Humboldt-Forum / Stadtschloss - Der Bauthread

  • Ich hab selten soviel ideologiedetränkte, beleidigt wirkende Mäkelei gelesen.

    Mir kommt es so vor als wolle man mit aller Gewalt dieses Projekt ins scheitern schreiben.


    Die Problematik der Provinienz ist auch nicht nur auf Völkerkundesammlungen beschränkt nur mal so nebenbei.

    Dass man das HF für die Unterbringung der vernachlässigten Sammlungen aus Dahlem gebaut hat, kann man dem Bau doch nicht vorwerfen, die Aktualität trat in dem Maße erst viel später ein.


    Den Bau jetzt als politisches und moralisches Desaster Frau Grütters anzulasten - finde ich hochunanständig.

    Dieses Gelaber von Kultureller Mehrwertleistung sehe ich eher als abgehobene selbstgerechte Scheindiskussion die nur dazu dient sich in den Cocktailzirkeln auf die Schulter zu klopfen.


    Sicher hätte man auch einen modernen Bau für das HF setzen können, nur wo wäre dann der Mehrwert wenn die Kolonialdebatte genauso über einen weit aus weniger Engagement generierenden Bau entstanden wäre.


    Man muss auch mal anerkennen dass ein Großteil des Baus durch Spenden aus ganz Deutschland bis Übersee zuwege gebracht wurde.


    Gibts n vergleichbares Aufkommen für irgendwelche anderen Kulturbauprojekte?

    Stellt dieses Engagement keinen Mehrwert dar?


    Stellt sich die hier gezeigte Attitüde gar als Beschimpfung der dem Bau zugeneigten Menschen dar, deren Anzahl besorgniserregend hoch ist?


    Hängen die Autoren vielleicht in ihrer eigenen Form von sektiererischer, moralinsauren Filterblase fest und fürchten um den Untergang des modernen Abendlandes und den Hoheitsverlust ihrer Version von Moderne.


    Wer wollte denn an dieser Stelle ein Centre Pompidou haben, wir haben die Scheune am Kulturforum, die ebenfalls durch Frau Grütters zutun, im entstehen begriffen ist.


    Frau Savoy als Argument gegen die Architektur hier anzuführen ist ziemlich schwach, sie wusste bei Berufung um was für einen Bau es sich handelt - die Differenzen waren eher inhaltlich der Diskurs über Sammlungsobjekte aus der Kolonialzeit wird in Frankreich genauso geführt das ist ihr Steckenpferd, setzte man jetzt noch die gleiche Energie bei Antiken- Kunstgewerbe- und Gemäldesammlungen frei hätte man überspitzt gesagt seine Museumsbestände erfolgreich ausgedünnt und die Musealen Institutionen ließen sich auf ein Heimatmuseum zurechtstutzen.


    Das HF geht mit einem modernem, recht fortschrittlichen Konzept an seine Aufgabe heran - da ist mehr Interaktion von den Besuchern gefordert und ermöglicht als in irgendeiner Standardschausammlung.


    Mir kommt die Kritik an der Musealen Aufgabe sehr unehrlich vor und soll nur das i Tüpfelchen Sein um den Bau wegen seiner Restaurativen Ästhetik zu diskreditieren.


    Als man dann noch bemüht war die Einheitswippe in Verbindung mit der Hufeisentheorie zu bringen, die den Autoren wohl nicht genehm ist wars dann eine deutliche Politische Position und damit mehr Meinung als Journalistik oder seriöse Kritik, völlig neben der Spur.


    Die Zeit sollte sich ihre alten Autoren zurückholen und diese pubertären, oberlehrerhaften Snobs noch mal zur Schule schicken.

  • << ... ach Endell. Es ist ist wichtig auch einmal die Position eines 'Andersdenkenden' einzunehmen. Nur das ermöglicht einen Perspektivwechsel oder gar einen Zugewinn der Erkenntnisse. Immer ist es wichtig alle beiden Seiten einer Medaille zu betrachten. Wenn man das nicht kann ist man nicht fähig ein objektives Urteil zu fällen. Das ist wirklich etwas was ich hier im Forum über die Jahre gelernt habe. Und es hilft auch sonst im Leben.

