Talkin' 'bout Europaviertel (Basisdebatte)

  • Akademix :


    1.
    Ob die von dir notierten Unterschiede zwischen HH und F wirklich bestehen, kann ich mangels detailierter Kenntnisse der Hamburger Verhältnisse nicht wirklich beurteilen, aber bei Lichte besehen, würde ich das rundweg bestreiten: die Bauherren dort sind keine anderen als hier, die Bauträger unterliegen denselben Marktmechanismen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie hier, weshalb ich kaum annehme, dass die Architektur insgesamt eine "innovativere und wertigere Architektursprache" entwickelt; das können andere aber sicher besser beurteilen als ich. Ansonsten: die EnEV gilt auch in Hamburg, so wie das Staffelgeschoss hat Eingang auch in die Hamburger BauO gefunden hat.


    2.
    Wenn ich mir den Hafencity-Masterplan (Luftbild anklicken) anschaue sehe ich vor allem Blockstrukturen. Der grundsätzliche Unterschied sind die alten Hafenbecken, die eine gewisse Topologie vorgeben; aber hinsichtlich der überplanten Teilflächen erkenne ich grundsätzlich keine anderen Elemente als hier, die der Hafencity eine besondere planerische Qualität verliehen; aber vielleicht hab ich was übersehen. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal dürfte sein, dass Stadt am Wasser immer einen besonderen Charme hat. Aber ansonsten wüßte ich nicht, dass die Hamburger Planer & Entwickler anderen Leitbildern gefolgt wären (von wegen ästhetischem Kleingeist und so...)


    3.
    Es mag sein, dass in der Masse der Neubauten in der Hafencity ein paar gut gelungene oder sogar herausragende Architekturen zu finden sind, die finden sich andernorts aber auch; aber dass die Architektur insgesamt dort eine qualitativ andere, womöglich sogar bessere sein soll, ist eine unbewiesene Behauptung.

  • Das mit dem Hafenviertel ist ein interessanter Vergleich. Hierbei muss man aber bedenken, dass im Europaviertel wie von Akademix tituliert "Massenquartiere für die Mittelklasse" gebaut werden. In der Hafencity gilt das Gleiche, nur das man anstatt Mittelklasse von gehobener Mittelklasse bzw. Oberklasse reden muss. Die Preise dort sind nämlich noch einmal deutlich höher als die im Europaviertel. Wer höhere Einnahmen erzielt, kann es sich als auch renditeorienter Investor leisten herausragender zu bauen. Bzw. muss es auch, um das entsprechende Klientel anzulocken.


    Dem Vergleich mit der Karl-Marx-Allee kann ich immernoch nicht zustimmen. Sieht für mich ganz anders aus. Einzige Gemeinsamkeit ist die Straßenlänge samt Grünstreifen. Die Bebauung drum herum ist für mich eine ganz andere. Letztlich ist es aber wohl Geschmackssache. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

  • Akademix
    Du hast hier ja richtig ein Sturm an Antworten auf dein Posting losgetreten, da will ich natürlich auch meinen Teil dazu beitragen und antworten ;)


    Zu den Leuchtturmprojekten äußere ich mich mal direkt, in dem ich Bezug nehme auf das Original, nämlich dem Leuchtturm, ein großes auffälliges Objekt mitten im Nirgendwo und so ist es auch im Städtebau, es sind wenige extravagante oder formschöne Gebäude die sich eben von der Masse abheben, im Umkehrschluß bedeutet das, dass man eben eine schlichte Masse braucht, um ein Leuchtturmprojekt als solches zu erkennen.


    Ich finde die Wohnbebauung im Europviertel West und Ost eigentlich ziemlich schlüssig und passend. Wie ich schon mal vorher geschrieben habe, hätte ich mich für Staffelgeschosse als Abschluß nach oben hin entschieden.


    Original von Akademix
    Die hier errichteten Bauten werden in der Tat ihre Patina bekommen. Insbesondere die vielen weißen „Styroporfassaden“ werden bald ein Eigenleben entfalten. Ich befürchte jedoch, dass die Entwicklung dieser Fassaden mangels Dachüberstand mehr in die Richtung „Nässeflecken auf Waschbeton“ geht.


