Talkin' 'bout Europaviertel (Basisdebatte)

  • Original von tunnelklick
    Leider nicht. Erschließungsanlagen sind gesetzlich abschließend definiert in § 127 BauGB; Einrichtungen des ÖPNV zählen nicht dazu. Das BauGB liegt in der Gesetzgebungskompetenz des Bundes (kann also dauern).


    Hmm, schwer zu sagen, ich habe es als rechtliche Grauzone interpretiert.


    Der §127 lässt ja ein bischen Interpretationsspielraum offen und Stadtbahnbau ist ja auch in Deutschland kein alltägliches Phänomen


    Ich habe aber ganz ehrlich keine Ahnung wie das in Realität gehandhabt wird, da ich kein Jurist bin. Das Nähere wird ja auch in Gemeindesatzungen geregelt.


    In §128 steht auch, dass für Unterführungen, Rampen und Tunnels, so wie für Umfahrungen keine Erschließungsgebühren anfallen, ganz logisch, da ja in dem Fall auch nichts erschlossen wird.


    Original von tunnelklick
    Übrigens, gar nicht weit enfernt liegt schon eine "Investorenleiche": der Abgang vom Platz der Einheit zur U-Station Messe. Den Rohbau hat die Stadt im Zuge des Stadtbahnbaus als Vorleistung hergestellt, den Ausbau sollten die Bauherren der umliegenden Hochhäuser tragen. Darüber gibts auch einen Vertrag, an den sich aber anscheinend niemand gebunden fühlt. Und so bleibt der Zugang auch weiterhin, was er seit 10 Jahren ist: zugemauert.


    Tja, da sieht man einfach, das viele private Investoren so gut wie gar nichts machen, was ihrem eigenen Profit widerstrebt. Na dann müssen die Mitarbeiter von "Castor und Pollux" eben ein paar Meter weiterlaufen, um zur U-Bahn zu gelangen, mich soll es nicht stören. Eine Frechheit ist es aber schon, keine Frage.

  • Hmm, ich gebe Azichan recht, dass die U-Bahn Planungen mit hohen Risiken verbunden waren. Man stelle sich vor es hätte keine Einigungen in Sachen Europaviertel-Investition gegeben, dann hätte man jahrelang eine U-Bahn auf der grünen Wiese stehen gehabt. Die Häme, den Spott und den Zorn über solch ein Schildbürger Projekt (z.B vom Bund der Steuerzahler) mag man sich gar nicht ausmalen. Ich glaube das war der Grund warum Lutz Sikorski so zögerlich war

  • Da der Name ja nun gefallen ist: Als Lutz Sikorski im Juli 2006 das Verkehrsdezernat übernahm, wäre exakt die richtige Zeit gewesen, die U-Bahn-Planung im Europaviertel voranzutreiben und die Zuschüsse zu sichern. Das ist aber nicht geschehen. Im Gegenteil wurde in Sachen Stadtbahn der Schwerpunkt einseitig auf den Riedberg gelegt, wo es kein böser Tunnel, sondern ein gutes oberirdisch zuckelndes Bähnle geworden ist. Ein aufwändiges neues Planungskonzept für den Riedberg wurde notwendig, weil die Grünen nach der Kommunalwahl von März 2006 den fertig geplanten D-II-Tunnel kurz vor Baubeginn kippten. Im östlichen Europaviertel war im Juli 2006 die Erschließung weitgehend fertig gestellt (Anfang Mai 2006 sah es dort so aus). Der westliche Teil war zwar als Bahnfläche noch nicht entwidmet, aber auch hier hätte bereits geplant werden können, nein: müssen. Dann hätte der Bau im vergangenen oder laufenden Jahr beginnen können - mit Zuschüssen und komplett unterirdisch. So wie es den Investoren sowie deren Kunden und Endkunden versprochen wurde.

  • Zitat von Schmittchen

    ... Ein aufwändiges neues Planungskonzept für den Riedberg wurde notwendig, weil die Grünen nach der Kommunalwahl von März 2006 den fertig geplanten D-II-Tunnel kurz vor Baubeginn kippten. ...


    Auch mit D-II-Tunnel wäre die Riedbergbahn genau so gebaut worden, an der Planung hat sich durch den Wegfall von D-II nichts geändert; lediglich das Linienkonzept (eine zusätzliche Linie auf der Eschersheimer) hat sich geändert, weil die Riedberger sonst ohne Umsteigen nicht in Innenstadt kämen.


