Leipzig: Gentrifizierung (ehem. "Windmühle vs. Abschwiff")

  • Wie kann sich das denn jetzt ändern, bei vorgeblich 30.000 leer stehenden Wohnungen? Stimmt die Zahl, mit der die Verwaltungen gebetmühlenartig argumentiert, womöglich gar nicht? ...
    Wie hoch ist die Zahl der vermietbaren leer stehenden Wohnungen wirklich?


    Ich werde mal schauen, ob man mehr darüber herausbekommt, worauf diese Leerstandszahlen für Leipzig beruhen. Im Rahmen des Zensus´ 2011 gab es ja auch eine Gebäude- und Wohnungszählung, also werden wir im November 2012 genaue Daten haben, die zwar dann 18 Monate alt sein werden, aber sich mit den Zahlen der Bauanträge und Baufertigstellungen aktualisieren lassen.
    https://www.zensus2011.de/befr…und-wohnungszaehlung.html
    http://wohnungsmarktbeobachtun…bersicht/at_download/file


    So ein klein wenig erinnerte mich die Frage jedoch an die Auseinandersetzung vor ziemlich genau einem Jahr in Berlin, nachdem dort der neue Mietspiegel 2011 vorgestellt worden war.


    Die damalige Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hatte vor einem Jahr behauptet, es bestünde in Berlin kein Wohnungsmangel, vielmehr gebe es einen großen Bestand an leerstehenden Wohnungen. Die Senatsverwaltung nannte eine Zahl von über 100.000. Die "Prenzlberger Stimme. Nachrichten und Meinungen aus Prenzlauer Berg" widmete sich in einem ausführlichen Artikel "Der neue Mietspiegel: Bankrotterklärung einer Senatorin" Anfang Juni 2011 der Frage, wie diese Zahl zustande gekommen sei ( http://www.prenzlberger-stimme.de/?p=22412 ). Mit dem sogenannten Stromzähler-Verfahren wurden Leerstandsquoten generiert, die weit mehr als doppelt so hoch waren wie in der Realität.


    Der Vorsitzende des Mietervereins Franz-Georg Rips hatte bereits 2009 darauf hingewiesen, dass die Zahlen deutlich überhöht sind und Junge-Reyer eine wissenschaftlich-methodische Untersuchung aus Kostengründen abgelehnt hätte. Vereins-Hauptgeschäftsführer Hartmann Vetter ergänzte: "Es ist absolut unerträglich, dass man über die Anzahl der in Berlin gehaltenen Mastschweine gesicherte statistische Werte hat, bei essenziellen Wohnungsmarktdaten aber im Trüben fischt" (http://www.taz.de/!40033/).


    Interessant waren auch die weiteren Bemerkungen der damaligen Bausenatorin: Auch „bleibt Berlin die preiswerteste Großstadt in Deutschland“. Zum Vergleich verwies sie auf die deutlich höheren Mieten in München (9,79 Euro) und Hamburg (6,76 Euro; Mietspiegel 2009) ( Tagesspiegel vom 30.05.2011: "Alte Häuser, hohe Preise". http://www.tagesspiegel.de/ber…-hohe-preise/4236218.html). Dazu die Prenzlberger Stimme: "Salzsäure ist gesünder als Blausäure…".


    Nach der Neuwahl der Berliner Landesregierung wurde Ingeborg Junge-Reyer am 1. Dezember 2011 von Michael Müller abgelöst. Von Leerstand, der "preiswertesten Großstadt in Deutschland" und vergleichsweise günstigen Mieten in Berlin spricht im Moment so gut wie keine_r.


    Ich will nun nicht behaupten, dass wir in Leipzig keinen Leerstand hätten, sondern Wohnungsmangel und Verhältnisse wie aktuell in Berlin. Ich möchte nur darauf hinweisen, wie schnell sich eine Debatte auch drehen kann - und wie sie die Beschwichtigungen, ähh die vorgebrachten Argumente vor einem Jahr noch ähnelten und wo Berlin im Moment steht.

  • Bleibt die Frage, wie viel eine Stadt wie Leipzig im Bereich Soziales noch ausgeben kann/darf/soll/muss und zu wessen Gunsten oder Ungunsten.


