Zerstörung historischer Bausubstanz in Wien

  • Unglaublich....
    Wenn ich das richtig sehe, handelt es sich um die Taborstraße 81 und 83. Als Baujahr wird auf der Projektseite 1874 angegeben. http://www.vestwerk.com/projekte.html
    Allerdings frag ich mich, warum man hier so mir nichts dir nichts gestattet, zwei Parzellen zu überbauen.



    Das Unternehmen scheint ein ziemlich rabiater Akteur zu sein wenn ich mir die anderen angepriesenen Objekte so anschaue. Auch in der Wortwahl nimmt man kein Blatt vor den Mund. Bsp. Kluckygasse 4: "Derzeit wird die Mieterstruktur optimiert um die Abkaufsrendite zu verbessern." Wirklich sehr nett umschrieben.

  • Solche Bausünden findet man nicht mal in Budapest oder Prag nach Jahrzehnten Sozialismus. Gratulation. Am widerlichsten an der ganzen Sache ist, dass das nicht im Geringsten etwas mit Wohnraumbeschaffung, sondern einzig mit Boden- und Immobilienspekulation zu tun hat. :nono:

  • Als Wahl-Wienerin würde ich gern einige Dinge anmerken:

    Die Zerstörung der Altbauten verfolgt einen beinahe täglich. Letzter Wahnsinn: eine 100% intakte Gründerzeit/Biedermeier Strasse (Westbahnstrasse Nähe Neubaugasse) wird zerrissen, indem man ein Eckhaus abreisst und mit einer Schuhschachtel ersetzt. Bei Bedarf kann ich Bilder liefern (Betrachtung auf eigene Gefahr).


    Ein ganz frecher Fall: http://www.youtube.com/watch?v=qR6PjMH3Wuk
    Es werden immer mehr alte Winzerhäuser (DIE authentische Kultureinrichtung Wiens) entkernt oder abgerissen, um dann Luxuswohnungen zu bauen (Beethovengang und Grinzing, Sievering, Neustift.


    Warum passiert das? Die Politik ist hier ebenso korrupt wie anderswo, teils noch bedeutend korrupter (she. die Dauerskandale, die seit 5 -6 Jahren das Land beherrschen). Dem Bürgermeister (SPÖ) wird eine ungesunde Nähe zur Baulobby nachgesagt, die Grünen sollen – kaum in der Stadtregierung, hier Projekte durchwinken, die sie als Oppositionspartei verhindern wollten. Dazu gibt’s genug im Netz (hab leider nicht die Zeit, das zu suchen).


    Hier soll das Ensemble (Denkmalgeschütztes Otto-Wagner-Spital) zerbaut werden (schon passiert!! Aber es soll noch viel mehr werden) – in der Liste rechts gibt es noch massig Links: http://www.youtube.com/watch?v=Ftl1U8rJ0kk
    Jahrelange (!) Gegenwehr: http://www.youtube.com/watch?v=eg9wJQjA1pc


    Von der „Umwidmung“ bedroht: Leopoldsberg (!), Cobenzl (!), Kahlenberg (schon erfolgt) - alles Naherholungsgebiete mit historischer Bausubstanz. Der Leopolsberg steht seit Jahren leer, man lässt das Jagdschloss verfallen, ein internationaler Investor Namens Serda hat das Teil günstig erworben, nachdem der Wirt (uriger Schanigarten, Traumblick von der oberen Donau /NÖ bis teils in die Slowakei bei gutem Wetter) mit üblen Tricks rausgeekelt wurde. Der Grund gehört dem Stift Klosterneuburg. Serda will hier ein Luxushotel errichten (dabei gibt es so eines bereits am Kahlenberg – ein hässlicher Kasten, zerstört den Blick auf den Berg). Früher war ein leistbares, gutbürgerliches Restaurant (Wiener /K&K Küche) in dem Schloss, wir haben viele schöne Stunden dort verbracht. Neueste Meldung: die bleiverglasten Fenster stehen offen, sodass es in den Rittersaal regnet. Viele Scheiben sind eingeschlagen usw Es gibt Initiativen und Unterschriftenaktionen, aber die „Volksvertreter“ scheren sich nicht. Ebenso die Oppositioinsparteien (FPÖ, ÖVP - ausser Fotos vor den Wahlen wird nichts gemacht) Hier eine recht gute Doku auf Russisch (keine Gewähr für den Text, ich verstehe den nicht. Der Leopoldsberg wird gleich am Anfang gezeigt, das Luxushotel am Kahlenberg am Schluss – man beachte die Preise für Kaffee und Getränk – früher war der Kahlenberg Ausflugsziel für die Wiener und Wienerinnen samt Familie, heute kann sich das niemand mehr leisten, Zweiklassengesellschaft eben): http://www.youtube.com/watch?v=gW6euu58gjI


    Ich schätze, die (mittlerweile) Schlossruine wird demnächst mal „zufällig brennen“, so wie in Neustift (s.o.) eine Wand „über Nacht eingestürzt“ ist. Die Sophiensäle versuchte man auch, auf diese Weise „loszuwerden“ – ein Brand sollte das Problem schmerzlos lösen.