  • Das HF ist, Stand heute, der größte Unfall der bundesdeutschen Kulturpolitik seit 1990.


    Es ist ein architektonisch kastrierter Hybrid. Nicht Reko, nicht Modern, nicht Besonders.

    Inhaltlich ist ein unzusammenhängender Gemischtwarenladen ohne Sinn und Verstand.

    Die Krönung: Durch die ethnologische Sammlung hat man eine unendliche öffentliche Restitionsdebatte kreiert. Inclusive Zwangsaufarbeitung der zweifelhaften Kolonialmacht Aktivitäten.


    Berlin, Deutschland, hat sich eine kulturelles Tschernobyl mitten ins Herz der Hauptstadt eingepflanzt.

    Ästhetisch eine Ruine. Ein Esprit wie ein toxischer Cocktail.


    Gibt es eine Lösung ? Kaum. Ein Befreiungsschlag wäre sicher alle Ethno-Objekte zu entfernen und die Ausstellung komplett neu zu planen.

  • Welche Position sollte ich denn hier einnehmen, die im Artikel angewendete Rhetorik bezogen auf das Projekt war nur ein einziges undifferenziertes niedermähen -und eine Aneinanderreihung von Sachfremden Argumenten.


    Der mögliche Erkenntnisgewinn ist schon aufgrund der Tendenz hier eher geringwertig.

    Die Positionierung stagniert und die Argumente werden repetitiv Bemüht.

    Den Versuch Savoy zu bemühen hat man schon vorm halben Jahr gemacht ohne das das Sinn gemacht hätte - nun zur Abwechslung mal Grütters als Zielscheibe is ja auch Wahlkampf.


    Für mich ergaben sich eher fragen wie warum die Autoren so sehr an dem Bauwerk leiden dass man mit soviel Bosheit und Bitterkeit Argumente herbeischreiben muss. Worin liegt die rein sachliche Motivation.


    Hier geht es nur um eine unausgewogene Haltungsbezeigung zum Bau - die kann ja generell unterschiedlich sein.

    Diese Diversität bildet sich in der Öffentlichkeit adäquat aber so in den Kulturteilen nicht ab.


    Solcher Schimpftiraden wird man ja auch irgendwie nicht müde und sucht immer eine neue Sau die man hier durchs Dorf treiben kann nur um seinen Unmut am Bau zu äußern das ist doch schon fast eine manische Mission die zu gar nichts führt außer Propaganda und Stimmungsmache. Was soll denn das.


    Ich seh da weder ein kulturelles Tschernobyl , weiß weder was den Esprit eines toxischen Cocktails auszeichnet - noch sehr ich eine ästhetische Ruine.

    Das könnte man ganz nach Gusto auf alle Kulturbauten und ihre nicht immer von jedem Verstandenen Konzepte und Sammlungen anwenden.

    Aktuellst auf die Scheune, Palais Barberini, oder wie auf die zu Recht durch Widerspruch zum besseren hinentwickelte Simongalerie

    Welchen Kulturunfall hatte man denn vor 1990?

    Bezeichnet man das Grassi in Leipzig und diverse andere Museen jetzt auch als gemischtwarenladen?


    Es ist müßig die Restitutionsdebatte als Argument anzuerkennen- die schwelte sowieso und hat schon, wenn auch in anderen Sammlungsbereichen mit Zusammenführung der musealen Sammlungen in den 90ern begonnen.

    Auf die ethnologischen Sammlungen begrenzt, bekam die Debatte noch mal mit der BLM Bewegung und dem forcierten auswachsen der PC und dem daran geknüpften Zeitgeist eine bis ins Groteske Übersteuerte Dynamik. Ergo wären die ethnosammlungen sowieso früher oder später wie überall ins Visier geraten.

  • Worin liegt die rein sachliche Motivation.

    Der Bau macht schlicht wütend. Das ist der Sachstand.


    Es ist so als ob man 10 Jahre für ein 100.000 Euro Auto spart und nach dem Kauf bemerkt:

    Es rostet von Anfang. Die Sitzbänke wurden aus geklauten Zweitwagen eingebaut. Die Polizei fahndet nach Dir wegen Diebstahl.