    Nun sind Sozialleistungen, speziell die Grundsicherungsleistung für erwerbsfähige Leistungsberechtigte nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II), kein Almosen, sondern rechtlich geregelt. Sie stehen den Betroffenen zu und können im Bedarfsfall eingeklagt werden.


    Wenn das Bundessozialgericht (BSG) am 22. März 2012 (AZ B 4 AS 16/11 R) feststellte, dass ein "schlüssiges Konzept" für die Festlegung der zü übernehmenden "Kosten der Unterkunft" (KdU) vorliegen muss, und das Sozialgericht Leipzig bereits am 8. März 2012 in einem einstweiligen Rechtsschutzverfahren (S 25 AS 641/12 ER) festgestellt hat, dass "die seitens des Antraggegners (Jobcenter) angewandte Richtlinie den Anforderungen an ein schlüssiges Konzept im Sinne der aktuellen BSG-Rechtsprechung nicht entspricht", dann muss eben schnell ein solches Konzept erarbeitet werden. In dem obengenannten Beschluss des SG Leipzig heißt es klar: "Liegt ein schlüssiges Konzept nicht vor, so ist die zu übernehmende Miete nach dem Urteil des BSG vom 17. Feb. 2009, B 4 AS 50/09 Rdnr. 27 begrenzt nach der Tabelle zu § 12 Wohngeldgesetz." Die Wohngeldsätze sind deutlich höher: http://www.leipzig.de/wohngeld/


    Ich bin kein Jurist, aber die derzeitige Haltung der Stadt Leipzig und des Jobcenters, in Anbetracht der ungeklärten rechtlichen Situation sei es sinnvoll abzuwarten, wie sich das Sächsische Landessozialgericht zum Ansatz der Stadt Leipzig zur Ermittlung der Eckwerte im "Schlüssigen Konzept" positioniert, halte ich angesichts der Entscheidung des SG Leipzigs für zumindest sehr fragwürdig ( http://notes.leipzig.de/appl/laura/wp5/kais02.nsf/docid/E1C56364C6DCAAEDC12579C800393748/$FILE/V-a-258-vsp.pdf ).


    Dazu passend ein Artikel in der LVZ von gestern (22.5.2012).


    Leipzig ist eine Single-Hochburg
    Fast jeder Zweite lebt allein / Einwohnerzahl von 2014 schon erreicht /
    Stadt kündigt neue Bevölkerungsprognose an


    Die Einwohner_innenzahl Leipzigs steigt weiter an, zum 31. November 2011 lag sie bei 531.365. Ruth Schmidt, die Leiterin des Leipziger Statistikamtes, sagte hierzu: "Das ist mehr, als wir erwartet hatten." Nach der letzten Prognose aus dem Jahr 2009 sollte dieser Stand erst Ende 2014 erreicht werden. Deshalb bereitet das Statistikamt nun eine neue Bevölkerungsvorausschau vor.


    Die Comdirect Bank hat in einem Städtereport soziodemografische Daten der 50 größten Städte Deutschlands ausgewertet und festgestellt, dasa nahezu jeder zweite Leipziger und jede zweite Leipzigerin allein lebt.Tobias Lücke, Leiter Baufinanzierung bei Comdirect, kommentiert dies: "Die Zahl der Single-Haushalte nimmt seit Jahren zu und wird Prognosen zufolge auch weiter steigen", sagt "Das hat Folgen für den Immobilienmarkt."


    Die LVZ verwies in dem Artikel außerdem darauf, dass die LWB deshalb schon im vorigen Jahr Alarm geschlagen hatte. Es gebe in sanierten Häusern kaum noch Mietwohnungen für ein bis zwei Personen. Die große Nachfrage nach kleinen Wohnungen liegt auch an der sozialen Situation vieler Leipziger_innen. Einem/einer alleinstehenden Hartz-IV-Empfänger_in stehen in Leipzig nur 45 Quadratmeter Wohnraum zu. Wenn es der Stadt Leipzig nicht gelingt nachzuweisen, dass es mit ihren bisherigen Rahmengrößen der KdU ausreichend Wohnraum gibt, dann müssen diese Berechnungsansätze für die KdU entweder geändert oder entsprechende Wohnungen geschaffen werden. Und damit sind wir wieder bei der Frage nach sozialem Wohnungsbau.


