Humboldt-Forum / Stadtschloss - Der Bauthread

  • Schöne Fotos. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr man sich schon früher über Sichtachsen im Stadtbild Gedanken gemacht hat. Das hast du gut mit den Bildern eingefangen.

  • Mir ist gerade, mit einem Anflug von Wehmut, bewusst geworden, dass eine meiner am regelmäßigsten besuchten Internetadressen der vergangenen Jahre, jene der Webcam des Berliner Schlosses, nun, mit der weitgehenden Fertigstellung des Bauprojekts und seiner Außenanlagen, schlagartig an Interesse verloren hat. Noch bleibt im Westen etwas zu sehen, aber vielleicht ist das jetzt der geeignete Zeitpunkt, leise Adieu zu sagen.


    Danke, https://cam01.berlinerschloss-webcam.de/, https://cam02.berlinerschloss-webcam.de/, https://cam03.berlinerschloss-webcam.de/ und last not least https://cam05.berlinerschloss-webcam.de/, für die vielen kleinen und wenigen großen Freuden, durch die Ihr mich hinweggetröstet habt über die, allerdings ebenfalls durch Euch, zugefügten unzählbaren kleinen Frusterfahrungen über mangelnde Baufortschritte!

  • Das British Museum stellt die Spitze der Raubkunst-Museen vor dem Louvre in Paris, dem Metropolitan in New York und nun auch dem Humboldt-Forum in Berlin dar.

    Die Briten begründen ihre ablehnende Haltung (unter anderem...) mit vorherrschenden Unsicherheiten in den Herkunftsländern, so wurden während des Arabischen Frühlings tatsächlich ägyptische Museen gestürmt und Kunstgegenstände zerstört oder gestohlen. Auch die Herausgabe von Raubkunst in Länder des nahen Ostens wird derzeit von keinem Museum ernsthaft erwogen. Man darf hier von einer Vermessenheit bzw. Arroganz sprechen, die Sicherheit wertvoller Kulturgüter steht nun einmal aber vor rechtmäßigen Besitzansprüchen.


    In Deutschland stand bereits zur Debatte, dass es sich per se um keine Raubkunst handele. Das Reich unterhielt gute Beziehungen zum Osmanischen, und im Gegenzug für die Herausgabe von Kunstgegenständen sei z.B. die dortige Industrie durch den Bau von Eisenbahnstrecken oder bereitgestellten Maschinen unterstützt worden. Interessant vor allem dahingehend, als das mit einer Rückführung auch immer wieder Entschädigungen für den Raub an sich gefordert werden.


    Im übrigen verschwanden in Deutschland selbst unzählige Kulturgüter während des Weltkrieges als Beutekunst in den Archiven der Russen und Amerikaner, welche bis heute eine Herausgabe dieser verweigern. Deutschland ist also mitnichten bloß Täter, sondern auch ein Opfer solcher Praktiken.

  • ^Das schöne ist ja, dass sich Otto-Normal-Bürger und Touristen reichlich wenig Gedanken über das Geschwurbel des Feuilletons machen. Ich kann mir kaum vorstellen das sich der durchschnittliche Bürger an der Optik, Ausführung oder Nutzung des Humboldt-Forums stören wird, geschweige denn, dass Touristen dieses meiden würden. Architektur zu politisieren ist das Hobby einer kleinen Minderheit, alle anderen finden sie in der Regel einfach schön oder hässlich, oder möglicherweise funktional. Insofern schreiben sowohl Cicero wie auch Die Zeit für eine kleine Minderheit die das Humboldt-Forum vermutlich ohnehin nie besuchen würden, es sei denn sie würden dort zu einem Symposium oder ähnlichem eingeladen.

  • ^ Wie gesagt, die Stadt sollte nicht nur für Touristen gebaut sein. Und für die überwiegende Mehrheit der Berliner ist dies ein Neubau, der nichts mit ihrem bis heute gelebten Leben zu tun hat, keine Erinnerung kein Gefühl. Das hatten und haben wie so oft Leute die nicht hier leben, in Berlin. .... Ausnahmen bestätigen die Regel, natürlich.