    Im östlichen Europaviertel war im Juli 2006 die Erschließung weitgehend fertig gestellt (Anfang Mai 2006 sah es dort so aus). Der westliche Teil war zwar als Bahnfläche noch nicht entwidmet, aber auch hier hätte bereits geplant werden können, nein: müssen. Dann hätte der Bau im vergangenen oder laufenden Jahr beginnen können - mit Zuschüssen und komplett unterirdisch. So wie es den Investoren sowie deren Kunden und Endkunden versprochen wurde.


    Zu diesem Zeitpunkt war aber noch nicht ganz klar, was am anderen Ende der U5 geschehen würde. Bekanntlich hatte es heftige Auseinandersetzungen um den Verbleib der U5 im Stadtbahnsystem gegeben. U5 als Stadtbahn hieß: entweder Tunnel in der Eckenheimer (hätte die Stadt allein zahlen müssen, da nicht förderfähig) oder oberirdische Führung um den Preis von Hochbahnsteigen im Straßenraum, was städtebaulich allerhöchst umstritten war und noch ist, aber inzwischen wenigstens entschieden; wenn mich nicht alles täuscht hat allein die öffentliche Diskussion mindestens drei Jahre in Anspruch genommen.


    Wäre es im Nordend anders gekommen (d.h. Umwandlung der U5 in eine Niederflur-Straßenbahnstrecke), hätte das unweigerlich ins Europaviertel zurück gewirkt. Das kann halt passieren, wenn lautstark vorgetragene und damit politisch wirksame Einzelinteressen den Blick aufs Ganze verstellen.

  • Was hat denn der Bau einer unterirdischen U-Bahnstrecke ins Europaviertel mit der U5 in der Eckenheimer zu tun? Wer sagt denn, dass es genau diese Linie sein muss, die ins Europaviertel weitergeführt wird? Wenn man sich im Nordend tatsächlich für eine Niederflurstraßenbahn entschieden hätte, na und? Es hätte genauso gut eine beliebige neue Linie (eine U10?) werden können, die vom westlichen Ende des Europaviertels bis zur Konstablerwache fährt und wieder zurück, oder die nach Bornheim oder bis nach Enkheim weitergeführt wird. Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass die unselige Diskussion um die U5 in der Eckenheimer den Bau des Tunnels ins Europaviertel verhindert hat?

  • ^


    Leider schon, vielleicht nur indirekt und nicht maßgeblich, aber sicher zu einem gewissen und nicht vernachlässigbaren Teil.


    Bei der Planung von Stadtbahnstrecken muß man ein Gesamtkonzept haben und an die Rentabilität denken. Vielleicht wäre eine Stadtbahn von der Konstablerwache zum Europaviertel denkbar gewesen, jedoch hätte die Bahn an der Konstablerwache wenden müssen, was gewisse Grenzen der Taktung nach sich zieht.


    Die Probleme an der Konstablerwache hätten wiederum Kritiker auf den Plan gerufen, die eine Straßenbahn anstatt einer Stadtbahn ins Europaviertel gefordert hätten. In der Politik im Allgemeinen und der Verkehrspolitik im Speziellen hat man es mit sehr vielen kleinen Interessensverbänden zu tun, jeder mit seinen eigenen Forderungen. Mag der Bau eines Hauses meist nur Nachbarn betreffen, so betrifft der Bau einer Stadtbahn gleich die halbe Stadt.


    Ich kann zumindest die von tunnelklick genannten Gründe nachvollziehen.


    Vielleicht besinnt man sich doch noch darauf die Bahn zumindest bis unter die Emser Brücke unterirdisch zu verlängern, es wären nur ein paar hundert Meter mehr und eine unterirdische Station mehr, dafür könnte man an anderer Ecke sparen, zum Beispiel der Regionaltangente West, die der Stadt eher schädlich wäre. Vielleicht könnte man zumindest ein Teil der Kosten freiwillig von der Gründstücksbesitzern an der Allee einsammeln, die würden sich über eine Rampe vor der Haustür sicherlich nicht freuen.

  • Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass die unselige Diskussion um die U5 in der Eckenheimer den Bau des Tunnels ins Europaviertel verhindert hat?


    Genau das behaupte ich.
    Das Problem der Diskussion scheint mir grundsätzlich darin zu liegen, dass der Tunnel im Europaviertel wird primär unter städtebaulichen Aspekten diskutiert wird, während die - ich nenn' sie mal so - verkehrlichen Aspekte eher nachrangig erörtert werden.


