Leipzig: Stadtumbau in den Großwohnsiedlungen Grünau u. Paunsdorf

  • Das irritiert mich jetzt etwas. Da muss ich erst einmal darüber schlafen. Veralberst Du uns auch nicht?


    Konntest Du schon mit Ureinwohnern sprechen?


    Na, da melde ich mich nochmal aus dem Weihnachtsurlaub zurück. Du wirst es nicht glauben: Ich kenne Leute, die Grünau geplant und mitgebaut haben, die heute noch gerne dort wohnen oder auch in die benachbarten Einfamilienhaus-Siedlungen umgezogen sind. Und ich kenne sogar einige, die guten Gewissens aus anderen Stadtteilen ihre Kinder dort in Kitas geben.


    Mal am Rande: Hätte Grünau nicht das übergestülpte Imageproblem würde es weniger Kita-Kapazitätsprobleme geben. Die Infrastruktur ist dort vorhanden. Da sollte man mal drüber nachdenken, bevor man einen Stadtteil brandmarkt und kaputt redet.


    Ansonsten schöne Fotos mit fröhlichen Menschen. Die Texte drunter waren sicher schon damals für die Kumpels vom Baukombinat die reinsten Schenkelklopfer. Aus heutiger Sicht war das aber das letzte mal, das wirklich die Menschen geehrt wurden, die Häuser bauen. Einem Max Dudler (siehe mein Beitrag heute zum City-Tunnel) wäre soetwas sicher fremd.

  • Sanierung der Fußgängerbrücke in der Miltitzer Allee

    Zur Abwechslung mal eine Nachricht aus dem Jahr 2012, die auf die Zukunft gerichtet ist:


    LVZ-Online, 21.12.2012
    Stadtteile
    Leipzig erhält Förderbescheid zur Sanierung der Fußgängerbrücke in der Miltitzer Allee
    http://www.lvz-online.de/leipz…-stadtteile-a-168177.html


    Die Fußgängerbrücke über die Eisenbahngleise der S-Bahn-Strecke 1 in der Miltitzer Allee wird im nächsten Jahr saniert. Die 1983 errichtete Brücke dient als wichtige Wegeverbindung im Stadtteil Grünau und ist der einzige Zugang zum Bahnsteig Miltitzer Allee, musste jedoch 2009 teilweise gesperrt werden. Während der Bauarbeiten soll eine Behelfsbrücke die Überquerung der Gleise sicherstellen. Mit der Inbetriebnahme des City-Tunnels wird die S 1 wieder fahren.


    Die Sanierung der Brücke wird mit 600.000 Euro vom sächsischen Wirtschaftsministerium geförder, leider deutlich weniger, als von der Stadtverwaltung erhofft, Diese hat bei geschätzten Gesamtkosten von rund 930.000 Euro mit einem 90-prozentigen Zuschuss gerechnet.


    http://www.dafmap.de/d/lhal.html?id=1402&mt=2&zoom=16


    Bau- und Finanzierungsbeschluss zur Instandsetzung der Fußgängerüberführung Miltitzer Allee über die DB AG
    http://notes.leipzig.de/appl/l…5BEE695DC12579F400454CAA/


    http://www.gruen-as.de/2011/29/artikel2.html

  • Was die immer wiederkehrenden Vergleiche mit anderen Großsiedlungen in anderen Städten angeht, hat Saxonia schon gut dargelegt, dass es für die Errichtung von Grünau und Paunsdorf in Leipzig keine Notwendigkeit bestand und auch in Zukunft trotz starkem Einwohnerzuwachs nicht auf Plattenbauten zurückgegriffen werden muss. In Berlin, Potsdam, Cottbus, Erfurt oder Neubrandenburg ist die Situation völlig anders. Und dass Grünau so viele Einwohner aufgrund anders gelagerter Einwohnerzusammensetzung verloren hat, Klarenbach, überzeugt mich auch wenig. In ganz Leipzig sind in den 1990er-Jahren rund 90 Prozent der Einwohner in andere Stadtteile oder über die Stadtgrenze hinweg gezogen. Die allerwenigsten dabei nach Grünau oder Paunsdorf, nicht weil diese Stadtteile angeblich ohne Grund schlecht geredet werden, sondern weil ihnen Wohnungen und Umfeld nicht zusagen. Übrigens hatte der Stadtteil Plagwitz wohl mit den größten Imageproblemen zu kämpfen (Industrie, Altlasten, sozial benachteiligte Einwohnerschaft). Gestern nun lese ich im neuen Ortsteilkatalog, dass dieser Stadtteil in den letzten 10 Jahren 46 Prozent an Einwohnern hinzugewonnen hat, so viele wie in keinem anderen Leipziger Stadtteil. Grünau hingegen hat in den letzten 10 Jahren bis zu einem Viertel seiner Einwohner verloren.