    Und dann gibt es ja noch die Strategie, die die Stadt Leipzig derzeit verfolgt, um die Kosten zu senken, (zum Teil hochsubventionierte) Arbeitsplätze zu schaffen, um die Arbeitlosenquote und damit auch die Sozialausgaben zu senken. Nur funktioniert das so einfach?

  • Ich werde mal schauen, ob man mehr darüber herausbekommt, worauf diese Leerstandszahlen für Leipzig beruhen.


    Das ist sogar sehr einfach herauszubekommen, denn es wird in dem Gutachten zum Kommunalen Wohnraumversorgungskonzept, erstellt von Analyse und Konzepte im Januar 2009, ausführlich beschrieben:
    http://www.leipzig.de/imperia/…hes_konzept_gutachten.pdf S. 13:


    Den Ausgangspunkt für die Bestimmung des Leerstandes in Leipzig bildet der Wohnungsbestand. Die Grundlage dazu liefert die Bestandsfortschreibung des Statistischen Landesamtes, die auf der Gebäude- und Wohnungszählung 1995 basiert. Bestandsveränderungen durch Abrisse, Sanierungen oder Neubau werden statistisch erfasst und der Bestand auf diese Weise fortgeschrieben.


    Im Rahmen des Monitoring werden die höchsten Leerstände für Wohnungen angegeben, die bis 1918 errichtet wurden (20.000 Wohnungen). Diese befinden sich zum größten Teil in privatem Eigentum. Die im Rahmen der Erstellung des Wohnraumversorgungskonzeptes durchgeführte Befragung der privaten Vermieter kommt zu dem Ergebnis, dass bei dieser Eigentümergruppe im Durchschnitt Leerstände in Höhe von 15 % vorliegen. Nicht berücksichtigt sind in dieser Stichprobe die Totalleerstände einzelner Eigentümer, weshalb hier von einer um zwei bis drei Prozent erhöhten Leerstandsquote ausgegangen werden kann.


    Die hier dargestellten Berechnungen basieren auf Annahmen und Schätzungen, die auf verschiedenen Eckwerten aufbauen. Die verschiedenen von Analyse & Konzepte durchgeführten Berechnungen und der Vergleich mit Daten der Stadt Leipzig zeigen, dass die Größenordnung des Leipziger Leerstandes hier gut abgebildet werden kann. Hinsichtlich der Leerstandszahl sollte jedoch von einer Fehlerbreite von +/- 10 % ausgegangen werden.


    Für die Baualtersklasse bis 1945 wird der Leerstand auf 31.000 Wohnungen geschätzt, wobei dem gesamten Wohnraumversorgungskonzept die Basisdaten aus dem Jahr 2007 zugrunde liegen.


    Die aktuell in der Diskussion befindliche Zahl von 34.000 leeren Wohnungen im Jahre 2010 (10,5 Prozent) entstammt dem Monitoringbericht Wohnen 2011. http://www.leipzig.de/imperia/…ngbericht_wohnen_2011.pdf S. 19


    Wie in den Vorjahren wurde für das Jahr 2010 die Höhe des Wohnungsleerstandes über verschiedene Wege eingegrenzt bzw. geschätzt. Zum einen wurde gesamtstädtisch ein Schätzverfahren angewandt, bei dem die Entwicklung des Leerstandes auf der Grundlage der Ergebnisse der Gebäude- und Wohnungszählung von 1995 in Verbindung mit der Wohnungsfortschreibung sowie der Entwicklung der Bevölkerung und der Haushaltsgröße bis 2010 nachgezeichnet wurde. Zum anderen erfolgte eine baualtersspezifische Schätzung vorrangig über Leerstandsdaten der größeren Wohnungsunternehmen, die insbesondere im Bestand des DDR-Wohnungsbaus, aber auch in den Beständen der Zwischenkriegszeit über große Anteile verfügen.


    Für die Bestände nach 1948 dürften die Zahlen recht verläßlich sein, bei der Angabe von 24.000 leerstehenden Wohungen im Baubestand vor 1948 (von insgesamt 34.000) und einer Leerstandsquote von 14% bin ich auf die Zahlen des Zensus gespannt.