    Der Durchschnittsbürger nimmt mittlerweile alles hin, man müsste tgl. 24 Stunden aufbegehren gegen alles, was von oben verbrochen wird.


    Leider gibt es auch keinen „Verschönerungsverein“ mehr, die Mafia ist einfach zu stark (entschuldigt die harten Worte, es ist aber so, habe mich mit dem Thema seit vielen Jahren beschäftigt.


    Der Wahnsinn hat Methode – Herrschaften wie dieser Mensch hier gehen in der Schweiz, der BRD und Österreich um – mit einem simplen, sozial anmutenden Marketingtrick („leistbarer“ Wohnraum) wird abgerissen, was geht: http://www.youtube.com/watch?v=w4BQ2g0aRe4 und mit Behausungen zugepflastert, die einem die Urteilsfähigkeit einfrieren lassen.


    Der Mann ist Stadtbaumeister in ZH und hat ein Architektenbüro. Nachtigall ick hör dir…


    Übrigens – Wikipedia meldet: „…..Ab 1996 war er amtsführender Stadtrat von Wien für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung. 2002 war Faymann in seiner Funktion maßgeblich am Verkauf von Gemeindeimmobilien an private Interessenten beteiligt.“ Wer ist gemeint? Der heutige Österreichische Kanzler Werner Faymann.


    In dem Buch gibt’s massig frustrierende Infos :
    Stadtbildverluste Wien: ein Rückblick auf fünf Jahrzehnte
    herausgegeben von Dieter Klein,Martin Kupf,Robert Schediwy– hier auch auf Google: http://books.google.at/books?i…0altbauten%20wien&f=false

  • Einige kleine Bemerkungen

    Malyan schrieb: "Nein - Proteste oder Initiativen gegen die Zerstörung der historischen Bausubstanz wären mir nicht bekannt. Dafür kocht jedesmal die Volksseele über, wenn eine Brachfläche oder ein vergammeltes Parkhaus durch moderne Hochhäuser mit Spitzendesign ersetzt werden sollen..."



    Da muss ich dem - nach Lektüre einiger seiner Beiträge sonst sehr geschätzten - Beiträger Malyan doch widersprechen.Proteste gegen die Zerstörung historischer Bausubstanz hat es in Wien immer wieder gegeben. Beispielsweise 1965 anlässlich des Abrisses der Florianikirche, 1968 anlässlich der Abtragung der Stadtbahnstation Meidling Hauptstraße, aktuell wegen der Zerstörung des Spitalsensembles am Steinhof. Es gibt zahlreiche Bürgerinitiativen in Wien und sie sind auch in einer Art Dachverband lose zusammengefasst. Die ÖGDO (Österreichische Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege) und (seit 5 Jahren) die "Initiative Denkmalschutz" widmen sich genau diesen Themen. Die ÖGDO gibt dieZeitschrift "Steine sprechen" heraus, die ID die Zeitschrift Denkma(i)l. Von diesen Aktivitäten kann sich jeder im Netz überzeugen. Man kann also nicht behaupten, es gäbe in Wien keinen Widerstand gegen die Welle investorengesteuerter Stadtplanung.


    Es gibt aber leider nur sehr begrenzte Erfolge. Immerhin - Otto Wagners Brücke über die Wienzeile konnte trotz anders lautender Pläne der Gemeinde erhalten bleiben und das Hochhauszentrum Wien-Mitte ist ein wenig "milder" ausgefallen, auch dank ICOMOS und seinem engagierten österreichischen Vorsitzenden Wilfried Lipp.