    Natürlich sollte Grünau nicht aufgegeben werden - schreibt hier auch keiner -, sondern weiterhin alle Anstrengungen unternommen werden, dass sich dieser Stadtteil irgendwann mal einer gesunden Einwohnerzusammensetzung erfreut. Es wurde bislang ja auch schon viel in Sanierung, Neu- und Rückbau, Aufwertung sowie Infrastruktur investiert und es zeichnet sich bereits ab, dass die Bevölkerung nach Jahren des Rückgangs sich jetzt bei etwa 40.000 einpendeln wird. Alles toll, aber kein Grund, sich Grünau schönzureden und auf weitere Abrisse zu verzichten. Dieser Stadtteil war in meinen Augen eine absolute Fehlplanung, und zwar eine, für die u.a. der Steuerzahler noch viele, viele Jahre aufkommen muss.

  • Stigmatisierung Marzahns als Ausdruck kultureller Hegemonie

    Meiner Meinung nach ist das Problem nicht, dass Grünau schlecht geplant wurde, sondern dass Grünau ein Imageproblem hat.


    Hier mal ein Blick von außen auf die Frage nach den DDR-Plattenbaugebieten und der Zeit nach der Wende. Es geht zwar nicht um Grünau, sondern um Berlin-Marzahn, aber da die Veranstaltung hier in Leipzig stattfindet, ist es vielleicht besser, hier darauf zu verweisen als im Berlin-Forum.


    Zeit: Donnerstag, 24.01.2013, 15 Uhr
    Ort: GWZO, Specks Hof (Eingang A), Reichsstr. 4–6, 4. Etg.


    Mary Dellenbaugh, MLA (Humboldt Universität zu Berlin)
    Die Stigmatisierung Berlin-Marzahns als Ausdruck kultureller Hegemonie des Westens im vereinten Deutschland
    Projektvortrag, Gast der GWZO-Projektgruppe "Spielplätze der Verweigerung"
    http://de.linkedin.com/in/marydellenbaugh/de


    Andere Arbeiten von ihr, in denen teilweise auch Leipzig gestreift wurde:


    Spatial Appropriation for Cultural Production.
    Two Case Studies in East Berlin after German Reunification
    http://www.changing-europe.org…/CESS2012/dellenbaugh.pdf


    After the fall of the Berlin Wall, Marzahn and the other complexes of its style were suddenly and radically stigmatized within the new cultural context. Case study 2 discusses the stigmatization of the district of Berlin-Marzahn in terms of symbolic capital and western cultural hegemony.