    Und obendrein stinkt der Innenraum so sehr, dass Du selbst beim raussteigen den Mief nicht aus den Klamotten bekommst.

  • So ein pessimistischer Unsinn! Wie begründest du denn so ein Bashing? Es ist die Rekonstruktion des Herzens der Berliner Innenstadt und bildet mit dem Berliner Dom ein Ensemble. Die Ost-Seite ist verhunzt, zeigt aber irgendwo auch die vernarbte Vergangenheit Berlins auf. Bürger haben hier hundertausende Euro gespendet, was das Gesamtengagement und die Akzeptanz in der Bevölkerung unterstreicht.


    Die Auswahl der Ausstellung ist sicherlich zu hinterfragen, kann aber auch leicht geändert werden. Völlig haltlos also dieses gebashe...

  • Solche überteuerten fragwürdigen Luxuskarossen leistet sich Berlin schon seit Jahrzehnten und die sind obendrein nicht nur teuer sondern oft auch hässlich und machen gar nicht wütend?

    Sind die so reizarm?

    Ich merke jedenfalls längst nicht diese Verstiegenheit.

    Spätestens mit Fertigstellung verliert sich wenn überhaupt vorhanden, dieser kritische Fokus auf solche Limousinen.


    Vergleichbar ist dieses unermüdliche Leiden am ehesten vielleicht noch mit dem Kulturforum als Ganzes, das ploppt aber auch nur alle 10 Jahre auf, mit dem Ansatz zur nächsten Verschlimmbesserung.


    Die Inhaltlichen Debatten und die harten unversöhnlichen Kontroversen zur Architektur fanden ähnlich auch beim Wiederaufbau des neuen Museums statt und lies umgekehrt genauso viele dauerhaft wütend leidende zurück mit dem Unterschied dass die unterlegene Haltung eben keine relevante bundesweite öffentliche Lobby hatte.


    Was man mit dem HF zu erwarten hatte war Entscheidung und damit in Verantwortung eines Preisgerichtes, wer war denn da in der Jury?

    Ich habe solch energische Tiraden und einen derartigen Dauerbeschuss niemals gegen diese Beteiligten gerichtet gelesen.


    Ich hab eher den Eindruck diese Obsession gegen das HF ist stark an die

    Rekonstruktion der Fassaden geknüpft.


    Die Gegner neigen offenbar dazu, die ungenehme architektonische Leistung zu politisieren, bot die Architektur nicht genug zündstoff sprang man dankbar auf jedes dünne Brett das die inhaltliche Ausrichtung bietet,

    nur um sich mit der einsetzenden Kolonialdebatte in der beschworenen reaktionären Sepsis, dieses baulichen Unterfangens, bestätigt zu fühlen.


    Es interessiert aber in Wahrheit keine Sau ob man zukünftig im HF überwiegend archaische völkerkundliche originale, lediglich virtuelle Präsentationen oder angefertigte Repliken vorfindet, das museale Konzept lässt in diesem Falle anders als bei vergleichbaren Sammlungen alles in dieser Breite zu.

    Ein Großteil der Exponate wurde sowieso vorher nie präsentiert, auch weil Konservierungstechniken, Motten und Speckkäfer etc die Objekte längst untauglich gemacht haben, vor allem unter den erfolgreichen baulichen Bedingungen in Dahlem. Diese Zustände wurden von diesen eifrigen Kritikern des HF, vielsagend nie in die Debatte eingepreist.


    Ein Großteil des doofen Plebs schätzt, schlicht die als schön empfundene Städtebauliche Reparatur und hat begriffen und anerkannt dass dieses Projekt einer steten Weiterentwicklung zugewandt ist.


    Man freut sich eher auf die Vielfalt des Angebots im Innern und man darf die handwerklich delikat ausgeführten Bildhauerischen Details auch mal genießen ohne dass einem penetrant erklärt wird warum einem so etwas gefälligst nicht zu gefallen habe.


    Die Arbeiten im Schlüterhof sind aber nun mal wirklich bestechend schön geraten.