    Das ist es eben, der Eindruck täuscht! So viele "weiße Styroporfassaden gibt es eben nicht am Europaboulevard, sondern eigentlich überwiegen die Fassaden mit Natursteinen. Der Naturstein ist sehr hell und von einfachem Verputz aus der Entfernung so gut wie nicht zu unterscheiden, aber wie richman2 schon geschrieben hat, wird dieser eben eine Patina bekommen und die Strukturen werden sichtbar werden, zum Beispiel die der scharrierten Natursteine.


    Original von Akademix
    Hier in einem Neubauviertel auf Fassadenerneuerung im Sinne eines organischen weiteren Entwicklungsprozesses zu setzen ist schon eine recht skurrile Angelegenheit. Was soll sich den hier noch entwickeln. Die Strukturen sind geschaffen und werden sich in absehbarer Zeit nicht verändern.


    Die einzigste Strukturen die geschaffen wurden, sind die Gebäude an sich, denn ich denke nicht das man die Gebäude in Zukunft abreißt. Aber mal davon abgesehen hält eine Fassade nicht ewig, sie muß gestrichen werden, im Falle von Naturstein aufwendig gereinigt werden, es lassen sich zierende Ornamente im Nachhinein anbringen. Beachte doch einfach mal wie das Bahnhofsviertel vor 20 Jahren aussah und jetzt aussieht und es wurden nicht wirklich viele Gebäude abgerissen und neugebaut. Es gibt tausende Möglichkeiten mit einfachsten Mittel viel Wirkung zu erzielen und wenn das Einfachste nur Farbe ist, so hilft das schon Kontrast reinzubringen.


    Original von Akademix
    In der Tat, ich halte die Planer des Ben-Gurion-Rings als wesensverwandt mit denen des Europaviertels (und vielleicht sogar noch mehr mit denen am Riedberg). Auch der Ben-Gurion-Ring wurde seinerzeit als State-of-the-Art-Projekt der Stadtplanung entworfen und durchgeführt. Sicherlich galten damals andere stadtplanerische Paradigmen. So galt weniger eine Bockrandbebauung als Mittel der Wahl, sondern es wurde eine durch weitläufiges Grün aufgelockerte Riegelbauweise bevorzugt. Hier wirkte wohl der Stadtplanungsgedanke der 50er- und 60er-Jahre nach. Dennoch darf man sich durch die geänderte Formensprache nicht täuschen lassen (kein Waschbeton, dafür großflächiger weißer Putz und unter Umständen Natursteinfassaden). Die so gut wie nicht durch die diversen Stilmittel der Architektur aufgelöste großflächige (Block-)Struktur der Bauten sind das Problem und hier sehe ich tatsächlich viele Analogien zwischen dem Ben-Gurion-Ring und dem Europaviertel.


    Du kannst den Ben-Gurion-Ring eben nicht einfach so 1:1 mit dem Europaviertel vergleichen. Bei dem Einen handelt es sich eindeutig um Stadtperipherie, das Andere ist mehr oder weniger das Herz der Stadt. Der Ben-Gurion-Ring ist natürlich State-of-the-Art gewesen und ich gewinne ihm sogar richtig viel Charme ab. Das Hauptproblem ist aber nicht nur die Errichtung von Vierteln, sondern auch ihre Pflege und ihr Erhalt, hier sind die Siedlungen im Norden Frankfurts leider komplett verlottert. Damals lebte Menschen gern im Ben-Gurion-Ring, die Wohnungen galten als modern und zeitgemäß, die Farben hell und ansprechend, die Grünanlagen weit ausladend mit vielen Spielmöglichkeiten für die Kinder. Heute ist es zwar kein Ghetto an sich, aber eben die Wohnstätte vieler sozial schwacher Menschen die nicht wirklich im Fokus der Politik sind und demenstprechend sieht man hier auch nicht den politischen Willen etwas zu verändern oder zu investieren. Im Europaviertel wird aber die gutbürgerliche Mitte einziehen, nicht das ich den Kontrast zwischen beiden Vierteln gutheiße, aber man muß der Realität ins Auge schauen. Die Gefahr, dass das Europviertel verlottert sehe ich in den nächsten 30-40 Jahren nicht.