    Analyse & Konzepte haben ausdrücklich daraufhin gewiesen, dass bei Sanierungen von Altbauten keine Genehmigungspflicht besteht. Durch Sanierungen kommen ehemals leerstehende Wohnungen wieder auf den Markt, ohne statistisch erfasst zu werden. Aber es gibt auch zahlreiche andere Fehlerquellen in die andere Richtung. Trotzdem möchte ich in dem Zusammenhang auf die deutlich spürbare Nachfrage nach unsaniertem Wohnraum und nach Ofenheizungswohnungen hinweisen, die statistisch bislang nicht erfaßt wurde. Ob die allerdings statistisch relevant ist sei dahingestellt.

  • @ Schwabenpfeil: in der Gentrifizierungsdiskussion ist oft die Rede davon, daß "neue" Bevölkerungsgruppen die "alteingesessenen" verdrängen. Was steht dahiner? Nun, daß die "neuen" kein Recht hätten, sich in bestimmten Vierteln niederzulassen. Das ist meiner Auffassung nach sehr problematisch. Schließlich "gehört" ein Stadtteil weder "neuen" noch "alteingesessenen" Bevölkerungsgruppen.
    Ich bin nicht der Meinung, daß jemand das Recht hat, jemand anderem den Zugang zu einem Stadtteil zu verwehren - und darauf läuft die G.-Debatte oft hinaus.

  • Als Ergänzung das erste Quartal in Zahlen. Ganz interessant in unserem Zusammenhang dürften die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung (S. 11-16) und zur Mietentwicklung (S. 33 -34) in Leipzig sein.


    Darüber hinaus gibt es noch ausführliche Zahlen zu den Themen
    - Studenten in leipzig
    - KFZ-Bestand
    - demographischer Wandel
    - KiTas
    - Tourismus
    - Luftverkehr


    Unbedingte Leseempfehlung!
    PDF, 4,7 MB

  • Das Hartz IV Empfänger umziehen sollen,ist meist dann der Fall,wenn sich die Familiengröße geändert hat.Wenn Kinder oder Ehe/Lebenspartner nicht mehr mit im Haushalt wohnen.Bei uns im Haus wohnt eine Alleinerziehende junge Mutter mit zwei kleinen Kindern in einer knapp über 800 € (warm) teuren Wohnung.Das Amt zahlt und murrt auch nicht.
    Sollten die Kinder irgendwann ausziehen,könnte es schwierig werden für sie.
    Ich kenne einige Leute die von Stütze leben,von denen musste bisher noch keiner die Wohnung wechseln.


    Die Form in der man wohnen möchte,muss irgendwo auch von den persönlichen
    Einkommen abhängen.Das ist nicht anders als bei Autos oder Markenartikeln.
    Langfristig muss ich mir meine Wohnform/umgebung auch leisten können.Wie anders soll die Ausdifferenzierung sonst erfolgen ? Auch wenn es bitter ist,da Hartz IV Empfänger in der Regel keine gutdotierten Jobs erlangen können.Zur Not muss man halt umziehen innerhalb der Zumutbarkeit (selbe Stadt,Wohnung ist mit den heute üblichen Komfort ausgestattet,kein dunkle Höhle etc.).


    @ Schwabenpfeil. in den 60-80er Jahren sind in Westdeutschland Millionen von Sozialwohnungen gebaut wurden,gerade auch in Baulücken und Innenstadtbrachen,mit Sicherheit auch in Stuttgart.

  • Nun, daß die "neuen" kein Recht hätten, sich in bestimmten Vierteln niederzulassen. Das ist meiner Auffassung nach sehr problematisch. Schließlich "gehört" ein Stadtteil weder "neuen" noch "alteingesessenen" Bevölkerungsgruppen. Ich bin nicht der Meinung, daß jemand das Recht hat, jemand anderem den Zugang zu einem Stadtteil zu verwehren - und darauf läuft die G.-Debatte oft hinaus.


    Ich denke nicht, dass es darum geht. Problematisch wird der Prozeß ja erst dann, wenn der verstärkte Zuzug von "neuen" Bevölkerungsgruppen dazu führt, dass die "Alteingessenen" die Stadtteile verlassen bzw. verlassen müssen. Dabei geht es vor allem um direkte und ökonomische Verdrängung durch Kündigungen wegen anstehender (Voll- oder Nach-)Sanierung bzw. weil die Bestandsmieten steigen und/oder Umzüge innerhalb des Viertels aufgrund der hohen Neuvermietungspreise nicht mehr möglich sind. Darüberhinaus spielen auch kulturelle und indirekte Verdrängung eine Rolle, sind aber sicher hier weniger das Thema. Letztlich verwehren ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung die "neuen" allein schon durch ihre bessere ökonomische und soziale Stellung und den Zugang zu bestimmten Ressourcen den "Alteingessenen" den weiteren Zugang. Kurz gesagt: "die haben hier keinen Platz mehr" statt ""die dürfen hier nicht rein".