    Schaut man sich hingegen die Skulpturen am französischen Dom in den Nischen an, sieht man nicht nur die flapsig hingehuschte Handschrift Chodowickis mit ihren ungelenken Pranken, man könnte obendrein dank des jetzigen Anstrichs mit einer teigigen Lacktünche auf die Idee kommen, man hätte es mit einem Plastikspritzguss für irgendein Jahrmarktsfahrgeschäft zu tun.


    Der Bau des HF ist unbestritten ein ästhetischer Hybrid, mit allerlei furunkelnden Brüchen und architektonisch schwachen kritikwürdigen Momenten- das bot der Schlossbau aber ehedem auch.

    Der Bau steht also damit in gewisser Tradition seines Vorbildes, und entzieht sich damit auch ein Stück weit einer konstanten reizarmen sterilen Perfektion und Durchnormierten Glätte, die mancher übliche Neubau erst mühsam abstreifen muss um so etwas wie den Anschein von Lebendigkeit zu erwecken.



  • Das HF ist, Stand heute, der größte Unfall der bundesdeutschen Kulturpolitik seit 1990.


    Es ist ein architektonisch kastrierter Hybrid. Nicht Reko, nicht Modern, nicht Besonders.

    Gerade dieses Hybride ist doch Einzigartige und Geniale daran. Man hat die kunsthistorisch wertvollen barocken/klassizistischen Fassaden, im Osten eine moderne Fassade die verblüffend harmonisch mit den Plattenbauten der Fischerinsel korrespondiert und zum Dom hin kontrastiert, und innen leuchten die Lampen aus dem PdR. Was für ein faszinierender Mischling, der dementsprechend die deutsche Geschichte widerspiegelt. Das ist Berlin. Und das hat keine andere Stadt. Unglaublich gut. 👍


    Eine vollständige Reko wäre natürlich auch schön gewesen, aber nu isses nun mal so und es ist gut so.

  • Gerade dieses Hybride ist doch Einzigartige und Geniale daran.

    Und das hat keine andere Stadt. Unglaublich gut. 👍

    Natürlich gibt es die hybride Mischung aus Rekonstruktion und zeitgenössischen Elementen zu Genüge auch in anderen Städten. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Stadtschlosses, diese Mischung ist also weder genial noch einzigartig.


    Ich verstehe diese Überladungen und Übertreibungen nicht, egal ob ins positive oder negative und egal ob hier im Forum oder in den Feuilletons der Tageszeitungen; so finde ich auch abwertende Bezeichnungen wie "Deutsches Tschernobyl" eher befremdlich. Die Diskussionen drehen sich hier damit im Kreis, aber vielleicht ist das hier ja gewünscht :).


    Für mich ist das Schloss ein moderner Stahlbetonbau mit überwiegend barocker, zu kleinem Teil nüchterner Rasterfassade; schön anzusehen. Wirklich beeindruckend ist hier dagegen die Spendenbereitschaft der Bürgerschaft. Umso mehr in der heutigen Zeit.

  • Da war die Rede von der Stellafassade im Schlüterhof die muss man aber auch nicht mögen.

    Das war Schlüterfreie Zone - einst eine Ansammlung verschiedener Gebäude diverser Epochen deren Belang, für die Hofwirkung eher unbelichtet blieb.

    Als Architekt hätte man Baukünstlerisch auf das einst historische Gemenge dort reflektieren können und es wäre nicht das falscheste gewesen, ebenso hätte man auch die Schlüterfassade weiterabrollen können um den Gedanken Schlüters zu Ende bringen, hat man vermutlich in der üblichen redundanten Art der kritischen Annäherung wohl auch gemacht - erkennt nur keiner.


    Aber Deshalb mag und bewertet man, auch wenn man die gestalterische Eigenleistung des Architekten an dieser Stelle nicht sehr schätzt, doch die Bildhauerleistung im Schlüterhof nicht minder.

    Man schmeißt doch auch kein Kotelett weg blos weils n Knochen hat.

  • Ich verstehe diese Überladungen und Übertreibungen nicht, egal ob ins positive oder negative und egal ob hier im Forum oder in den Feuilletons der Tageszeitungen; so finde ich auch abwertende Bezeichnungen wie "Deutsches Tschernobyl" eher befremdlich.