    5.2 Berlin-Marzahn: Socialist Ideology as Stigma
    The self-conscious construction of Berlin as a symbol and embodiment of the socialist way of life made the situation after reunification extremely difficult for buildings and structures that couldn’t be removed or changed. The large scale housing complexes erected by the socialist regime were no exception to the new overarching hegemonic value shift. The sudden and universal stigmatization of the complexes after 1990 is well documented [63.]
    [...]
    In the West German context, this was achieved through the construction of social housing complexes, in the East German context through the erection of housing in the planned economy. The western complexes were initially erected for middle- to lower-class German families [71], while the eastern complexes were preferentially given to loyal party members, workers, and conformist young families.
    [...] the Platte has be-come a convenient target for the collective negative symbolic capital associated with the fallen regime [76], a process constantly and consistently reinforced by the mechanisms of cultural hegemony, above all the “legitimate” speakers and the media; “The image of Marzahn is so strongly influenced by the media. It’s relatively one-sided. People like simple truths, or it’s easy to offer people simple truths, let’s say it that way, and through this process the public image is created. And if you look for stereotypes, you’ll find them“(Interview, 4 July 2011).
    [...]
    As a symbol of East Germany, the Platte has become “a projection screen for other desires and fears” [77]. With the progressive removal of the legacy of the socialist regime from the landscape, the Plattenbauten have become the largest remaining embodiment and spatial focal point for the GDR [78]. Discursive processes have linked the Plattenbau with both East Germany and various negative identifiers, creating a “catch-all” for various forms of negative traits, identifying these negative traits as distinctly “East German”, and thus allowing a spatial concentration and perpetuation of the “otherness” spawned by the Berlin Wall.


    Shrinking Cities: Design Challenge on a Shoestring Budget
    http://www.asla.org/ppn/Article.aspx?id=32266


    Bereits etwas älter, aber ein ähnlicher Ansatz:


    Adam Brailich, Mélina Germes, Henning Schirmel, Georg Glasze und Robert Pütz:
    Die diskursive Konstitution von Großwohnsiedlungen in Deutschland, Frankreich und Polen.
    In: Europa Regional 17 (2008), S. 113-128.
    http://www.geographie.uni-erla…nsiedlungenfdp_100423.pdf


    Adam Brailich, Mélina Germes, Henning Schirmel, Robert Pütz und Georg Glasze:
    Großwohnsiedlungen als bedrohliche und bedrohte Orte. Sicherheitsdiskurse in Deutschland, Frankreich und Polen. In: Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Unsichere Zeiten. Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen. Wiesbaden 2010 (CD-ROM).
    http://www.geographie.uni-erla…edrohlicheorte_101104.pdf

  • Mietervertreter schreiben an Stadtoberhaupt

    LVZ, 11.1.2013
    Grünau. Mietervertreter schreiben an Stadtoberhaupt


    Die Mietervertreter der Breisgaustraße 59-81 in Grünau Juliane Zweckerl, Irmgard Pikos und Wolfgang Rösicke haben einen offenen Brief an Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) verfaßt, in dem sie Hilfe bei ihrem Kampf gegen die geplante Stilllegung von 150 Wohnungen fordern. Die Wohnungsgenossenschaft Wogetra will den mittleren Teil eines Elfgeschossers in der Breisgaustraße freilenken und dauerhaft nicht mehr nutzen. Der Wogetra-Vorstand Tobias Luft gab an, dass bereits 60 der 150 Wohnungen leerstehen würden und die Genossenschaft daher wirtschaftlich dazu gezwungen sei. Die Betroffene Monika Kuntzsch habe nun selbst gezählt und dabei festgestellt, dass noch 102 Wohnungen belegt seien.


    Die Mietervertreter verlangen nun in ihrem offenen Brief, dass die Stadt ihre Wohnungspolitik in Grünau grundsätzlich ändert. Sie verweisen auf den Stadtratsbeschluss vom 18. Juli 2007, demzufolge Kerngebiete wie der Wohnkomplex 4 rings um die Stuttgarter Allee ab dem Jahr 2009 vor Abrissen geschützt bleiben sollen. Nun hätten jedoch Vertreter der Kommune Abrissfördermittel für die dort befindliche Breisgaustraße in Aussicht gestellt, sofern die Wogetra vor Ort auch Aufwertungen vornehme. Ihrer Ansicht nach torpediere dies den Stadtratsbeschluss und die Zukunft Grünaus. Wie hier bereits thematisiert sind sie der Ansicht, dass der für die nächsten Jahre avisierte Abriss von 5000 Wohnungen potenzielle Mieter_innen von einem Umzug nach Grünau abhalten würde. "10000 Wohnungen wurden bereits vernichtet", doch so lasse sich keine Stabilität schaffen.


