Alt-Sachsenhausen

  • Wenn man Jo.Franzke an einen Fachwerkbau lässt, verschiefert man das Ergebnis in der Tat besser. Sorry, aber das konnte ich mir nicht verkneifen. Wieso man das Fachwerk, obwohl es nicht "original" ist, verschwinden lässt, ist mir ein Rätsel. Es ist ja nach einem Vorkriegsbefund rekonstruiert. Und zudem im Übergangsstil (um 1500) gehalten, den man in Sachen Fachwerk in der Stadt vielleicht noch an fünf anderen Bauten beobachten kann.

  • Vielleicht weil man so die in der Baubeschreibung erwähnten 20cm Außendämmung verstecken kann? Das Fachwerk bleibt dann von innen sichtbar.

  • Kleine Rittergasse

    An der Kleinen Rittergasse wurden kürzlich die Gebäude mit den Hausnummern 4–8 abgerissen. Noch recht gut erkennbar auf diesem Luftbild hinter dem roten Kreis. Die Bauten stammten aus den 1960er-Jahren, teilweise zu sehen hier und da am linken Bildrand und auch hier. An dieser Stelle errichtet die vav Fischer-Bumiller GbR (Website) nun ein traufständiges Haus mit Dachgauben. Einen Artikel dazu einschließlich einer kleinen Visualisierung gibt es heute in der FNP.


    Bereits Ende Dezember 2009 soll der Neubau fertig sein. Dann zieht die US-amerikanische Systemgastronomiekette Hooters (Website) in das Erdgeschoss. Interessanterweise ging der Investor wohl zunächst von einem Erhalt des Baubestands aus und vermietete umgebaute Räume, zumindest ergibt sich das aus der bereits bestehenden Website für das Hooters Frankfurt.


    In den Obergeschossen des Neubaus entstehen fünf Wohnungen mit zwei bis vier Zimmern. Noch nicht entschieden ist laut FNP die Farbe der Fassade. Anstelle der weißen Farbgebung des Renderings hält das Stadtplanungsamt einen gedeckteren Ton nach dem Farbleitplan für angebracht.


    Eine Erhaltung der Nachkriegsbebauung war laut Bauherr der Bausubstanz wegen nicht wirtschaftlich. Wer die Gebäude Alt-Sachsenhausens aus dieser Zeit etwas kennt, wird daran wohl nicht zweifeln - und auch den abgerissenen Gebäuden nicht nachtrauern. Bis auf den Punkt, dass die abgerissene Bebauung die Kleinteiligkeit der früheren drei Parzellen aufgriff, während nun lediglich ein Baukörper entsteht. M. E. hätte das Stadtplanungsamt zumindest auf einer Gliederung der Fassaden bestehen müssen.

  • Das ist ja ein Ding.
    Gerade gestern bin ich dort in der Mittagspause vorbeigelaufen und war überrascht, daß das Haus weg ist.
    Macht Hooters schon mittags auf ? ;o)
    Wenn ich den nächsten Tagen dort mal wieder vorbeikomme, mache ich mal ein paar Bilder.

  • Eine coole Sache, dass Hooters in Alt-Sachsenhausen aufmacht. Das könnte gar nicht besser passen. Ich sage voraus, dass der Laden brummen wird! Schon allein wegen der unzähligen Junggesellenabschiede, die dort jedes Wochenende gefeiert werden... :D

  • Aber die Visualisierung lässt leider nichts gutes erwarten. Nicht nur die Aufgabe der Kleinteiligkeit sondern auch die absolut unpassende Fassadengestaltung. Kann mir kaum vorstellen dass die Gestaltungssatzung Altsax so einen Mist überhaupt erlaubt. Da waren die 60er Jahre-Teile ja noch besser...!


    Andererseits liefert der Entwurf natürlich noch jede Menge Argumente für eine Komplettreko auf dem Dom-Römer-Areal, denn wenn man auch dort solche Füllbauten erwarten muss, dann gute Nacht

  • Über Geschmack kann man endlos streiten, mir gefällts auf dem kleinen Bildchen mit den Gauben und den versetzten Fensterreihen. Besser als aufgeklebte Holzbalken!


    Wenn ich es richtig verstehe, ist bereits in den 60ern aus 3 eins gemacht worden, also wird hier nicht verschlimmert, sondern ordentlich in Substanz investiert und vermietungsfähig gemacht (ich erinnere nur an die unzähligen Pächterkatastrophen, die vielfach in diesen unsäglichen Kneipenlöchern gescheitert sind und das Siechtum des Quartiers verlängert haben).