  • Ich rede ja nicht nur von Touristen sondern vom "Normalo". Die meisten freuen sich doch eher über Instagram-taugliche Fotomotive als sich über die politische Bedeutung von Gebäuden Gedanken zu machen. Das mag in "unseren" Kreisen teilweise anderst sein, aber spätestens wenn ich mich mit meiner Familie unterhalte – Ingenieure und Handwerker – merke ich das die mit solchen Diskursen wenig anfangen können. Das mag in Berlin aber vielleicht auch anderst wie in Stuttgart sein, in Berlin ist ja bekanntlich alles irgendwie politisch.

  • Danke für die vielen Fotos von Backstein und dropdeaded209. Vor allem die neue Perspektive vom Bode-Museum mit der Kuppel im Dunst und der S-Bahn ist ja große Klasse. Ich glaube, wir brauchen mehr Kuppeln in Deutschland. :)

    Bei meinem Rundgang um das Schloss gestern Abend ist mir aufgefallen, dass vor der Westfassade noch mehr Kameras installiert wurden als vor der Südfassade, die hier ja diskutiert wurden. Es sieht so aus, als wenn man es dem Remmo-Clan hier tatsächlich einmal schwer machen möchte. ^.^

  • Ich rede ja nicht nur von Touristen sondern vom "Normalo". .... Das mag in Berlin aber vielleicht auch anderst wie in Stuttgart sein, in Berlin ist ja bekanntlich alles irgendwie politisch.

    Die Tatsache, dass aus Altersgründen keine Erinnerung an das Originalschloß vorhanden sind, somit keine Gefühle, Emotionalität ausgelöst werden, etc. bei den jetzt lebenden Berlinern, ist doch keine irgendwie politische.


    P.s. Ja, die Fotos sind gut und machen Lust auf Selbsterfahren. Nur schade, dass Digitalkameras ausgerechnet immer bei Sonnenauf- und Untergängen so schrecklich versagen.

  • Auf dem super schönen Foto vom Alten Museum aus sieht man jedenfalls, wie deplatziert das Dachcafé ist. Es verdeckt einen Teil des Tambours und stört somit die Symmetrie und die Silhouette der Kuppel. Ich schaue es mir dann am 24. nach einem kurzen Abreitstag endlich auch an! Kanns kaum erwarten.

  • Ich freu mich drüber und drauf. Tolle barockisierende Fassade und Kuppeln machen immer was her. Die Ostfassade zeigt, was sonst dort gestanden hätte. Die Sammlungen des ethnologisches Museums und jenem für ostasiatische Kunst haben mich schon in Dahlem begeisert. Auch wenn es hier erneut "nur" "normale" Museumsräume zu sehen geben wird, so werden doch die Sammlungen begeistern.


    Im Ergebnis also drei tolle Fassaden, eine feine Kuppel und bald dann auch beeindruckende Sammlungen.


    Ich klage nicht, was aber sicherlich meinem mangelnden Intellekt geschuldet ist. Eigentlich hätte da natürlich etwas hingehört, das die Brüche Berlins erlebbar macht und dem Betrachter an diesem Ort, der für preußischen Militarismus und ehemaligen Protz der DDR steht, Unwohlsein verschafft in dieser Stadt, die immer wird und niemals ist. Dann würde sich wenigstens das Feuilleton freuen.