    Zum Schluß wird auf ein Wahlforum am 21. Januar um 19 Uhr im Grünauer Komm-Haus hingeweisen, bei dem OBM Jung seinen Standpunkt hierzu darlegen solle.

  • Grünau: leichte Einwohnergewinne im ersten Halbjahr 2012

    LVZ, 21.2.2012
    Erstmals seit der Wende: Grünau wächst wieder
    Monitoring-Bericht der Stadt verzeichnet positive Entwicklungen auch in Leipzigs Altbaugebieten


    Laut dem "Monitoring-Bericht Wohnen" bzw. der Präsentation auf der Website der Stadt Leipzig (siehe http://www.deutsches-architekt…d.php?p=369734#post369734 ) konnte Grünau im ersten Halbjahr 2012 leichte Einwohnergewinne verbuchen. Die Ortsteile Grünau-Nord, Grünau-Mitte sowie Lausen-Grünau verzeichneten Zuwächse in der Kategorie zwischen 0,5 und zwei Prozent. Grünau-Ost (WK 1 und 2), Grünau-Siedlung sowie Miltitz schnitten ausgeglichen ab.


    Der deutlichen Rückgang um 4,4 Prozent in Schönau lag an der Freilenkung mehrerer Wohnblöcke für den Abriss - siehe Beitrag #2: http://www.deutsches-architekt…d.php?p=362554#post362554

  • wenn der deutliche rückgang in schönau auf die freilenkungen zurückzuführen ist, dann sind es die leichten zuwächse in grünau erst recht. schließlich sind von den betroffenen 160 schönauer haushalten 126 nach grünau umgezogen.
    das gesundschrumpfen der plattenbaugebiete wird daher wohl auch in zukunft nötig sein, wie die differenz aus diesen beiden zahlen zeigt.

  • Schönau: 4.524 Einwohner_innen, davon 4,4 % = 200 Menschen


    Grünau-Mitte: 11.682
    Lausen-Grünau: 11.447
    Grünau-Nord: 7.802


    zusammen: 30.931 Einwohner_innen,
    zwischen 0,5 Prozent = 155 Menschen
    und zwei Prozent = 619 Menschen


    Grünau Ende 2011: 40.469
    Juni 2012: 40.397
    Differenz: -72


    2006 auf 2007: -2014
    2007 auf 2008: -1000
    2008 auf 2009: -890
    2009 auf 2010: -743
    2010 auf 2011: -395


    Vielleicht sollten wir doch auf die genauen Zahlen für das erste Halbjahr 2012 bzw. das gesamte Jahr 2012 warten, bevor wir da genaue Schlüsse ziehen.

  • Und auch hier sei noch einmal extra auf den gestern erschienenen Statistischen Quartalsbericht II/2013 - http://www.leipzig.de/imperia/…k-und-wahlen/lz_qb132.pdf - hingewiesen mit einem eigenen Artikel:


    Falk Abel, Peter Dütthorn, Andreas Martin, Ruth Schmidt: Trendwende für Grünau? S. 15-26:



    Nach jahrelangem Rückgang ist in einigen Grünauer Ortsteilen jetzt ein leichter Anstieg der
    Einwohnerzahlen festzustellen; die aktuelle Grünauer Entwicklung sieht durchaus nach Konsolidierung aus - mit hoffnungsvollen Ansätzen für die Zukunft.

  • "Ashley Jamilia (1)" - großes Kino :D


    Bei der Aufzählung vergisst die gute Bild aber natürlich zu erwähnen, dass Grünau selbstverständlich von der Properität der Gesamtstadt profitiert.