    Es freut mich vor allem, daß wieder ein seriöser Investor in das Viertel investiert und nicht nur Eigentumswohnungen errichtet, sondern die Voraussetzungen für Systemgastronomie im Viertel schafft (da war mal im Quartier ein brummender McDonald, der blendend auch von den US-Soldaten lebte!).


    Klasse find ich also, daß das Kneipenviertel neu interpretiert wird und eine Professionalisierung kommt, die Alt-Sachsenhausen wieder zukunftssicherer und attraktiver macht.


    Auch wenn Hooters alles andere als mein Geschmack ist, aber wie gesagt, darüber kann man endlos streiten.

  • Nachdem ich mich nun schlau gemacht habe, was Hooters eigentlich ist, frage ich mich was jetzt schlimmer ist. Dieser mit Sicherheit nicht nach Alt Sachsenhausen passende Neubau, oder diese...äh......gastronomische Einrichtung, die bestimmt bestens in das amerikanische Nirgendwo passt, wo die Leute glauben, dass man nach Deutschland mit dem Bus fahren kann und jeder eine Baseballmütze auf hat.


    Wenn das alles eine Aufwertung des zugegebenermaßen heruntergerittenen Sachsenhausen darstellen soll, dann kann man von mir aus auch den Rest abreißen und einen Ballermann daraus machen.

  • Wer sagt was von aufgeklebten Holzbalken? Warum ist es eigentlich undenkbar, einen modernen Holzbau à la Michaelishof in Braunschweig zu errichten? Man fragt sich schon, was in den Köpfen der Verantwortlichen vorgeht, die so einen Neubau in einem Altbaubestand durchwinken? Wie Rohne schon ganz richtig sagte, wenn so das altstadtgerechte Bauen des Jahres 2009 aussieht, dann gute Nacht, Dom-Römer. Oder anders interpretiert: wieder einmal zeigt sich, neben dem offensichtlichen städtebaulichen Autismus des Architekten, dass anno 2009 nur ein Totalreko eine ansprechendes Ergebnis liefern kann. Traurig und beschämend für einen ganzen Berufsstand zugleich.


    Und Hooters bringt aus meiner Sicht nur einen Fortschritt: die Prekarisierung Alt-Sachsenhausens zu fördern. Aber was tut man nicht alles für die Gewerbesteuer.

  • Alt-Sachsenhausen ist keine Perle historischer Architektur und kein Hort der Hochkultur. Die gerne benutzte Vokabel des "Amüsierviertels" trifft die Sache schon ziemlich gut. Das ist Tatsache, auch wenn es nicht jedem gefällt. Moralinsaures scheint mir jedenfalls unangebracht. Zumal wir gerade einmal von Servicepersonal in Shorts und knapp geschnittenen Tops sprechen - und von Frankfurt, nicht vom Bibelgürtel. Doch die Nutzung des Erdgeschosses sollte in diesem Forum auch nicht Hauptthema sein.


    Das Bauprojekt radikal runterzumachen, auf Grundlage eines einzigen Renderings in Briefmarkengröße, halte ich für verkehrt. Mit Natursteinfassade in gedecktem Ton, wie ihn der Farbleitplan vorsehen soll, könnte der Neubau annehmbar aussehen. Was es hier gibt, sind mehrere beteiligte Seiten mit individuellen Interessen, Vorstellungen und Möglichkeiten. Die gerne herbei geschriebene Verschwörung von "Modernisten" ist dagegen mal wieder ausgefallen. Auch wenn ich mich wiederhole: Baubehörden sind keine Geschmackspolizei. Wenn Vorhaben den Vorschriften entsprechen, dann müssen sie genehmigt werden.


    Und ohne jetzt auf Sinn oder Unsinn von RMAs Beispiel aus Braunschweig eingehen zu wollen, das hier natürlich viel zu hoch und zu breit wäre: Maximalforderungen helfen Alt-Sachsenhausen mit Sicherheit nicht. Anders als etwa in der Höchster Altstadt gibt es hier eher wenig hochwertige oder auch nur erwähnenswerte Bausubstanz. Dafür desolate Ecken ohne Ende. Vieles gammelt vor sich hin, sogar Ruinen gibt es.


    Aus meiner Sicht ist eine Investition wie diese zu begrüßen, auch wenn - wie zumeist - vielleicht mehr denkbar gewesen wäre. Denn sie ist ein Signal für das Viertel. Abgesehen von dem Wohnhaus am Frankensteiner Hof und den (zweifellos missratenen) Gebäuden an der Großen Rittergasse vis-à-vis des Lokals "Zum Grauen Bock" ist schon lange nichts mehr neu gebaut worden. Die Stadt hat unter anderem mit Zuschüssen, dem neu verlegten Pflaster und nicht zuletzt den schönen Brunnen schon einiges getan. Aufschlussreich in dieser Hinsicht ein Magistratsbericht von Januar 2009. Der Ball liegt nun bei bei den Hausbesitzern. Um deren Zurückhaltung zu überwinden, sind Impulse wie dieser sehr willkommen.