    Unter rein verkehrlichen Aspekten ist die Frage, ob vollständig oder teilweise unterirdisch, nicht der primäre Aspekt. Als der Bau des Stadtbahnsystems begonnen wurde, war von Europaviertel keine Rede. Das Problem besteht nunmehr darin, die Europaviertelstrecke irgendwie in die bestehende Infrastruktur einzubauen. Die unterirdische Infrastruktur kann (jedenfalls nicht zu vertretbaren Kosten) beliebig verändert oder auch nur angepasst werden und birgt deshalb systemsbedingte Sachzwänge. Hinzu kommt, dass der schienengebundene ÖPNV defizitär ist, der wirtschaftlichen Betriebsführung (Unterhaltung der Strecken, kostengünstiger Fahrzeugeinsatz und und und) recht hohe Bedeutung zukommt.


    Einen Tunnel aus dem Europaviertel kann man nur am Platz der Republik in den bestehenden Tunnel einfädeln, womit die Endpunkte einer möglichen Linienführung festliegen, entweder Seckbacher Landstraße oder Richtung Eckenheimer Landstraße. An der Konstabler zu enden ist mangels Wendeanlage nicht möglich, eine weitere Linie nach Bornheim macht irgendwie keinen richtigen Sinn, wenn zugleich der Nordosten (Eckenheim, Preungesheim, Berkersheim) abgehängt wird. Deshalb liegt es auf der Hand, dass die im Nordend aufgeworfene Systemfrage (Hochflur vs. Niederflur) sich auf das gesamte Netz auswirkt.


    Deshalb hatte die Diskussion um den Verbleib der U5 im Stadtbahnnetz unmittelbar und direkt sehr viel mit dem Europaviertel zu tun.

  • Farbbeutel an der Europa-Allee

    leider lassen die Beschmutzungen und Schmierereien an der Europa-Allee nicht nach, "Juppies raus" und "Gallus" sind mittlerweile an jedes neue Haus in der Europa-Allee geschmiert, jetzt kommen noch Farbbeutel zum Einsatz, u.a. am ersten Haus in der EA und auch auf der Rückseite des Dormero Hotels :Nieder:



    Bild von mir

  • Läuft eher unter verfehlter Protest – in diesen modernen Plattenbauten wohnen wohl kaum Juppies, sondern allerhöchstens Mittelstand.

  • Aha. Wenn jetzt aber "Juppies" drin wohnen würden, wäre dann der Farbbeutel gerechtfertigt? Sollte man sich als Werfer vorher Einkommensnachweise zeigen lassen? Wie hoch liegen die Einkommens-Freigrenzen?

  • Ich denke, man sollte diesem verfehlten Protest hier nicht die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die sich die "Protester" wünschen. Das ist doch bloß Wasser auf den Mühlen dieser Leute. :nono:

  • Naja, das Gallus ist als unmittelbares Grenze zum Europaviertel, ich wage zu behaupten, eines der letzten noch relativ authentisch gelebten Stadtteile Frankfurts.


    Schaut man sich die Graffiti pro qm² dort an, darf es einen kaum wundern, dass da was überschwappt. Es sollte einen ausserdem nicht wundern, dass die dort lebenden Menschen um ihre Zukunft bangen wenn "die Juppies" sich auch dort Altbauten unter ihre Nägel reißen.


    Soviel aber weiß der sog. Trend-Juppie aka Hippster, so wie wir ihn aus Berlin kennen: er möchte wohl eher nicht in so einem modernen Plattenbau wohnen, wie im Europaviertel.

  • Aha. Wenn jetzt aber "Juppies" drin wohnen würden, wäre dann der Farbbeutel gerechtfertigt?


    Nö, war eher als Hinweis auf die Intelligenz der Farbbeutelwerfer gedacht. Denn es gilt in der Tat das, was nachtgoblin im letzten Absatz schreibt. „Trendigere“ Altbauten, die in der Frankenallee übrigens jetzt schon horrende Preise erzielen, gibt es im Gallus genug.

  • Oh Mann, das ist Vandalismus und nicht Protest!

    Läuft eher unter verfehlter Protest – in diesen modernen Plattenbauten wohnen wohl kaum Juppies, sondern allerhöchstens Mittelstand.


    Protest? Wenn ich das schon höre! Lächerlich! Das was hier im Europaviertel passiert, ist Vandalismus!! Das mit "Protest" zu verharmlosen ist eine Unverschämtheit gegenüber den Bewohnern!


    Mal davon abgesehen, dass Vandalismus grundsätzlich schonmal nicht zu tolerieren ist, egal wer das Haus bewohnt, oder wo es steht, ist es an dieser Stelle gleich doppelt schwachsinnig: Die Häuser an der Europaallee und weiter im Westen des Viertels sind allesamt Neubauten für die kein einziger Altbau weichen musste und nicht ein alteingesessener Mieter weichen musste. Außerdem kommt die dort geschaffene Infrastruktur allen Zugute, die in dieser Ecke von Frankfurt wohnen.