  • Integriertes Stadtteilentwicklungskonzept für Grünau

    PM Stadt Leipzig, 04.02.2014
    http://www.leipzig.de/news/new…ungskonzept-fuer-gruenau/



    LVZ-Online, 04.02.2014
    Rathaus plant integriertes Stadtteilkonzept für Leipzig-Grünau
    http://www.lvz-online.de/leipz…-stadtteile-a-225462.html



    PM Wohnen bei uns, 06.02.2014
    Leipziger Wohngenossenschaften gegen Stadtteilkonzept Grünau



    Schon wieder wird Grünau stigmatisiert. Die Plattform von Leipziger Wohnungsgenossenschaften stellt sich ausdrücklich gegen das von Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau vorgeschlagene Integrierte Stadtteilkonzept für Grünau. Durch solche Maßnahmen wird einem Stadtteil, der sich gerade am Beginn einer konsolidierenden Entwicklung befindet, mehr geschadet als genutzt. Jede Sonderbehandlung verfestigt bestehende Vorurteile, allein durch das Betonen einer vermeintlichen Sonderstellung. Seit Jahren steht Grünau im negativen Fokus der Öffentlichkeit – und dass, obwohl sich das weiterhin hohe Leerstandsniveau in Teilbereichen schrittweise normalisiert und andere Stadtteile ähnlichen Entwicklungsbedarf haben. Wenn man Dubraus Vorschlag konsequent umsetzen würde, müssten auch Schönefeld, Paunsdorf, Reudnitz-Thonberg und der Leipziger Osten ein integriertes Stadtteilkonzept dieser Art erhalten.


    Mehrfach hat die Plattform darauf hingewiesen, dass Konzepte wie das von Frau Dubrau vorgeschlagene, der Außenwahrnehmung von Grünau schaden. Die zuständigen Akteure führten bereits umfangreiche Gespräche im Vorfeld des 1. Workshops zum Wohnungsmarktpolitischen Konzept. Für die Akteure stellt sich nun die Frage nach dem Wert ihrer Anregungen, wenn diese nicht mit einbezogen werden. Denn ungeachtet der Gespräche wurde am Dienstag der Verwaltung der Auftrag zur Erstellung eines gesonderten integrierten Stadtteilkonzeptes für Grünau erteilt.


    Statt dieser Grünauer „Sonderlösung“ empfehlen die Genossenschaften ein wohnungmarktpolitisches Gesamtkonzept für ganz Leipzig. Das vermeidet nicht nur jegliche Stigmatisierung, sondern erfasst auch die spezifischen Situationen aller Stadtteile sowie deren Wechselwirkung untereinander.


    L-IZ, 06.02.2014
    Integriertes Stadtteilentwicklungskonzept für Grünau: Wohnungsgenossenschaft kritisieren die Pläne der Stadtverwaltung
    http://www.l-iz.de/Politik/Bre…isieren-Plaene-53612.html


    PM Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat Leipzig, 06.02.2014
    http://www.gruene-fraktion-lei…=441&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=742&cHash=6eb2d88d8f22edf2ac41d34806cde7ad



    L-IZ, 08.02.2014
    Grünen-Stadtbezirksbeirat zur Zukunft in Grünau: Integriertes Stadtentwicklungskonzept ist Schritt in die richtige Richtung
    http://www.l-iz.de/Politik/Bre…t-fuer-Gruenau-53634.html

  • Bevölkerung der Stadt Leipzig mit Hauptwohnung am 30.09.2013 nach Ortsteilen
    Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen [Statistischer Quartalsbericht III/2013]
    Im Vergleich dazu Ende 2012 und Ende 2011


    60. Schönau: 4108 (-72) - 4180 (-344) - 4524
    61. Grünau-Ost: 7388 (+49) - 7339 (-59) - 7398
    62. Grünau-Mitte: 11720 (-106) - 11826 (+144) - 11682
    63. Grünau-Siedlung: 3810 (-78) - 3888 (+2) - 3886
    64. Lausen-Grünau: 11896 (+194) - 11702 (+255) - 11447
    65. Grünau-Nord: 7918 (-18) - 7936 (+134) - 7802
    66. Miltitz: 1891 (+9) - 1882 (-34) - 1916
    6. West: 48731 (-22) - 48753 (+98) - 48655

  • Fakten zu Leipziger Plattenbauten und ihren Bewohner_innen

    Bereits in den ersten Tagen des Jahres berichtete die BILD-Zeitung über eine interne oder zu einem späteren Zeitpunkt geplante Veröffentlichung aus dem Amt für Statistik mit "alle(n) Fakten zu Leipziger Plattenbauten und ihren Bewohnern". Aus dem Artikel geht der genaue Titel nicht eindeutig hervor, möglicherweise handelt es sich um den neuen Sozialreport (in Vorbereitung: http://www.deutsches-architekt…m/showthread.php?p=417239 ) oder den Monitoringbericht Wohnen.