    Jetzt Bilder:




    Derzeit ist das Kellergeschoss in Bau. Eine Fertigstellung noch in diesem Jahr ist ein ambitioniertes Ziel.



    Zwei Beispiele um das oben Geschriebene etwas zu illustrieren. Im Gebäude Große Rittergasse 88 (das Eckhaus im Hintergrund des zweiten Fotos oben) ist vor Jahren die Gaststätte im Erdgeschoss ausgebrannt. Das Lokal steht immer noch leer, die Brandschäden wurden offensichtlich bisher nicht beseitigt. Die geplante Sanierung für den Verein zur Förderung der Tafelkultur für ein "Deutsches Museum für Kochkunst und Tafelwesen" kommt wohl nicht voran. Das Haus muss seit dem Brand wegen Einsturzgefahr abgestützt werden, gleichwohl sind die Wohnungen darüber bewohnt. Die Seite zur ehemaligen Stumpfegasse:



    Auch an der Stumpfegasse, schräg gegenüber:



    Bilder: Schmittchen

  • Natürlich ist es eine riesen Sauerei was so einige Hausbesitzer mit ihren Gebäuden in Altsax anstellen (oder auch nicht wenns ums verfallen Lassen geht, aber auch einige der letzten Sanierungen sind extrem miserabel geworden). Ändert aber nichts daran dass das Neubauprojekt sich nichtmal ansatzweise in die Umgebung einfügt, und damit auch noch gegen die dort geltende Gestaltugnssatzung verstößt. Ein paar Altbauten stehen dort ja doch noch, und auch die Nachkriegs-Gebäude fügen sich zumindest noch besser ein als das was da jetzt geplant ist. Neben der Farbe und der nicht vorhandenen Kleinteiligkeit stößt hier vor allem die modische Fassadengestaltung mit diesen unmöglichen Fensterformaten und -anordnungen, sowie das völlige Weglassen der Traufe extrem sauer auf.
    Da ist es schon eher zweitrangig dass ich auf den konkreten zukünftigen Nutzer in Altsax getrost verzichten kann.

  • Zugegeben, ich mag mich etwas drastisch ausgedrückt haben. Aber in Holz in einem Stadtkern zu bauen, wo selbst die meisten klassizistischen Gebäude zumindest noch Trauf- und Rückseiten aus Holz haben, ist eine Maximalforderung? Maximalforderung wäre wohl der Schrei nach Reko des Vorkriegszustandes.


    Wie Rohne schon ganz richtig ausgeführt hat, sollten vernünftige Fensterformate und -anordnungen, die Kubatur sowie meines Erachtens auch die Materialität an so einem sensiblen Punkt - immerhin wirbt Frankfurt doch so gerne mit der "Sachsenhäuser Apfelweingemütlichkeit" - eigentlich vorgeschrieben sein. Jede Altstadt beweist, dass es selbst innerhalb dieser Vorschriften noch genug Spielraum für Kreativität gibt. Oder zumindest mal gab, als Häuser noch von Handwerkern errichtet wurden. Was passiert, wenn man überhaupt keine verbindlichen Vorschriften aufstellt oder diese nicht einhält, sieht man hier. Auch eine Natursteinfassade ist wenig zielführend, weil es solche in der "Alt-Frankfurter"-Bauweise fast überhaupt nicht gab - ausgenommen Patrizierhäuser, die ein Vielfaches der hier diskutierten Parzelle einnahmen. Eine derartige Fassade wird im Ensemble ebenso als Fremdkörper wirken wie eine Sichtbetonwand, auch wenn sie oberflächlich ästhetische Ansprüche befriedigt.


    P.S.: Die vermeintliche Kausalität zwischen dem Erhalten bestehender sowie dem Errichten neuer Bausubstanz erschließt sich mir persönlich nicht. Diese Herleitung erinnert eher an das alte Modernisten-Argument, dass man mit dem ganzen Geld für Rekos doch viel besser die bestehende Substanz pflegen könnte.

  • Nach zuvor langem Stillstand im Viertel folgt dem Hooters tatsächlich gleich der nächste Neubau. In eine seit Ewigkeiten bestehende Baulücke an der Paradiesgasse 13 baut eine Erbengemeinschaft ein Dreifamilienwohnhaus. Architektin ist Marie-Theres Deutsch, Frankfurt. Derzeit wird an der Grube gearbeitet, ein Kran steht bereits.