    Was die meisten hier als schön und romantisch abtun, nämlich mittelalterliche Altsädte, das waren am Anfang des 20Jhdts. nicht mehr als Slums. Die Fassaden waren komplett heruntergekommen, es stinkte an allen Ecken und Enden, in den Häusern lebten unzählig viele Menschen, so dass die kleinen Gassen vor spielenden Kindern und Anwohnern nur so platzten, im Winter legte sich dicke Luft über die Dächer, weil alle mit Holz heizten. Vielleicht kann man verstehen wieso viele Politiker nach dem Krieg ein Cut ziehen wollten. Das Ideal der Wohnbebauung sah damals anders aus als heute, auch wenn die mittelalterlichen Altstädte zwar für uns recht ansprechend wirken, wichtig sind eben auch andere Kriterien die den Wert einer Immobilie bestimmen und genau das ist es auch beim Europviertel, die Käufer werden sich nicht nur an den Fassaden orientieren, sondern vorallem auf den Schnitt der Wohnungen und den technischen Stand eben dieser achten.


    Original von Akademix
    Der Vergleich mit der Frankfurter bzw. Karl-Marx-Allee in Berlin ist gar nicht so falsch. Diese verfügt über einen Grünstreifen der meines Erachtens auch noch breiter ist als der des Europaboulevards, allerdings lässt die Frankfurter- und Karl-Marx-Allee mehr architektonischen Gestaltungswillen erkennen wie der Europaboulevard. Wer hätte das gedacht, dass einmal kapitalistischer Wohnungsbau in unserem „pluralistischen System“ mehr Eintönigkeit produziert als sozialistische Zentralplanung.


    Ich bin halb Serbe und halb Deutscher und besuche 3-4 mal im Jahr die Heimat meiner Mutter in der ich noch sehr viel Familie habe. Als ehemals sozialistisches Land, eingebettet im ehemals existierenden sozialistischen Jugoslawien, kann ich in Serbien sehr viel von der sozialistischen Architektur bewundern. Wenn man hier abwertend vom "sozialistischen Plattenbau" spricht, so entspricht dies leider nicht der Realität, denn der Wohnungsbau dort ist teilweise atemberaubend schön gewesen. Es gibt natürlich auch einfach nur Klötze die irgendwo in der Pampa stehen, diese sind aber die Ausnahme. Leider sind die meisten Wohnungen in Serbien Eigentumswohnungen und jeder Besitzer hat das Recht mit seinem Eigentum zu machen, was er will, so kommt es, dass man alleine an einem Haus 20 unterschiedliche Fenstertypen findet und das an der Hälfte aller Wohnungen unterschiedliche Arten von Klimanalgen außen angebracht sind, der ästhetische Eindruck leidet dadurch immens. Insoweit vergleiche bitte nicht pauschal "sozialistischen Wohnungsbau" mit dem Europaviertel, dass ist wie Äpfel und Autoreifen miteinander zu vergleichen :cool:

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  • M.E. ist das Europa-Viertel nicht so schlecht wie es manchmal gemacht wird. Im wesentlichen überwiegt Blockrand-Bebauung, was ich sehr gut finde und was mit Sicherheit auch später mal zur Urbanität beitragen wird.


    Auch ich finde jedoch die zunehmende "Verflachdachung" sehr schade. Ich verstehe durchaus, dass Investoren aus finanziellen Gründen ein komplettes Geschoss benötigen. Aber m.E. lässt sich das doch auch architektonisch und gestalterisch sehr schön lösen. Als ansprechendes Beispiel lässt sich diese Häuserzeile an der Oskar-von-Miller Straße heranziehen. Das Haus wirkt wunderbar urban, es hat ein vernünftiges Dach und dort auch eine tolle Nutzfläche mit einer prima Aussicht. Warum gibt es nicht mehr davon ...?



    Bild: Marty

  • hallo, bin auf der suche nach infos zum europaviertel ost auf das forum und die spannenden beiträge gestoßen. ich ziehe im februar nächsten jahres dort ein, auf einigen fotos ist meine zukünfitge wohnung zu sehen :) ich finde es spannend zu sehen, wie sich das viertel entwickelt, und wie lange die bauentwicklung schon verfolgt wird :) ich bin zwar kein architekturprofi, dennoch interessierte Laie, und würde mich freuen, hier weiter mitlesen zu dürfen :)
    freue mich auf weitere infos und fotos, sowie diskussionen...bin auch gerne bereit als späterer bewohner meinen senf dazu zu geben, fall erwünscht :)
    danke und viele grüße
    d.

