzig deswegen, weil es sich freizeitmässig nicht lohnt. Man kann nicht alles durch die Brille des Sozialen Wohnungsbaus sehen, eine Stadt muss auch Besucher anlocken und Geld verdienen. (Sonst kann sie u.a. keine Sozialwohnungen finanzieren.)


    PS: Den Anhängern des Erhalts des Staudenhofs scheint kein besseres Argument einzufallen als "potsdam hat es ja offensichtlich überlebt nicht mit deiner anwesenheit beglückt zu werden..." Schafft doch gleich auch den staatlichen Tourismus-Service ab, angeblich kann man auch ohne uns "überleben".

  • Seit einiger Zeit gibt es in Potsdam Diskussionen über die Zukunft der Fachhochschule am Alten Markt. Die derzeitigen Planungen sehen einien Umzug der Fachhochschule zum Bornstedter Feld nach Fertigstellung des dortigen Campus vor. Diese ist frühestens 2017 zu erwarten.


    Baudezernent Klipp hat nun vorgeschlagen, die Fachhochschule kurzfristig in das Rechenzentrum an der Breiten Straße umzusetzen und das Gebäude am Alten Markt abzureißen.


    Gegen diese Pläne gab es massive Proteste seitens der Fachhochschule. Der Präsident der Fachhochschule Eckehard Binas berichtete auf der Sitzung des Hauptausschusses am Mittwoch, dass die Stimmung unter den Studenten angesichts der Umzugspläne sehr gespannt wäre. Ein Sprecher der Allgemeinen Studierendenvertretung hätte schon mit Besetzungen von Kreuzungen gedroht. Weiterhin meldete Binas grundsätzliche Zweifel am Abriss des Fachhochschulgebäudes an. Dieses könnte mit veränderter Fassade gut für Wohnen und Gewerbe genutzt werden. Diese Lösung wäre billiger und würde zeitliche Vorteile bringen.


    http://www.maz-online.de/Lokal…ion-im-Streit-um-FH-Umzug

  • Wenn die FH dort erst mal raus ist, kann es ihr und damit auch Herrn Binas in seiner Funktion als Präsident ja völlig wumpe sein, was mit dem Gebäude passiert. Es wäre auch billiger, dort eine Zuchtstation für Feldhamster einzurichten. Nur will das die Stadt nun mal offensichtlich nicht.

    Einmal editiert, zuletzt von Saxonia () aus folgendem Grund: R

  • Dieses könnte mit veränderter Fassade gut für Wohnen und Gewerbe genutzt werden. Diese Lösung wäre billiger und würde zeitliche Vorteile bringen.


    Es geht hier aber weder um 'billig' noch um zeitliche Vorteile. Der Abriss der FHH ist eine Grundbedingung für die Wiederherstellung der historischen Mitte. Auch wenn es nicht wirklich überrascht, dass du auch diesen in Beton gegossenen Alptraum sozialistischer Kulturbarbarei für 'erhaltenswert' ansiehst, so sei dir gesagt, dass es nicht in der Kompetenz des Herrn Binas liegt, darüber zu befinden.

  • Zudem ist zu bemerken, das bereits vor einigen Jahren, am neuen FH Standort im Bornstedter Feld, der Erweiterungsbau ANNEX I fertig gestellt wurde. Diese Erweiterung hatte bereits damals den Raumbedarf gedeckt. Die FH bestand jedoch weiterhin auf die Erweiterung des Erweiterungsbaus ANNEX II, den das Land lange Zeit, wegen fehlendem Bedarf seitens der FH, nicht bauen wollte. Daher rühren die jahrelangen Verzögerungen. Nun bekommen sie also auch noch ANNEX II. Die FH gilt damit als Hochschule mit den meisten Quadratmetern pro Student. Und sie weigern sich immer noch auszuziehen. Hat das vielleicht doch architektur-modernistische Gründe?