    Das geht mir ähnlich – wobei man dazusagen muss, dass sich die Metapher vom "Deutschen Tschernobyl" nicht auf die Architektur bezieht, sondern auf den Inhalt. Die Provinienz-Forscherin Benedicte Savoy hat sie geprägt, um die dort zu findende Raubkunst (z.B. das Luv-Boot) als Altlast zu kennzeichnen, die hinter der prächtigen Fassade verborgen liege, ohne dadurch unschädlich zu werden.


    So sehr ich Savoy schätze, finde ich den Vergleich nur mäßig gelungen; schließlich ist der Tschernobyl-Sarkophag kein Museum. Und die Verlagerung der ethnologischen Sammlung von Dahlem nach Mitte hat die problematischen Stücke nicht eingesargt und begraben, sondern einer öffentlichen Debatte eigentlich erst zugänglich gemacht. Aber für aufs Reißerische gepolte Feuilletons ist das natürlich ein gefundenes Fressen – und auch für Leute wie Arty Deco, die Zwischentöne hassen, sich aller Welt überlegen fühlen und nie im Traum darauf kämen, an den eigenen, maßlosen Verdammungsurteilen Zweifel zu hegen.

  • Man sollte auch nicht über jedes Stöckchen springen was einem die Tagespresse so hinhält bzw. der eigenen Auffassung widerspricht. Grundlegend ist die Kritik an der Ambivalenz von Schlosssymbolik und Ausstellung ja berechtigt und negative, sowie überspitzte Artikel decken auch nur die Meinungsvielfalt zum Projekt ab.


    Epochale Katastrophen wie Tschernobyl, wo Menschen ihr Leben gelassen haben mit dem Humboldtforum zu vergleichen, ist für mich ein ähnliches Niveau wie die "neuen Montagsdemos". Solche historisch relativierenden Vergleiche, die aktuelle Themen dramatisieren, kennt man eher aus anderen Tageszeitungen.


    Dass dort, wo sich die Gemächer unseres Kolonial-Kaisers befanden, jetzt beispielweise der Thron des kolonisierten Königs Njoya steht und über allem ein missionierender christlicher Spruch an der Kuppel prangt, hat halt eine Ambivalenz die man gerade deswegen als angebracht, oder als abstoßend empfinden kann. Ich persönlich habe dazu noch keine abschließende Meinung - zur öffentlichen Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit und Raubkunst, hat diese Ambivalenz aber bereits positiv beigetragen.

  • Natürlich gibt es die hybride Mischung aus Rekonstruktion und zeitgenössischen Elementen zu Genüge auch in anderen Städten. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Stadtschlosses, diese Mischung ist also weder genial noch einzigartig.

    Okay, ist mir so noch nicht untergekommen, ich war vielleicht auch bisher in zu wenig Städten.


    Dass sich in einem preußischen Schloß Teile eines sozialistischen Prestigeobjektes befinden, finde ich trotzdem ziemlich einzigartig, faszinierend und letztlich auch wunderbar versöhnend.


    Bin übrigens kein Architekturexperte, sondern nur ein begeisterter Spaziergänger und finde daher attraktive Stadträume ganz dufte. Wenn die dann noch einen interessanten Kontext haben ist das noch toller. Von daher meine "Übertreibungen".

  • Dass sich in einem preußischen Schloß Teile eines sozialistischen Prestigeobjektes befinden, finde ich trotzdem ziemlich einzigartig...

    Darum dreht sich ja immer wieder die Diskussion: Es ist eben kein preußisches Schloß in dem sich Teile des PdR befinden! Es ist ein modernes Kulturforum mit barocker Fassade. Und für mich macht das einen großen Unterschied im Gesamterlebnis.


    Was mich persönlich verwundert hat war dass ich bei bestem Wetter im Schlüterhof saß mir die barocke Pracht ansah und merkwürdig...unberührt war, erklären kann ich mir das nicht...


    Im Museumsshop hängen Leuchten aus Erichs Lampenladen. Wer den PdR noch kennt wird sie erkennen. Alle anderen erkennen eine Beleuchtung im Kugeldesign der 70er Jahre.

    Der Klemmbausteinbausatz PdR made in Berlin ist mit 149 Euro übrigens unverschämt teurer und qualitativ äußert minderwertig.