  • Passivhauswahn + Renditemaximierung der Bauträger = Gesichtslose Betonwüste


    Herr Haussmann hat schon vor zweihundert Jahren gezeigt, wie es geht.


    Dagegen sieht der Track-Record der Frankfurter Stadtplaner im 21. Jahrhundert schlimm aus: Palais Quartier, Riedberg, Goetheplatz, Europaviertel, City-West, Rebstock, Friedberger Warte....

  • Chinesisches Reißbrett

    In der Tat, beim Anblick des Europaviertels fällt mir aus ästhetischen Gesichtspunkten auch nichts mehr ein. Irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf es handelt sich um eine europäisierte Version der Reißbrettplanung, welche für die chinesischen Megastädte üblich ist. Ich möchte mir gar nicht vorstellen wie das ganze in zwanzig Jahren wirkt.
    Bemerkenswert ist auch wie das mittelerweile ubiquitäre BWL-er Kalkül Hand-in-Hand mit dem sozial(istisch) angehauchten Erbe eines Ernst May geht (selbst seinen Auftragebern der UdSSR waren seine extrem reduzierten Entwürfe zu unprätentiös).

  • Das Europaviertel ist meines Empfindes das Ergebnis der Kapitalisierung der Errungenschaften der Moderne. Wenn man die Gebäude so sieht ist man eigentlich wieder da angekommen, wo vor 100 Jahren Gropius, Loos oder van der Rohe vor etwas über 100 Jahren gegen gewettert haben – weitgehend seelenlose Mietskasernen.


    Damals verbargen sich Missstände hinter prächtigen Fassaden, heute verbirgt sich überwiegend miese, durch maximale Kostenoptimierung eigentlich ihrer Begrifflichkeit entzogene Architektur hinter dem Feigenblatt der Befriedigung des Wohnraumbedarfs. Dazu kommt noch der erheblich durch Spekulation aufgeblähte Wohnungsmarkt, in dem offenbar keiner bereit ist, ein klein wenig mehr zu investieren, um architektonisch ansprechende Ensembles zu produzieren. Ist ja für die Branche auch praktisch, so kann selbst der schlichteste, einst für den einfachen Arbeiter gezimmerte Gründerzeitler als Stilaltbau verhökert werden.


    Dass man dazu vor einigen Jahren durchaus noch zu anderem in der Lage war zeigen ja selbst konsequent modern ausgeführte Viertel wie der Westhafen. Wobei da in den Wohnungen teilweise auch grandiose Zustände herrschen müssen, nach dem was ich so gehört habe, aber das ist ein anderes Thema.

  • Ich denke, man müsste schon ein wenig unterscheiden zwischen Stadtplanung und Architektur.


    Ich weiß nicht, ob eine Stadtplanung bessere Ergebnisse hervorbringt, die dem Bauherrn en detail Gestaltungsvorschriften macht, zur Dachform, zum Verhältnis von Fensterfläche zur Fassadenfläche insgesamt, zur Farbgebung des Gebäudes und was noch alles. Hier hat sich die Stadtplanung auf den Stadtgrundriss, auf die Festlegung von Baufluchtlinien sowie Art und Maß der baulichen Nutzung zurück gezogen und die Gestaltung der Baufelder den Bauherren überlassen. Mich würde deshalb interessieren, was unter stadtplanerischem Aspekt bessere Ergebnisse bewirkt hätte. Hätte sich die Europaallee vielleicht in der Art einer Flußaue nach Westen mäandern sollen? Hätte man die Blickachse brechen sollen, durch Brückenbauten verstellen lassen und Mansarddächer vorschreiben sollen?