    Andrej Holm verweist in seinen Arbeiten immer wieder auf die These von Peter Marcuse (1990): „Verdrängung ist das Wesen und kein ungewollter Nebeneffekt der Gentrification“. Gentrification umfasst nach Auffassung von Holm „alle ökonomischen Strategien der Inwertsetzungen und politischen Strategien der Aufwertung, die für ihren Erfolg den Austausch der Bevölkerung voraussetzen.“ Präsentation vom 17.11.2011 http://www.stadtplanungsamt-fr…bbc00de20a726be3628138ad9 Dazu hier S. 14-18: http://www.stadtplanungsamt-fr…how.php?ID=11374&psid=6a2

  • Hi, ich habe hier in der letzten Zeit sehr interessiert mitgelesen und vermisse einige wichtige Aspekte:


    1. Die derzeitige Miethöhe von durchschnittlich 5,00 € ist aus Sicht der Vermieter zu gering und nicht kostendeckend. Sollte langfristig keine Anpassung erfolgen führt das dazu, dass Investoren sich zurückziehen und somit die Bautätigkeit erlahmt. Schlimmstenfalls werden nur noch die nötigsten Reparaturen durchgeführt. Die Miethöhe sollte sich langfristig nicht nur am Einkommen der Mieter orientieren, sondern ebenso auch an den Gebäudekosten. Sollte es bei der derzeitigen geringen Miethöhe bleiben, müßte auf Dauer sehr viel einfacher und kostengünstiger gebaut werden. Leipzig war in der Vergangenheit eine sehr reiche und wohlhabende Stadt, was sich auch an der Architektur ablesen läßt. Auf Dauer wird dieser hohe Standart nur möglich sein, wenn die Einwohner sich diese wertvolle Architektur auch leisten (können).
    Insofern muss mittelfristig eine Mietpreisanpassung nach oben erfolgen.


    2. Als die Stadt Leipzig ankündigte, die Kosten der Unterkunft von Hartz 4-Empfängern von 3,85 € auf 4,20 anzuheben, war allen Immobilienmaklern sofort klar, dass dies auch eine Mieterhöhung auf breiter Basis in der gesamten Stadt bedeutet. Ich führe dies nur an, um dem Argument entgegenzutreten, dass durch eine Anhebung der Hartz-4-Sätze die Gentrifizierung gestoppt werden könnte.


    3. Es gibt und gab auch in der Vergangenheit immer Stadtteile, die der wohlhabenderen Bevölkerungsschicht vorbehalten bleiben. Offensichtlich scheint es ein Verlangen des Menschen zu sein, unter seinesgleichen zu bleiben.


    4. Auch heute schon und auch in der Vergangenheit gibt es einen "sozialen Wohnungsbau". Private Investoren können für Umbau und Neubauten öffentliche Zuschüsse durch das Land Sachsen erhalten. Im Gegenzuge gibt es eine Mietpreisbindung und es dürfen nur "einkommensschwache" Personen (mit Wohnberechtigungsschein) einziehen. In der Vergangenheit hat sich das Modell in Leipzig nicht bewährt, auch weil Mieter wegen des entspannten Wohnungsmarktes selten bereit waren, einen Wohnberechtigungsschein zu beantragen und damit ihre finanzielle Situation offenzulegen.


    5. Auch die LWB sollte idealerweise kostendeckend arbeiten, was in Spitzenlagen m.E. auch Spitzenmieten rechtfertigt. Unabhängig davon hat sie einen sozialen Auftrag und nimmt diesen auch wahr. Die LWB hat einen hohen Anteil an Sozialwohnungen.


    6. Vielleicht liegt das Problem ausschließlich darin, dass derzeit noch pfiffige Ideen für eine kostengünstige Architektur fehlen. Aber diese schlichten Stadthäuser, die ich hier im Zusammenhang sehe, sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Sozialwohnungen sollten sich auch architektonisch gut einfügen.