    Ich bin nicht der Meinung, dass das Europaviertel grundsätzlich von den Bewohnern des Gallus abgelehnt wird, vielmehr ist mein Eindruck, dass es sich hier um einen Einzeltäter handelt, der seit Monaten im Europaviertel randaliert. Ich hoffe sehr, dass das asoziale Schwein (Sorry, aber das ist teffend!) bald geschnappt wird und zur Verantwortung gezogen wird! Die Anmaßung dieser Person regt mich unglaublich auf! (Im übrigen wurde auch zwei Nachbarhäuser von dem Haus in dem ich wohne bereits Ziel eines solchen "Anschlags" - die Beseitigung der Schäden wurden jeweils aus der Rücklage des Hauses bezahlt und damit indirekt von dessen Bewohnern!)


    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das Nebeneinander von Gallus und Europaviertel ansonsten sehr gut klappt und denke auch gerne an ein gemeinsam organisiertes Bürgerfest von Bewohnern der Sindlinger-/Hattersheimer-Strasse/Frankenallee (altes Gallus) und der Schwalbacher Niedernhausener Strasse (Europaviertel) zurück...


    Bin mir sicher, dass auch die Gallus-Bewohner den Vandalismus nicht akzeptieren!!

  • Die hellen Fassaden sind zumindest wertiger als was im Rebstockviertel oder größtenteils in City-West und Riedberg entstanden ist, allerdings sind die Baukörper zu würfelformig und zu ähnlich in Farbgebung, Dachgestaltung und Struktur. Bei einem geschlossenen Blockrand mit weniger breiten Einheiten wäre schon deutlich mehr optische Abwechslung möglich gewesen.


    Das stimmt - den von Golden Age angeführten Beispielen darf ich eine Neubausiedlung in Düsseldorf-Derendorf hinzufügen. Genauso wie hier handelt es sich dabei um Wohnungen für gehobene Mittelschicht auf Konversionsflächen - ein durchaus vergleichbares Projekt. Der Investor legte absichtlich viel Wert auf diversifizierte Fassadengestaltung.


    Das benachbarte Projekt LeFlair war ursprünglich einheitlicher gestaltet - der Investor meinte, ein paar Gesimse auf den Fassaden würden für genügend Hochwertigkeit sorgen. Das Projekt wurde doch umgeplant, jetzt ähnelt es mehr einem gewachsenen Block mit einzelnen Wohnhäusern.


    Mülheimer Ruhrbania - selbst die Flussnähe bewahrte mehrere Wohneinheiten im minimalistisch gestalteten Anbau nicht vor jahrelangen Leerständen (erstes Foto unter #28). Daraus hat man dazugelernt, der Neubau auf der anderen Seite der Marina wurde entgegen früheren Planungen wesentlich interessanter entworfen (s. Fotos und Visualisierungen).

  • Gute Architektur kann ein bisschen Vandalismus aushalten. Im Gallus oder Nordend ist auch vieles beschmiert ohne dass davon die Welt untergeht. Hier wurde aber so steril gebaut, dass jeder Kleks schon auffällt. Wie wird das erst, wenn die ersten Mängel, Grundverschmutzung, Wasserablaufspuren, Veralgungen sichtbar werden, wenn die abgestellten Fahrräder das WDVS ankratzen, die erste Satellitenschüsseln montiert werden?


    Foto von mir


    Ehrlich: ich kann an solchen Fassaden (hier meine ich die Architektur, nicht den Städtebau) nichts hochwertiges erkennen. Es sind einfach nur schlichte Blöcke, wie aus den 50ern. Häuser hatten schon immer Rückseiten, jedes Gründerzeithaus hat eine Prunkseite zur Strasse und eine einfache zum Hof. Hier präsentieren sich aber die Eingangsseiten so.
    Vielleicht hat es auch was mit dem Bauherrnprinzip zu tun. Keiner ist für die Erscheinung des Hauses verantwortlich. Die Stadt kann sowas nicht vorgeben, der Bauherr will nur seinen Gewinn, der Käufer sieht nur die Animation im Prospekt und der Architekt muss ständig auf die Kosten achten. Wer soll da auf Nachhaltigkeit achten, auf Wartungsfreundliche, robuste Baustruktur, die 30 Jahre ohne Pflege trotzdem anständig aussieht? Die ABG macht das bei ihren innerstädtischen Baumaßnahmen (Klinker oder Naturstein EG)