    Wenn man sich auf das Konzept einer 2 km langen, durchgängigen Erschließungs- und Blickachse einlässt, ist eine gewisse Uniformität der Randbebauung fast zwangsläufig. Bleibt abzuwarten, welche Wirkung die geplanten Wohnhochhäuser haben. Aus der Sicht der Passanten wird der Eindruck der Uniformität im Lauf der Zeit sicher durch das Straßenbegleitgrün stark abgemildert. Der Eindruck ein halbfertigen Baustelle in diesigem Novemberwetter ist sicher nicht vergleichbar mit dem Eindruck eines bewohnten und belebten Boulevards mit der Patina von 20 oder 25 Jahren. Da würde ich doch erst mal den Zeitpunkt der Fertigstellung des Gesamtumfeldes abwarten.


    In Bezug auf die Architektur glaube ich nicht an gestalterische Zwänge des "Passivhauswahns", architektonisch weitaus wirksamer dürfte die Einführung des so bauherrenfreundlichen Straffelgeschosses gewesen sein, in Hessen m. W. erstmals geregelt in der HBO 1993. Seitdem sind die herkömmlichen Dachformen, vielleicht abgesehen vom klassischen Satteldach, jedenfalls im Geschosswohnungsbau am Aussterben, aber nicht weil sie verboten wären, sondern weil… ja warum eigentlich? Zeitgeist? Kostengründe? Ideenarmut? Ein Grund ist sicher, dass einerseits der nutzlose Raum unter niedrigen Dachschrägen entfällt, andererseits durch die zurückgesetzten Außenwände attraktive Terrassenflächen entstehen.


    Bleibt die Frage, was "gute Architektur" ist und ob und ggf. was sie mit Geld zu tun hat; letzteres sicher insofern, als Bauen in der Großstadt an sich heutzutage besonders kapitalintensiv ist, was zur Folge hat, dass die Architekten nur noch selten selbst als Bauherren auftreten, sondern meist "nur" noch als Auftragnehmer, gelegentlich vielleicht noch als Gesellschafter. Aber ich bin sicher, dass die Logik von Zins & Tilgung unabweisbare Zwänge erzeugt, die einer individuelleren Architektur Grenzen setzt.

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  • Hallo, ich habe neulich im Mövenpickhotel im Europaviertel übernachtet und einen kleinen Rundgang gemacht. Im Ostteil ist meiner Ansicht nach das größte Problem, dass die Straße so groß ist. Dadurch wird der Wohn- und Aufenthaltswert zerstört. Zweimal schon hatte ich eine Taxifahrt zum Flughafen, die die Abkürzung durch das Europaviertel genommen hat, obwohl auf der Theodor-Heuss kein Verkehr war. Das kann ja wohl nicht der Sinn sein. Abends dann rasen die Autos mit großem Lärm, weil die Strasse leer ist. Eine renommierte Firma, mit der ich sprach, dachte über einen Umzug von der Nähe des Opernplatzes nach, hat aber das Europaviertel verworfen: "Betonwüste".
    Man sollte daher doch die Strassenbahn als Chance nehmen: Anstatt noch mehr Beton und kleinere Fusswege sollte man einfach zwei Fahrstreifen der Strasse rausnehmen. Die geplante A5 Auffahrt sollte man auch streichen. Ich denke so könnte man viel Geld sparen und die Grundstückswerte erheblich erhöhen. Denn letzten Endes kapiere ich das nicht: das Gebiet wäre doch viel wertvoller (in Geld und Lebensqualität) und könnte eine offenere Architektur haben, wenn man den Verkehr eindämmt. Logischerweise hätte man die Strasse auf der Nordseite am Rand der Messe führen sollen, also außenherum. Dann hätte man noch mehr Qualität bekommen (so wird es übrigens hier in Kings X gemacht, das ist ein durchaus vergleichbares Areal). Dafür ist es leider zu spät. Dann sollte man wenigstens das letzte Grün retten, die breiten Gehwege, und den Lärm und die Abgase verringern. So würde ich eine wirkliche Chance für das Viertel sehen.