    BILD, 04.01.2014
    Neuer Wohn-Report der Stadt
    10 Wahrheiten über Leipzigs Platten
    http://www.bild.de/regional/le…latten-34071926.bild.html


    Für die "zehn erstaunlichsten Fakten" aus dem Bericht hält BILD folgende Angaben:


    1. 117.600 Menschen leben in Leipzig in einem Plattenbau. Dies sind 22 Prozent der 534.926 Leipziger_innen und damit etwas mehr als in Gründerzeithäusern (21 % bzw. 112.300 Personen).


    2. Seit den 1990er Jahren wurden über 12 000 Wohnungen in Plattenbauten abgerissen.


    3. Die typische 2-Raum-Wohnung in der Platte ist 48 m² groß, eine 3-Raum-Wohnung 60 m² und eine 4-Raum-Wohnung 75 m². [Diese Größen sind den Maximalgrößen bei den 'Kosten der Unterkunft' sehr ähnlich.]


    4. Die durchschnittliche Netto-Kaltmiete liegt bei 4,70 Euro/m² und damit etwa 45 Cent unter dem städtischen Durchschnitt [Die maximal 4,48 Euro/m² für die Kosten der Unterkunft wurden nun in jedem zweiten Beitrag genannt]. Allerdings rangiert die Warmmiete mit 6,94 Euro über der anderer DDR-Bauten (6,67 Euro) und nur 26 Cent unter Stadt-Schnitt (7,20 Euro). [Die maximale Warmmiete innerhalb der KdU-Sätze beträgt 7,01 Euro/m².]


    5. Fast jede_r dritte Einwohner_in (32 %) ist Single. 30 % sind alleinlebende Renter_innen, 21 % Rentner_innenpaare. Lediglich 5 % sind Paare mit Kind(ern).


    6. Das Durchschnittsalter der Bewohner_innen liegt bei 58,2 Jahren. Kein anderer Wohnungstyp in Leipzig hat ältere Mieter_innen, 69 % sind über 50 Jahre. Im Vergleich sind die Bewohner_innen von Gründerzeithäusern mit einem Durchschnittsalter von 42,4 Jahren 15,8 Jahre jünger.


    7. Beim Erwerbsstatus überwiegen daher Rentner mit 54 %. 34 % sind erwerbstätig, 9 % arbeitslos und 3 % Schüler oder Studenten.


    8. Das durchschnittliche Nettoeinkommen von Plattenbau-Bewohner_innen beträgt monatlich 960 Euro und damit deutlich weniger als im städtischen Gesamtdurchschnitt mit 1188 Euro.


    9. Nur 7 Prozent der Leipziger_innen können sich einen Umzug in die Platte vorstellen.


    10. Dagegen würden 39 Prozent der Bewohner_innen immer wieder in eine Platte ziehen.

  • Danke für die sehr aufschlussreiche Faktenaufstellung. Für die Zukunft des Plattenbaubestandes sind zwei Fakten sehr interessant:


    6. Das Durchschnittsalter der Bewohner_innen liegt bei 58,2 Jahren. Kein anderer Wohnungstyp in Leipzig hat ältere Mieter_innen, 69 % sind über 50 Jahre.


    8. Das durchschnittliche Nettoeinkommen von Plattenbau-Bewohner_innen beträgt monatlich 960 Euro und damit deutlich weniger als im städtischen Gesamtdurchschnitt mit 1188 Euro.