    Was mich am meisten stört ist, dass ganze Strassenzüge mit einer Fassadengestaltung erstellt werden. Früher waren die Leute Stolz (=Identität, Zugehörigkeitsgefühl), das IHR Haus in der Strasse gut dasteht und sich etwas individuallisiert (aber ansonsten in einem einheitlichen Rahmen bleibt, Dachform, Kanten, dreigliedrige Fassade, Fenstergewände, Materialien, etc. Heute können sich die Leute nur noch mit dem Viertel identifizieren.
    Bau-Lcfr : Düsseldorf-Derendorf find ich klasse, die anderen sind nette Animationen, wenn sie gebaut sind fürchte ich aber auch nicht mehr so attraktiv.

  • Toller Beitrag Goldfischbauch! Dann sollten doch künftig gleich alle neuen Häuser schlampig und schmuddelig gebaut werden, dann sind diese für die Zukunft ja bestens gewappnet :mad:

  • EV-FFM : Deinen Einwand versteh' ich nicht.


    Ich plädiere doch dafür, dass Häuser sorgfältig und solide gebaut werden. Aber es kann doch nicht sein, dass Häuser am Main / Schlachthof schon nach weniger als 10 Jahren veralgt sind und renovierungsbedürftig aussehen. Das Richard-Maier-Museum ist 20 Jahre alt und die Fassade musste generalüberholt werden. Bei einem Museum kann das angehen, bei einem Wohnhaus ist das ein wirtschaftlicher Schaden für den Eigentümer und daher beim Bau zu beachten, einfach aus Vernunft.

  • Die vielfache Wiederholung von Gleichförmigem ist in der Architektur weder neu, noch muss das Ergebnis zwingend reizlos sein


    Es kommt darauf an, was wiederholt wird. Paris wurde im 19. Jh. sehr homogen bebaut, doch jedes der sehr ähnlichen Häuser bringt große Fülle an optischen Reizen, was die Wiederholung erträglich macht. Inspiriert durch das Foto der Säulen belege ich die Aussage mit erstbestem meiner Pariser Fotos vom letzten Juni:





    Die drei Fassaden sind sich weitgehend ähnlich, aber es gibt auch kleine Details, die sie individuell machen. Ganz anders die Fassaden im Europaviertel - lauter nackter Naturstein (wenn nicht lediglich Putz) ohne irgend etwas, was eine bestimmte Adresse einmalig und wiedererkennbar machen würde. Auch im Jahre 2012 und in Deutschland muss dies nicht zwingend der Fall sein - wie viele in DAF gezeigte Projekte es belegen.

  • Viel besser könnte man das an den Fassaden des Hochklassizismus zeigen, wenn es sie denn in Frankfurt noch en bloc geben würde. Das beste Beispiel dafür war das heute verheerte Fischerfeldviertel, entstanden zwischen 1792 und 1840. Dessen Häuser hatten (im Gegensatz zu dem Pariser Beispiel) praktisch kein Dekor und wurden nur durch minimale Unterschiede in den Geschoss- und Gebäudehöhen sowie Achsabständen variiert.


    Interessant ist, dass die Gebäude des Viertels im Gegensatz zu den späteren Bauten des Historismus auch nicht straßenzügeweise von ein und dem selben Büro entworfen wurden, sondern dort eine größere Zahl an Architekten parallel tätig war, ganz ähnlich also wie heute im Europaviertel. Der Unterschied bestand in einer Gestaltungssatzung, die jedoch auch nur grob die zu verwendenden Materialien sowie die maximale Parzellengröße regelte. Das Ergebnis war sehr überzeugend.


    Insofern folge ich Schmittchen, ein Bebauungsplan hätte im Falle des Europaviertels eine geschlossene Blockrandbebauung sowie eine minimale und maximale Gebäudehöhe festlegen müssen, eventuell noch milde gefasste Bestimmungen zur Materialität. Vermutlich hätten wir dann heute ein ähnlich urban wirkendes Quartier wie den Westhafen.


    So wie es jetzt ist, erinnert mich das Europaviertel an das gerade in Bebauung befindliche Neubaugebiet meiner 15.000 Seelen-Heimatstadt – eine nicht zusammenpassende Ansammlung von Individualbauten bestenfalls mittelmäßiger architektonischer Qualität. Nur hier halt in groß. Irgendwie finde ich das reichlich beschämend, bedenkt man etwa mal, was in den 1920er Jahren selbst in Zeiten größter wirtschaftlicher Not im sozialen Wohnungsbau (!) geleistet wurde.