  • Der GVP 2005 (M 32/2005) sagt dazu im Kapitel 9.1. (S. 45):

    "Die geplanten siedlungsstrukturellen Entwicklungen im Westen der Stadt Frankfurt am Main (Rebstock, Europaviertel, City West, Westhafen) verursachen ein Anwachsen des Kfz-Verkehrsaufkommens, das die Kapazität des Straßennetzes teilweise überschreitet. Ein Ziel soll es deshalb sein, den Kfz-Verkehr möglichst direkt auf die BAB A 5 zu führen, wozu ein neuer Anschluss erforderlich ist. Unter den derzeitigen Bedingungen auf der A 5 ist ein neuer Anschluss aufgrund der bestehenden dichten Folge von Anschlussstellen nicht realisierbar. Deshalb wird vorgeschlagen, auf der A 5 zwischen Nordwestkreuz und Frankfurter Kreuz den Durchgangsverkehr von dem Verflechtungsverkehr baulich zu trennen (Abbildung 9-2) und zwei Fahrstreifen pro Richtung dem Durchgangsverkehr sowie (zwei bis) drei Fahrstreifen pro Richtung dem Verflechtungsverkehr zur Verfügung zu stellen.
    Unter diesen geänderten Bedingungen ist es dann möglich, einen neuen Anschluss „Europaviertel“ an die Parallel-Fahrbahn zur A 5 für den Verflechtungsverkehr vorzusehen...."

  • Wobei die Angaben im GVP nicht ganz korrekt sind. 2 Fahrsteifen pro Richtung für den Fernverkehr würden einen ganztägigen Verkehrskollaps bedeuten. Glücklicherweise hat die Stadt beim Autobahnausbau nicht viel zu melden, sonst würde wirklich so ein Murks gebaut.
    Tatsächlich geplant dagegen ist, den kompletten Abschnitt zwischen Nordwestkreuz und Frankfurter Kreuz auf 8 bis 12 Fahrstreifen auszubauen, mit eigenen Fahrbahnen für Fern- und Lokalverkehr zwischen Westkreuz und F-Kreuz. Auf diesem Abschnitt dann allerdings in allen bisher angedachten Varianten mit pro Richtung 3-4 Fahrstreifen für Fern- und 2-3 Fahrstreifen für Lokalverkehr, insgesamt in jeder Variante 12 Fahrstreifen (und nicht wie im GVP erwähnt nur 8-10).
    Im Thread zum Straßenbau hatte ich hier auch mal grafische Darstellungen der unterschiedlichen Varianten gepostet, falls die jemand noch findet.
    Der Ausbau käme dann sehr wahrscheinlich zusammen mit der AS Europaviertel, Zeitrahmen derzeit aber unbekannt. Vor 2020 wird das wohl nichts.


    Die Straße sehe ich aber überhaupt nicht als das Problem des Viertels. Sondern ganz eindeutig die uninspirierte Architektur, die gerade im Ostteil eher an Plattenbauten erinnert. Und eben jetzt der Murks mit der U-Bahn-Rampe und der seltsamen Gleisverschwenkung. Wenn man dort schon unbedingt jetzt eine oberirdische Streckenführung realisieren will, dann gleich als Straßenbahn, und nicht schon wieder die gleichen Fehler im U-Bahn-Netz wiederholen die man schon mit der U5 im Nordend und der A-Strecke im Dornbusch begangen hat.

  • Rohne - was ist denn nach Deiner Ansicht der Grund für den Unterschied in der Offenheit der Architektur, mit Balkonen, irregulären Fassaden, große Fenster etc. im Europaviertel-West, und Abgeschlossenheit und Monotonie der Bauten im Europaviertel-Ost? Meiner Ansicht nach ist das Schallschutz. Auch sind die Südseiten der Europaviertel-Ost Südbauten gar nicht schlecht. Nur der Abschluss zur Allee hin ist so monoton und verschlossen. Warum? Meiner Ansicht nach Schallschutz plus Nordausrichtung.

  • Leider muss ich das mal sagen, für mich persönlich ist das Europaviertel im großen und ganzem einfach hässlich. Es mag ja durchaus sein das Architekten sich hier austoben konnten, aber für mich sehen alle, bisherigen, Neubauten gleich aus und alle haben die gleichen Raumhohen Fenster, damit die Anzeige zum Vertrieb der Wohnungen auch ja schreiben kann "helle und lichte Wohn(alp)träume" (an einer 4 -spurigen Hauptstrasse !!) und demnächst sogar mit U-Bahn vor dem Wohnzimmer und als "BonBon" das ganze noch neben einer der grüßten Messen Europas. Für mich hat das ganze den Eindruck als werden hier die gleichen Fehler wie in den 70igern gemacht, gesichtslose Anonyme Neubauten, ich möchte in der Europa-allee nicht wohnen, die Preise für Eigentum bzw. Miete sind sowieso für mich nicht nachvollziehbar. Anscheinend blenden die derzeitigen niedrigen Zinsen für Baudarlehen viele, das erwachen wird bitter sein, Spanien lässt grüßen. Achja, das hab ich vergessen, alles ensteht auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, wo Jahrzentelang Gottweißwas in den Boden gelaufen ist. Ich bin mal gespannt wann die ersten Probleme mit verseuchtem Boden auftauchen. Beim Hundertwasser Kindergarten an der Riedwiese war angeblich ja auch alles gut, dann war er mehrere Jahre lang geschlossen, weil der verseuchte Boden saniert werden musste.