    9. Nur 7 Prozent der Leipziger_innen können sich einen Umzug in die Platte vorstellen.


    Zugespitzt formuliert bedeutet das, wer dort wohnt ist alt und arm und wird dort bald weniger Nachbarn haben. Offenbar ist es trotz der sehr hohen Infrastrukturinvestitionen in diese Gebiete nicht gelungen, die Attraktivität nachhaltig zu steigern und die Bevölkerungsverluste durch Zuzug aufzuhalten. Ich hatte schon immer die Meinung, dass dieser Siedlungstyp aus einer halbautoritären Zeitepoche stammt, da der Mensch eher als Arbeiter wahrgenommen wurde und das seine Bedürfnisse dort nicht berücksichtigt werden, wie es sich für attraktive Stadtteile gebührt. Wenn sich das trotz hoher Sanierungsaufwendungen nicht nachträglich kitten lässt, wäre es nicht besser, diese Stadteile leerzuziehen und wieder einzuebenen bzw. schrittweise mit lockerer einstöckiger Vorstadtbebebauung zu überformen?

  • Die spannende Frage vor diesem Hintergrund bleibt, wie sich die Bevölkerung in Leipzig in den nächsten 5-10 Jahren weiterentwickelt.


    Bei Steigerungen von 10.000 Einwohnern jährlich wird Grünau sicher auch eine andere Perspektive als die des steten Rückbaus haben.


    Meine These wäre, daß Grünau einen Teil eines möglichen Wohnungsmangels auffangen könnte und damit deeskalierend auf den Wohnungsmarkt wirkt. Inwiefern wir dann die Themen Verdrängung und Gentrifizierung streifen müssen, sei mal dahingestellt. Zumindest dürften die klassischen Gründerzeitviertel, da sie die Wunschheimat vieler sind, eher weniger für Einkommenschwächere bieten.

  • Die durchschnittliche Lebenserwartung in Sachsen liegt derzeit für Männer bei 76,76 Jahren, für Frauen schon bei 82,71 Jahren. Bis der oder die durchschnittliche Plattenbaumieter_in sterben wird, vergehen also noch mal 18,6 bzw. 24,5 Jahre. Eher noch mehr, denn die durchschnittliche Lebenserwartung steigt ja noch an. Bei den durchschnittlich 58,2 jährigen Bewohner_innen von Plattenbauten beträgt sie (deutschlandweit) bereits 91,05 und 95,1 Jahre ( http://www.bild.de/ratgeber/20…werden-28435242.bild.html ).


    Es wird also noch etwas dauern, bis das "baldige" Szenario einsetzt. Für deutlich wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass es so nie kommen wird. Die Bevölkerung wird wachsen, wenn die Mieten in den stadtnahen Gründerzeitgebieten noch weiter steigen und gleichzeitig die 90er-Jahre-Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand immer teurer im Unterhalt und langsam leerer werden. Das Durchschnittsalter ist in Probstheida (51,4), Mölkau (51,2) oder Thekla (52,8) in etwa gleich. Manchmal hilft ein Blick nach Ostberlin, Potsdam, Dresden, Jena, Erfurt .... , um klarer zu sehen.


    Der Gedanke mit dem "Siedlungstyp aus einer halbautoritären Zeitepoche" gewinnt noch mal an argumentativer Kraft, wenn man an die traumhaften Zeiten voller glückseliger Demokratie und guten Leben insbesondere für Arbeiterfamilien im Deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus denkt. Der Mensch an sich wurde da ausschließlich als Individuum und Schöngeist wahrgenommen. Vor allem bei den gründerzeitlichen Arbeitervierteln wurde an Licht, Luft und Sonne und Platz für alle gedacht, wenn sich 4 Erwachsene und 8 Kinder eine 60 qm große Wohnung teilen oder diese sogar trockenwohnen durften. Ein Umbau und eine Anpassung an moderne Wohnansprüche ist bei Gründerzeitgebäuden oder Häusern der 1920er/30er Jahre natürlich ebensowenig üblich und möglich wie bei Plattenbauten. Und so heizen wir in den gründerzeitlichen Arbeitervierteln wie Plagwitz, Lindenau, Volkmarsdorf ... weiter alle mit noch Kohlen, gehen auf der halben Treppe aufs Klo und riechen die Abgase der vielen Hinterhofwerkstätten.