  • Auch von mir danke für die tollen Postkartenmotive.
    Die Kritik des Feuilletons ist z.T. nicht ganz unberechtigt, zumindest was die Nutzung angeht. Aber die Herren argumentieren an politischen Realitäten vorbei. Ja, das Konzept ist eierig, wie etwa die FAZ schrieb, aber das ist nun mal politischen Entscheidungen zu verdanken, alle an dem Projekt Beteiligten, Arbeiter der Faust sowie der Stirn 😊 haben fantastisch gearbeitet, ihnen gebührt keinerlei Kritik! Was man Boddien und seinen Leuten höchstens vorwerfen könnte wäre, dass man sich zu sehr auf den Bau konzentriert hat, nur die Architektur im Sinn hatte, nach dem Motto: was rein kommt sehen wir dann und ist fürs Äußere nicht relevant. Die Nutzung hat die Politik bestimmt. Vielleicht war mehr auch nicht möglich. Wenn schon Gegenwind aufgrund der Reko, dann nicht auch noch aufgrund der Nutzung. Also ist diese kein großer Wurf geworden, kein genialer großer Plan. Jeden irgendwie ins Boot zu bekommen, den Bund, das störrische Berlin, Spender ging das nur mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner - nicht anecken, bisschen Ortsgeschichte, bisschen Ethno, bisschen Kolonialverbrechen, bisschen Büros und Restaurants. Das sage ich aber überhaupt nicht verbittert oder spöttelnd, denn ich glaube, dass ein Streit über die Nutzung dem Projekt womöglich das Genick gebrochen hätte und heute hier ein leerer Platz wäre. Siehe ggü. Stichwort Bauakademie. Und ein Blick in die Geschichte lohnt (wie eigentlich immer): Schon nach 1918 wurde das Schloss ähnlich sich nicht festlegend genutzt - bisschen Museum, bisschen Bibliothek, bisschen Behörden. Wer also im Feuilleton von bundesrepublikanischem Eigentor spricht, muss nur mal die Weimarer Republik zum Vergleich heranziehen, da gabs auch keinen großen Wurf. Stets hat der Mut oder haben die Möglichkeiten gefehlt, das Schloss wie den Pariser Louvre zu DEM Museum zu machen. Diese Kritik teile ich, und ich bewerfe das tolle Projekt bestimmt nicht mit Dreck, wenn ich das tue. Aber wer weiß, wie man hierzulande in 50 Jahren denkt, vielleicht bekommt Berlin doch irgendwann mal seine Louvre-Nutzung.

    Auch die Entscheidung eines modernen Architekturanteils war politisch. Diese Entscheidung berücksichtigend, ist das Ergebnis wirklich fantastisch! Wer sich noch an die anderen Wettbewerbsbeiträge erinnert, z.B. Mäckler, wird - ich zumindest - zu dem Schluss kommen, dass Stella der beste war. Sein Entwurf ist der zeitloseste, etwa im Gegensatz zu dem des genannten Mäckler. An Stella ist nichts modisches, zeitgeistiges, längst wieder überholtes. Und er hat wohlweislich an vielen wichtigen Stellen eine spätere Innenreko ermöglicht.
    Da kommt noch einiges in naher und ferner Zukunft.

  • ^ Nun hat aber Berlin sein Louvre schon, nur halt dezentral verteilt auf die Museumsinsel und das Kulturforum. Man kann die dortige Nutzung nicht abziehen, um dem Humboldtforum Gewicht zu verleihen – und das ist das Problem der ganzen Reko-Arbeit: Die Form (bzw. der Formwille) war zuerst da, der Inhalt wurde dazugebastelt. Es ist kein Gebäude, das gebraucht wurde, sondern eines, das gewollt war.


    Ich mag es (im Großen und Ganzen) und halte es städtebaulich für einen Gewinn. Nur wird die Nutzung für lange Zeit ein Problem bleiben. Der Streit um die Raubkunst hat ja z.B. gar nichts mit dem historischen Schloss zu tun, sondern allein mit der Dahlemer Sammlung, die man aus der Peripherie ins Zentrum geholt hat – von einem abgelegenen an einen symbolischen Ort, was die Sache zum Politikum macht.

  • ^ Nun hat aber Berlin sein Louvre schon, nur halt dezentral verteilt auf die Museumsinsel und das Kulturforum. Man kann die dortige Nutzung nicht abziehen, um dem Humboldtforum Gewicht zu verleihen – und das ist das Problem der ganzen Reko-Arbeit: Die Form (bzw. der Formwille) war zuerst da, der Inhalt wurde dazugebastelt.

    Mir unvergessen ein Besuch in der Alten Nationalgalerie und der enttäuschte Blick einer Französin, die zu ihrem Partner sagte "C'est tout?" und ich ihr zurufen wollte "Paris n'est pas Berlin", Paris ist nicht Berlin. Und das bezieht sich ja nicht nur auf Museumsinsel/Kulturforum, sondern auch darauf, dass viele wichtige Exponate auf Grund unserer föderalen Geschichte eben nicht in der Hauptstadt, sondern z.B. in München sind.