    Das Hooters will Ende dieses Monats öffnen. Neubau am 31.10.2009:





    Rückseite, hier soll es auch Außengastronomie geben.



    Das Dach wird mit Naturschiefer gedeckt:



    Bilder: Schmittchen

  • Wieviel Promille waren beim verteilen der Fenster nötig? Oder hat das vielleicht ein Dreijähriger übernommen?


    Man muß sicher kein Fan alter Bausubstanz sein um festzustellen, dass dieses Gebäude dort nicht hinpasst. Selbst das links anschließende Haus wirkt harmonischer.

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    Erschreckend finde ich eher, dass es für den Architekten auf der *Rückseite* offenbar kein Problem war, eine vernünftige Fensteranordnung hinzukriegen, die auf der Vorderseite absolut annehmbar und nicht so pseudo-dekonstruktivistisch dahergekommen wäre wie die jetzige. Man kann hier wieder einmal nur das Fehlen (oder nur die strikte Anwendung?) einer Gestaltungssatzung bedauern, die Fensterformate für Altbaugebiete z.B. als stehend, geschossweise gleich groß und nicht geschossübergreifend definiert. Selbst in meiner winzigen Heimatstadt gibt es sowas – plus der Vorschrift, dass jeder Neubau in der Altstadt ein komplett verschiefertes Manssarddach haben muss (wegen der dominierenden Barockbebauung) – wieso nicht in einer Großstadt wie Frankfurt?


    Eine hoffentlich dunkle Farbgebung der Obergeschosse könnte hier noch etwas Schadensbegrenzung erreichen. Danach sieht das Baustellenschild aber nicht aus. Offenbar ist auch hier größtmögliche Kontrastierung zum Bestand gesucht. Seltsam, da die Optik des Erdgeschosses und die Materialität als Ziegelbau als absolut gelungen betrachtet werden können.

  • Von Seiten des bei der Stadt zuständigen Amtes (wars die Bauaufsicht?) sieht man keinen Verstoß gegen die Gestaltungssatzung und findet dass sich der Neubau einfügt. Stimmt einen nicht gerade hoffnungsvoll wenn mittlerweile nicht mal mehr Gestaltungssatzungen solche ganz offensichtlichen Bausünden verhindern können... Wobei es im Prinzip nur an ein paar wenigen aber scheinbar doch sehr schwerwiegenden Details liegt: wie RMA schon sagte hätte die Fensteraufteilung der Rückseite an die Front gehört. Zudem bräuchte das Gebäude eine stärker ausdefinierte Traufe (oder am besten einfach ein Überstehen des Daches) und die Fassadenfarbe der Obergeschosse ist einfach zu hell.

  • Es existiert für Alt-Sachsenhausen ein verbindlicher Farbleitplan, der mit viel Mühe ausgearbeitet wurde. Leider sind die Verantwortlichen der Stadt wohl nicht daran interessiert diesen auch bei den Bauherren entsprechend durchzusetzen. Vermutlich wurde aber der Bauherr noch nicht einmal auf diesen Farbleitplan hingewiesen...

  • Fremdscham und Paradieshof

    Alfred Gangel, der Leiter des städtischen Liegenschaftsamts, und Rainer Schulze von der Rhein-Main-Zeitung der FAZ haben einen Spaziergang durch das Viertel gemacht. Resultat ist ein lesenswerter Artikel mit der schönen Überschrift "Ein Ort zum Fremdschämen".


    Neben vielen traurigen Wahrheiten, bereits bekannten Vorhaben wie die Sanierung des Kuhhirtenturms und Ausführungen zum seit 2001 laufenden städtischen Förderprogramm für Alt-Sachsenhausen ergibt sich auch ein konkretes Projekt der Stadt. Sie möchte den leerstehenden Paradieshof an der Paradiesgasse kaufen. Vorgesehen ist eine kulturelle Nutzung. Das Kulturdezernat arbeitet noch an den Plänen, bisher ist an ein Domizil für die "Fliegende Volksbühne" von Michael Quast gedacht. Auch ein gutes Speiselokal, ein Café sowie Wohnungen sind geplant. Hindernis ist noch eine als überhöht eingeschätzte Kaufpreisforderung des Eigentümers in Höhe von 1,2 Millionen Euro.


    So etwas wie ein Kulturzentrum zusammen mit seriöser Gastronomie am Paradiesplatz wäre nun mal wirklich eine verheißungsvolle Perspektive für das ebenso wertvolle wie gepeinigte Alt-Sachsenhausen, meine ich. Zwei Fotos des Gebäudes von Oktober 2009 (weiteres Bild in der FAZ):




    Bilder: Schmittchen