    Luftpost

  • Ich finde das FH Gebäude, vorausgesetzt man saniert es mal richtig, absolut erhaltenswert auch an dieser Stelle.
    Ich denke, man sollte wirklich überlegen ob es Sinn macht, das alles abzureissen um eine nachempfundene historische Mitte ohne Authenzität zu erzeugen, was ja schon leider partiell geschieht.
    Der Ansatz auf Teufel komm raus das alte Potsdam wiederherzustellen unter Ausschluss sowohl von bestehenden Gebäuden, die allesamt abgerissen werden müssen ob FH oder Hotel Mercure, wie auch dem Verzicht von modernen Bauten die Aufbruch und Innovation der Stadt widerspiegeln würden, halte ich für grundlegend falsch.

  • Man muss bei der FH wie bei vielen anderen Bauten der DDR einfach konstatieren, dass sie ihrer eigenen Destruktivität zum Opfer fallen. Es war die Hybris ihrer Schöpfer, die meinten, man könnte den Kern ganzer Städte durch ein Maximum an Rücksichtslosigkeit einfach auslöschen.


    Das Mercure, die FH, der Palast der Republik, das DDR Außenministerium, alle diese Bauten sind nicht primär wegen ihrer Architektur zum Tode verurteilt, sondern weil mit ihnen in einer völligen Arroganz der Architekten und Politiker die historischen Kerne der Städte ausgemerzt werden sollten.


    Allein deshalb darf dies keinen Erfolg haben. Man hat versucht, die Geschichte ganzer Städte aus dem Bewußtsein zu tilgen, Gottlob war die DDR Geschichte bevor Halle, Görlitz und Leipzig den Abrissbaggern weichen mussten. Zehn Jahre später und auch diese Städte wären verloren gewesen und durch austauschbaren Konservenschick verunstaltet worden.


    Hätte man den Palast der Republik z.B. auf einer Freifläche oder so errichtet, würde er heute noch stehen, aber man wollte unbedingt die historische Tiefe der Städte treffen. Es ist eine historische Gerechtigkeit, dass diese Kulturbarbarei letztlich den Kürzeren gezogen hat .

  • Man muss bei der FH wie bei vielen anderen Bauten der DDR einfach konstatieren, dass sie ihrer eigenen Destruktivität zum Opfer fallen. Es war die Hybris ihrer Schöpfer, die meinten, man könnte den Kern ganzer Städte durch ein Maximum an Rücksichtslosigkeit einfach auslöschen.


    Kurzum, der heutige Abriss diverser DDR-Bauten ist politisch, geschichtlich motiviert. ...ist zwar also wie bei Ulbricht, aber natürlich gaaaanz anders.

  • Ich nenne es historische Wiedergutmachung. Wer mit dem Bulldozer durch die ostdeutschen Innenstädte gefahren ist, sich gegen jede Rationalität gestellt hat und sich dann wundert, dass nicht jeder diese Barbarei kommentarlos hinnimmt, dem ist echt nicht mehr zu helfen.


    Hier wurden Bauten mutwillig zerstört, die kunsthistorisch so bedeutsam waren. Und das Schlimme ist, dass man sie oft gerade deswegen loswerden wollte.


    Und nicht nur die Bauten an sich, man wollte die Stadt als solche völlig umkrempeln. Man ist mit dem Reißbrett an Städte mit einer tausendjährigen Geschichte gegangen und hat beinahe aus Trotz z.B. über das Grundstück des Stadtschlosses eine mehrspurige Straße gezogen, als Statement das sagen wollte, die alte Stadt ist tot.


    Aber man kann noch so lange die Geschichte verleugnen, sie bleibt beständig. Wenn man die Stadt im Sinne des europäischen Städtebaus ergänzt hätte, dann würden viele DDR Bauten heute vermutlich noch stehen. So aber finden sie ihr verdientes Schicksal.

  • Kurzum, der heutige Abriss diverser DDR-Bauten ist politisch, geschichtlich motiviert. ...ist zwar also wie bei Ulbricht, aber natürlich gaaaanz anders.