    Den Satz:"Dafür kocht jedesmal die Volksseele über, wenn eine Brachfläche oder ein vergammeltes Parkhaus durch moderne Hochhäuser mit Spitzendesign ersetzt werden sollen..." verstehe ich allerdings überhaupt nicht, weil er mit Malyans sonstiger Argumentation so gar nicht übereinstimmt. Eine gründerzeitlich oder vorgründerzeitlich geprägte Stadt wie Paris, Wien oder Budapest wird durch Hochhäuser in ihrem Zentrum schwer getroffen, da mag "Spitzendesign" vorliegen oder nicht. London hat das vorexerziert, und Prince Charles hat breite Zustimmung geerntet, als er dagegen verspäteten und ohnmächtigen Protest erhoben hat.


    Historische Stadtkerne sollten von Hochhäusern soweit es geht frei gehalten werden, aber dafür sollen neue Zentren, CBDs nennt man das heute, faszinierende moderne Architektur mit Skyline etc. bieten. Die instinktive Abneigung der Bürger gegen Hochhäuser im Stadtzentrum erscheint mir daher berechtigt - nur: sie wird, fürchte ich, nicht viel nutzen.


    Robert Schediwy

  • Ich schreibe hier ja echt nicht viel, aber ich muss einfach meine Empörung loswerden! Was in Wien geschieht ist ja Wahnsinn! Es macht mich traurig, dass hier alle 2 Wochen gepostet wird, dass ein Altbau (schön und in gutem Zustand) durch Banalitäten ersetzt und dadurch geschlossene Stadtbilder aufgerissen werden. Ich verstehe das nicht! Das wäre in anderen Städten unvorstellbar! Wieso erlaubt die Stadt sowas? Mental noch in den 60ern stecken geblieben? Oder gibt es noch "zu viel" Altbaubestand in Wien? Seltsam auch, dass sich kein Protest regt.

  • Ich vermute, dass es keine ausgereiften und effektiven demokratischen Prozesse für die Stadtgestaltung gibt. Das ist ein zunehmendes Phänomen in der Verstädterung, da zunehmend Geld in die Städte strömt, und das will verbaut werden. Diese Investitionsanfragen laufen natürlich zuerst in der Stadtspitze -und Verwaltung auf. Und wenn es dort keine effektiven Anti-Korruptionsmechanismen gibt....


    Übrigens hat mir das heutige Budapest wirklich super gefallen, während das baulich fast völlig ruinierte London mich sehr enttäuscht hat. Es ist ja zunemhend eine echte Kunst für eine Stadt, ein angenehmes Stadtbild zu bewahren und zu entwickeln, und da hat mir Budapest wirklich am Besten gefallen.

  • Das stimmt doch nicht, dass es in Wien keine Kritik und kaum Widerstand gibt! Einige Publikationen und Organisationen habe ich schon angeführtt, dazu wäre noch die Aktion 21 zu nennen, eine Gruppierung von 38 Bürgerinitiativen, die 2009 das lesenswerte Buch "Raus aus der Sackgasse! -Bürgerinitiativen und Bürgerbeteiligung in Wien" herausgebracht hat. Eine Rezension findet sich im Web [http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher/63461_Aktion-21-Hrsg.-Raus-aus-der-Sackgasse.html]. In Einzelfällen, etwa in der Frage Steinhofverbauung, ist sogar die mächtige "Kronen-Zeitung" auf Seiten der Denkmalschützer. Ich bitte also nachdrücklich um ein etwas differenzierteres Urteil!

  • Die instinktive Abneigung der Bürger gegen Hochhäuser im Stadtzentrum erscheint mir daher berechtigt - nur: sie wird, fürchte ich, nicht viel nutzen.


    Etwa das Raiffeisen-Hochhaus steht mE im Stadtzentrum, doch ich fand es als faszinierende Bereicherung der Skyline. Störend empfand ich einige niedrigere, aber gesichtslose Nachkriegsbauten zwischen diesem Gebiet und dem Stephansdom. Gerade im Stadtzentrum machen Hochhäuser Sinn - ausgenommen sollten gewachsene altstädtische Ensembles sein, wo es jedoch nicht minder wichtig ist, 0815-Investorenarchitektur geringerer Höhe zu vermeiden.


    Vor wenigen Jahren wurde in Frankfurt am Altstadtrand das Palais Quartier errichtet, wo zwei ungewöhnliche Hochhäuser, ein interessantes Einkaufszentrum und das im Jahr 1951 nach Kriegsschäden abgerissene Palais Thurn und Taxis gebaut wurden - an der Stelle eines 0815-Nachkriegsbaus. Unter dem Strich eine Bereicherung in jeder Hinsicht - es wäre schlimm, würde man stattdessen einen weiteren niedrigeren langweiligen Bau errichten, bloß um Hochhäuser zu vermeiden.