  • ^Ein alter Freund von mir arbeitet seit Jahrzehnten als leitender Kunsthistoriker im Louvre. Als wir zusammen durch das Bode-Museum liefen, gestand er mir, dass man sich im Paris nach der Hälfte der Sammlung die Finger lecken würde, weil es in Paris nichts Vergleichbares zu den Beständen Berlins gebe. Er meinte immer nur: "Das hamm wir nich'. Sowas hamm wir nich'. Hamm wir nich'. Sowas hamm wir auch nich'. Hamm wir nich'. Hamm wir nich'. Hamm wir nich...!"

  • Inhaltlich wird das HF mit seinen Sammlungen ein profaner Ort, im schlechtesten Fall (so wie ich die Deutschen kenne) wird man aus wiederkehrenden Restitutionsdebatten und Selbstgeißelung über die Kolonialzeit nie wieder herauskommen.

    Preisfrage: Was unterscheidet Berlin von Rom, Paris und London?

    Antwort: Berlin besitzt keinen einzigen Obelisken.

    Dafür war Deutschland als Besetzungsmacht in Afrika einfach nicht bedeutend genug. Was den Völkermord an den Herero aber nicht relativieren soll.

    Die Raubkunstdebatte ist doch nur ein Teil, ein Symptom des Grundproblems, des Flüchtlingsproblems, das Europa immer noch nicht in der Lage ist gemeinschaftlich und human zu lösen. Ja, sich halb Afrika Untertan zu mach, das konnten die Europäer aber wehe es geht darum, die Kinder der versklavten Völker in Europa aufzunehmen!

    Nein in der Beutekunst es geht jetzt auch Paris und London an den Kragen, Emanuel Macron plant, innerhalb von 5 Jahren den afrikanischen Ländern ihre Kunstwerke zurückzugeben, passiert ist natürlich noch nichts. Das Britische Museum sieht sich ebenfalls massiver werdender Kritik ausgesetzt ("The Brutish Museum").

    Die gesamte brutale europäische Kolonialarchäologie und Grabräuberei steht zur Debatte.

    Das wäre doch mal eine nette Aktion: eine Abordnung ägyptischer Archäologen reist nach Paris um dort eine der Fensterrosetten aus der Notre Dame zu sägen um sie anschließend in einem Kairoer Museum zeigen zu können. Bei der Gelegenheit könnte man dann bei einer gepflegten Soiree der ein oder anderen Sargöffnung des europäischen Hochadels beiwohnen.

  • Man kann sich ja auch mal fragen: Hätte ein Neubau ohne Fassadenrekos das Sammelsurium an Nutzungen verhindert? Möglicherweise. Die räumlichen Vorgaben durch die hist. Etagenaufteilung und den hist. Grundriss bieten den nötigen Platz. Viele neue Museen bieten zwar viel Raum, aber wenig Fläche und somit auch wenig Inhalt. Vorteil? Nachteil? Man hätte also auf jeden Fall Kompromisse machen müssen, sei es nun hinsichtlich des Inhalts oder der Größe.


    Dasselbe gilt für die minimalistische Innengestaltung: Sie entspricht eben dem heutigen Zeitgeschmack für Museumsneubauten und man kann es somit auch nicht der Reko in die Schuhe schieben.


    Ich war in Frau Hadids MAXXI in Rom und dachte mir danach - wie PhilippPros Beispiel - "Das wars?". Es war ein dunkles Labyrinth, wie in einem Adventurespiel mit gefühlt kilometerhohen Decken, verwinkelt und teilweise düster. Den Inhalt hätte man hingegen aber auch in einer Etage des HF unterbringen können.


    Ich bin da wie immer oberflächlich. Die Fassadenrekos sind klasse und wem der Inhalt nicht zusagt, soll eben draußen bleiben. Vermutlich werden die meisten Besucher, ob nun Berliner oder Touri, eh nur 1x reingehen und dennoch beeindruckt sein.

    Einmal editiert, zuletzt von Ben ()