    Richtig. Wenn du den Unterschied zwischen der Ulbricht-Ära und der heutigen Zeit und Gesellschaft nicht zu erkennen vermagst, hast du ein grundsätzliches Problem.
    Damit bist dann aber in diesem Forum und auch diesem Thread falsch - hier geht es tatsächlich um die architektonische Wiederherstellung der historischen Mitte. Dass da natürlich zunächst die Hinterlassenschaften Jener weichen müssen, die auch zu ihrer Vernichtung beigetragen haben, ist wohl selbstverständlich.

  • Solche Gleichsetzungen sind doch klassische SED-Propaganda, irgendwann glauben 14-Jährige wirklich, dass die DDR eine Demokratie war. Aber ich fürchte, da sind die 3 bis 4 Forianer, die solche Thesen stets äußern, nicht zu belehren. Es ist einerlei ob man mit Fakten, anderen Meinungen oder Zeitzeugen kommt - es gilt eben alles nichts, so abstrus die Thesen auch sein mögen.


    Selbst wenn in der Potsdamer Stadtregierung auschliesslich Hardcore-Rekonstruktionisten säßen (was nun beileibe nicht der Fall ist, denn 80 Prozent der Neubauten der "Potsdamer Mitte" werden ja zeitgenössiche Neubauten und keine Rekos) sähe man Potsdam in 20 Jahren die DDR-Zeit an.


    Aber es ist wie beim Garnionskirchenthema: wo wahrheitswidrig behauptet wird es werde mit "100 Millionen Steuergeldern eine Militätkirche wiederaufgebaut". Bei der Potsdamer Mitte werden die 80 Prozent Neubauten ebenso vorsätzlich unterschlagen.

  • Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich

    Kurzum, der heutige Abriss diverser DDR-Bauten ist politisch, geschichtlich motiviert. ...ist zwar also wie bei Ulbricht, aber natürlich gaaaanz anders.


    Nein, es ist nichts "wie bei Ulbricht".


    In der DDR wurde u.a. die Umgestaltung Potsdams par ordre du mufti (Mufti = Ulbricht) gegen den Widerstand der Potsdamer Kommunalorgane (Stichwort: Garnisonkirche) durchgesetzt. Respekt vor der komunalen Selbstbestimmung? Nein. Beachtung demokratischer Verfahren? Fehlanzeige. Bürgerbeteiligung? Keine.


    Die Wiederherstellung der historischen Mitte ist dagegen von den gewählten Potsdamer Kommunalorganen mit großer Mehrheit beschlossen worden. Die Bürger konnten sich in jedem Zeitpunkt des Verfahrens auch beteiligen. Nur haben die Rekonstruktionsgegner eben Wahl um Wahl verloren und sich stattdessen darauf verlegt, Einzelprojekte zu torpedieren, wenn man schon am Grundsatzbeschluss nichts ändern kann. Wie Sie gerade lernen mussten, ist es allerdings nicht möglich, Verwaltungsakte (wie etwa den Baubescheid für die Garnisonkirche) durch einen Bürgerentscheid aufzuheben. Klarer Fall von dumm gelaufen.


    Es bleibt also dabei: Wer in der Demokratie etwas verändern will, muss Wahlen gewinnen.

  • Kurzum, der heutige Abriss diverser DDR-Bauten ist politisch, geschichtlich motiviert. ...ist zwar also wie bei Ulbricht, aber natürlich gaaaanz anders.


    Das wurde bereits sehr oft geschrieben - nach wenigen Jahren des sog. Sozrealismus (in den architektonisch wie auch städtebaulich gelungene Ensembles entstanden sind, etwa der ältere Teil Berliner KMA) wurden im Osten wie im Westen genau die gleichen Moden verfolgt, die nach wenigen Jahrzehnten unter etlichen Globusbreiten als unerträglich empfunden werden. Ganz ähnliche Bauten, wie sie in Potsdam zur Disposition stehen, werden auch in Krefeld, Hamburg oder London auf die Abschussliste gesetzt. Auch wenn manch einer eine Wiedergutmachung sehen möchte - die meisten Leute mögen einfach weder Sichtbeton noch undefinierte städtische Räume mit chaotisch angeordneten Solitären.