  • Achja, das hab ich vergessen, alles ensteht auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, wo Jahrzentelang Gottweißwas in den Boden gelaufen ist.


    Woher weißt du denn, dass Jahrzehnte lang irgendwas ausgelaufen ist? Und wo genau? Selbst wenn Flüssigkeiten in den Boden gelangt sein sollten, wir sprechen hier über ein Baugelände von irgendwas um die 80-90 ha. Eine Bodenbelastung dürfte deshalb, wenn überhaupt, nur punktuell vorkommen.

  • Klar, man hätte etwas Uniformität aus dem Viertel herausnehmen können, aber das hätte schon bei der Baumassenplanung passieren müssen. Wenn dann aber alles relativ gleichzeitig gebaut wird, dann ist eben der gerade gegenwärtige Stil maßgebend. Man hätte einen differenzierenderen Materialmix vorgeben können, die Höhen mehr staffeln sollen, Vor- und Rücksprünge verordnen - aber das hat man nicht getan. Allerdings hätte kein Investor einen Teil des "Belgischen Viertels" mitbauen wollen.


    Das Problem der Bodenbelastung durch den Güterbahnhof wurde bereits beachtet und bearbeitet. Außerdem reden wir in dem Gebiet nicht großflächig von Kindertagesstätten oder Nutzgärten.

  • Ich persönlich finde, dass Viertel ab der Emser Brücke viel interessanter. Im Osten sieht es derzeit wirklich nach Plattenbausiedlung aus, aber es ist ja noch weit weg von komplett. Es meckert doch jetzt schon, dass die Preise dort jenseits von Gut und Böse sind, ein "Belgisches Viertel" hätte wohl den Rahmen gesprengt.


    Wir müssen uns in 6 Jahren noch mal darüber unterhalten, nachdem alles fertig ist, wie das Viertel aussieht und was es nach Außen hin ausstrahlt.

  • ...eben. Lassen wir es mal fertig werden und sehen nicht nur den Ostteil. Auch in Paris gibt es solche Straßenzüge oder anderswo. Ich finde die Strenge in der Flucht Richtung Plaza gar nicht so schlimm.

  • Nachdem ich die letzten Tage gemütlich durch die Europaviertelstränge geblättert habe, erlaube ich mir mal, hier meine Meinung kund zu tun.


    Um ehrlich zu sein, bin ich einigermaßen enttäuscht. Von der Konzeption her mit der breiten Europaallee im Zentrum hat das ganze wirklich Potenzial ein schickes, repräsentatives Areal zu werden. Allein die meisten Gebäude sind schlichtweg langweilig und anspruchslos. Einige bemühen sich mit klassischer Gestaltung oder Natursteinfassade. Vieles was ich auf den Fotos gesehen habe, scheint aber einfach nur verputzter Styropor auf Beton zu sein. Bei der teilweise großen Baumasse sowie der von mir hoch angesetzten Preisklasse, erscheint mir das reichlich plump und wenig zukunftsfest. Erfahrungsgemäß darf man solche Fassaden minimun alle 10 Jahre "auffrischen". Die anderen Nebenwirkungen mal ganz außen vor gelassen. Da tendiere ich doch eher noch zu etwas abwechslungreicheren Neubauvierteln a la "Hafencity".
    Wie ist das überhaupt mit den zwar wenig hilfreichen aber meines Wissens nach dennoch vorgeschriebenen Brandschutzriegeln aus Mineralwolle? Ich konnte hier, man möge ich ansonsten drauf stoßen, derlei nicht erkennen.