  • ^ Puh. Ich dachte, dass ich allein wäre mit dieser Empfindung. Die barocke Pracht mag hochwertig ausgeführt sein, aber abgeholt hat sie mich nicht. Vielleicht ändert sich das in 10 - 20 Jahren, derzeit berührt mich das alles so gar nicht.

  • Das genau ist es meiner Ansicht nach.

    Die barocken Fassaden sind rekonstruiert, das ist auch gut so, ich steh auch weiterhin dazu (habe es auch immer unterstützt) aber das war es dann auch. Es werden damit sicher besondere Stadträume geschaffen aber es ströhmt halt keine Geschichte mehr daraus hervor. Es ist und bleibt

    nur eine Rekonstruktion, die die Museumsinsel ergänzt.

    Es kann aber gut sein, dass das HF bald seine eigene Geschichte schreibt und sich das Gefühl bessert.

  • Mit der Geschichte ist es so eine Sache: Geschichte ist immer der Blick aus vielen unterschiedlichen Erfahrungen, Forschungen und Fiktionen der heutigen Gesellschaft auf eine rekonstruierte Vergangenheit, nie objektiv, sondern unvermeidlich immer voller Interpretationen, Mythen und Irrtümer.


    Ulbricht wollte das ihm verhasste ruinöse Symbol preußisch-dynastischer und deutsch-kaiserlicher Geschichte für alle Zeit zerstören und die Erinnerungen daran auslöschen. An dem Platz sollte ein neues Symbol sozialistisch-kommunistischer Geschichte für eine siegreiche sozialistische Gesellschaft errichtet werden. Die Vernichtung des Symbols der alten Geschichte wäre ihm fast gelungen. Der Aufbau seiner neuen Geschichtsvision ging gründlich daneben.


    Heute stehen wir vor dem neuen, teil-rekonstruierten Bauwerk und erleben ein ästhetisch wiederhergestelltes, restauriertes Gesamt-Ensemble. Mehr, also auch das originale „Ausströmen von Geschichte“ kann nicht erreicht werden. Aber das reparierte Ensemble strahlt dennoch in Schönheit und immerhin kann jede/r sich dabei an eigene, im Kopf erworbene Bruchstücke und Fiktionen seiner/ihrer Geschichte erinnern und sich damit auseinandersetzen.

    Und: auf die neu sich hoffentlich und sorgfältig zu entwickelnde Geschichte des HF bin ich gespannt.

  • 1993: Das Reichstagsgebäude ist offenbar so "toxisch", dass zwei der drei Wettbewerbssieger es als Problemfall behandelten: Pi de Bruijn wollte den Plenarsaal vor das Reichstagsgebäude setzen, Foster machte den Reichstag durch einen Sockel und ein riesiges (Tankstellen-)Dach klein. Eine Kuppel lehnte er ausdrücklich ab. Nach langem ringen und 27 Kuppelentwürfen dann endlich ein Ergebnis: Die Reaktion? Weitgehend genervt, skeptisch, ablehnend - eine Kuppel sei großmannssüchtig, wilhelminisch, rückwärtsgewandt, peinlich etc. Heute: Die Kuppel gehört zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Berlins, dieser Hybrid aus alt und modern, bei dem man den Politikern aufs Dach steigen kann, versinnbildlicht aufs beste, wie sich das moderne, wiedervereinigte Deutschland gerne selbst sieht.

    1993: Kohl verkündete die Planung, die Neue Wache als zentrale Gedenkstätte des Bundes zu nutzen und dazu eine Vergrößerung der Kollwitz-Skulptur "Mutter mit totem Sohn" aufzustellen, was zur Schnappatmung im Feuilleton führte: Neben dem Urheberecht wurde die Verwendung einer "Pieta" als "antijüdisch" (Koselleck) bezeichnet und diese würde auch die Frauen ausschließen, die oft selbst Opfer und nicht nur passiv-trauernde Mütter waren. Die Inschrift "Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" würde auch NS-Verbrecher einschließen, die im Krieg umkamen etc. Auch wenn die Neue Wache nicht mehr so im Mittelpunkt steht wie vor 1990, als noch die NVA ihre Wachablösung inszenierte, so wird sie doch - nach meinem Eindruck - gut angenommen und akzeptiert, die Vorwürfe von 1993 scheint kaum jemand zu teilen.