    Man wird in naher Zukunft - wie in den Gründerzeitvierteln auch - wohl eher noch manchen Abriss der letzten Jahre bedauern.

  • Die Ironie ist unverkennbar. Jedoch wurden die Gründerzeitler wenigstens errichtet, weil private Vermögende dies für eine gewinnbringende Investition hielten. Gerade die rasterförmig angelegten Gründerzeitviertel Volkmarsdorf und die Südvorstadt stammen aus einer Zeit des größen Bevölkerungsanstiegs. Sie bauten aber, damit die Gebäude vermietet werden konnten. Grünau wurde gebaut weil im Wohnungsbauprogramm der DDR soundsoviele Wohnkästen fertig werden mussten. Alles andere war zweitrangig und entsprechend wenig wurde in attraktive äussere Anmutung, abwechslungsreiche, kleinteilige Architektur, Individualität der Wohnquartiere, Grüngestaltung und das allgemeine infrastrukturelle Umfeld investiert. Stattdessen strahlen diese Gebäude aus meiner Sicht lähmende Gleichförmigkeit und eine irgendwie dumpfe Mittelmäßigkeit aus. Es ist kein Wunder, weswegen sie heute nicht vermietbar sind, und nur wer muss dort hinzieht bzw. diejenigen dort wohnen, die als Erstmieter eingezogen sind. Diese Leute kennen noch die schlimmen DDR-Altbauzustände und sind mit ungefliesten Nasszellen und Schlauchküche zufrieden gewesen. Das ist heute jedoch kein Maßstab mehr.

  • Die Plattenbauten wurden zu großen Teilen am Bestand vorbeigebaut bzw. sollten diesen über kurz oder lang ersetzen. Trotz mit der Zeit gestiegenem Wohnflächenbedarf, hatte man durch die nach der Wende massenhaft sanierten Altbauten, kombiniert mit einem ruckartigen Bevölkerungsschwund, einen enormen Wohnraumüberschuss. Diesen zur Stabilisierung des Wohnungsmarktes über den Rückbau der Großwohnsiedlungen abzuwickeln, war logisch und richtig. Die Platten standen an der Peripherie, waren im Vergleich historisch weitgehend wertlos und ein Abriss hinterlies aufgrund der offenen, lockeren Bebauung nicht den Eindruck eines zerfledderten Stadtgefüges wie das beim Abriss im Blockrand der Fall ist und war.
    Zudem befanden sich die Platten in öffentlicher Hand. Ein schnelles Bevölkerungswachstum wie heute war in den 90ern und Anfang des Jahrtausends nicht in Sicht.

    Die Architektur von möglichen Neubauten wird denen der Platten wahrscheinlich optisch nicht nachstehen. Von daher hält sich meine Trauer über deren Abriss in Grenzen.

  • Dem kann ich nur zustimmen. In meinem Ausgangsposting kam ich auf den Gedanken, inwiefern man sich von solchen Stadtteilen trennen müsse. Saxonia greift das gerade auf, indem er richtig sagt, dass diese Gebiete große Nachteile aufweisen: architekturhistorisch in ihrer großen, uniformen, groben Masse wertlos, peripher gelegen, perforierte Erscheinung.
    Ich wäre dafür, Grünau schrittweise rückzubauen, bzw. durch intelligenten Teilrückbau die Nachteile der Gleichförmigkeit und Langweile abzumildern. Leinefelde hat dies beispielhaft vorgemacht, auch Schwerin ist ein gutes Beispiel. Gleichzeitig sollte man im Zuge der verstärkten Entwicklungen rund um den Lindenauer Hafen versuchen, diese kompletten Neubauten mit einer teilweise Neubebauung von Grünau (im wahrsten Sinne des Wortes mit lockerer Bebauung in GRÜNer AUe) zu verbinden. So kann eines der spannensten Projekte der letzten Jahre, die Revitalisierung und erneute Einbindung des Lindenauer Hafens in den Stadtkörper Impulse für das Dauerproblemviertel Grünau entfalten!