    Ähnlich wird es beim Humboldtforum sein: Natürlich ist es - architektonisch, konzeptionell, inhaltlich - ein Kompromiss, natürlich wirkt vieles noch steril, die angespannte Pandemie-Situation sorgt auch nicht für Feierstimmung. Aber die Häme, die über das HF ausgekippt wird, kann ich nicht nachvollziehen: Die Kosten sind kaum gestiegen, die Rekonstruktion der historischen Fassaden wurden durch Spenden finanziert, bisher liegen die Gesamtkosten noch immer weit unter der Hälfte, die Neubau und Umzug des BND gekostet haben.
    Man bekommt in vielen Medien den Eindruck, als hätten die Rekonstruktionsbefürworter höchstselbst Luv-Boot, Benin-Bronzen u. A. brutal zusammengeraubt. Solange die Objekte hinter einer modernen Museumsfassade ausgestellt wurden, gab es keine Debatten - aber die gleichen Objekte hinter rekonstruierten Barockfasseden, das ist mindestens Tschernobyl! Ich begrüße diese Provenienz-Debatten und die bisher geplanten Rückgaben ausdrücklich - aber die Verquickung dieser längst überfälligen Aufarbeitung mit dem Bau des Humboldtforums erscheint mit sehr zweifelhaft.


    Ich glaube, dass in rund fünf bis zehn Jahren das Humboldtforum bestens angenommen wird und in dieser Stadt mit ihren vielen Zentren zumindest für Nichtberliner als Mittelpunkt der Stadt gilt.

  • Ganz neu ist die Sache mit der Provinienzforschung ja nicht. Ich finde das Verhalten von Madame Savoy eigentlich etwas unfair. Sie wurde in die Kommission berufen eben weil man sich der Problematik der kolonialen Vergangenheit bewusst war und diese näher erforschen wollte.

    Ihre Erkenntnisse nun in einem "deutschen Tschernobyl" einzuschmelzen greift mir einfach zu kurz! Es ist ein Gesamt - West - Europäisches Desaster! Das British Museum wurde immerhin mittlerweile als "Brutish Museum" entlarvt. Was sagt Madame Savoy denn zur Ägyptischen Sammlung im Louvre? Dass die Ägypter vor lauter Dankbarkeit Napoleon all ihre Kunstschätze freiwillig nachgeschmissen haben?

    Figuren wie Giovanni Belzoni werden selbst heute noch als Pioniere der Ägyptologie betrachtet. Pionier war er sicher auf ägyptischem Boden denn die Ägypter hatten zuvor noch nicht erlebt dass ganze Statuen und Tempelteile mit Sprengstoff entfernt und nach Europa verschifft wurden.

    In London und Paris war es en Vogue zum Tee Mumien auszuwickeln, die wurden nicht nur gegen den Willen der ägyptischen Familien ausser Landes geschafft, als es an altägyptischen Mumien zu mangeln begann wurden Bettler aus Kairos Strassen zu Mumien verarbeitet um den Bedarf zu decken.

    Teilweise kam die Ägyptomanie dem Land am Nil natürlich gelegen, es kurbelte den Tourismus an, aber insgesamt waren die Auswüchse doch beträchtlich.

    Die Nofretete kam nur mit einem Trick Borchards nach Berlin. Er war schon ein ernsthafter Archäologe aber er durfte die deutschen Geldgeber natürlich nicht enttäuschen. Selbst einen Teil von Tutanchamuns Grabschatz schaffte Lord Carnavon rechtswidrig nach England. Dies wurde erst in den 2000er Jahren entdeckt als ein Nachfahre von ihm "Hausputz" in seinem Anwesen machte als es zur Kulisse von "Downton Abbey" wurde.

    Die Benin Bronzen wurden von englischen Soldaten blutig erbeutet.

    Die Liste ist endlos fortzuführen und trotzdem scheint es mir dass in Berlin da nun offener diskutiert wird als in den anderen Metropolen Europas. Nun einzig das HF bzw. die SPK in den Fokus zu nehmen ist lächerlich.