    7. Übrigens, schon in den 1920er Jahren wurde in Leipzig ein Überschuss an teuren Wohnungen mit einhergehendem Leerstand und gleichzeitig fehlenden preiswerten Wohnungen gerügt. Es scheint doch immer das gleiche zu sein.....

  • die Investitionskosten sollen maximal die 20-fache Jahresmiete ausmachen, alles andere ist sehr riskant. Bei einem m²-Preis von beispielsweise 2.500,-- € müßte demnach eine Kalt-Miete von 10,40 €/m² erzielt werden. Gewerbliche Anleger kalkulieren noch viel enger.


    Aber es gibt immer Ausnahmeerscheinungen. Derzeit sind die Zinsen niedrig und Angst vor Inflation geht um. Die Anleger suchen sichere Anlagen. Viele Käufer von Eigentumswohnungen haben aber überhaupt keine Ahnung von Immobilien und sehen nicht, dass die Investition auch auf lange Sicht nicht rentabel ist. Dann können riesige Probleme entstehen. Möglicherweise bleibt das auf einzelne Personen beschränkt, oder aber es bilden sich Blasen wie in jüngster Vergangenheit in den USA oder Spanien.


    Dass derzeit so viel gebaut wird heißt noch lange nicht, dass der Markt hier gesund ist. Die Probleme kommen später.

  • LE Mon. hist.: vielen Dank
    Sie finden aber trotz allem keinen Punkt, der die Interessen der Alteingesessenen höher stellen könnte als die Interessen der Neuankömmlinge.
    Wenn ein Immobilieneigentümer sein Haus sanieren möchte, um es - ja in der Tat: teurer zu vermieten, so ist dies sein gutes Recht. Schließlich ist es a) sein Eigentum, b) sein Geld, das er investiert, c) sein gutes Recht. Er trägt schließlich auch das Risiko der Investition. Rein volkswirtschaftlich gibt er erst einmal Geld aus, über das sich zuvörderst die Baufirmen freuen dürfen: Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Gewinne.
    Die "Neuankömmlinge", die dafür Geld ausgeben, bezahlen schließlich auch mehr dafür und, unter uns, oft verdientes Geld im Gegensatz zu von Steuereinnahmen generiertes Transfergeld. Geben Sie mir 1 Grund, wer mit welchem Recht sowohl dem Investor, vulgo: Eigentümer als auch dem "Neuankömmling", der hier mehr Geld ausgibt, was volkswirtschaftlich immer interessant ist, den Zuzug wie die Investition verbieten will. Wer legt die Grenzen fest, die bestimmen, was noch sozial (wenn der andere bezahlt) ist und was schon unsozial. Ich möchte niemandem dieses Recht zubilligen. "Verdrängung" findet überall statt. Es ist das Wesen des Kapitalismus, bei Produkten, wo dies möglich ist, andere von deren Genuß auszuschließen. Da das bei Luft unmöglich ist, ist sie gratis. Für alles andere muß ich zahlen - und zwar genau den Preis, den der Markt bestimmt. Ist dieser zu hoch, schreckt dies Nachfrager ab. Ist dieser zu niedrig, schreckt dies Anbieter ab.
    Was letzteres für Stadtteile und deren Immobilien bedeutet, können Sie sehr gern in den nördlichen Stadtteilen von Duisburg oder Dortmund eruieren.

  • in leipzig kann es so etwas wie gentrifizierung oder segration gar nicht geben.


    erstens ist die stadt dafür viel zu klein. von jedem stadteil kann man in jeden anderen in rund einer halben stunde gelangen. die zeit bräuchte man in paris, um erst mal aus seiner banlieue herauszukommen. in leipzig kann hingegen sowieso jeder problemlos am städtischen leben teilhaben. völlig egal, ober nun in grünau, marienbrunn oder sonstwo wohnt.


    zweitens sind durch die geschichtliche entwicklung (industrialisierung, krieg, sozialismus) selbst die einzelnen viertel überaus heterogen. mitten in grünau gibt es einfamilienhäuser. im musikerviertel plattenbauten. und in plagwitz trennt zuweilen nur eine straße agonie und aufbruch.


    und drittens tut die stadt einiges für die soziale durchmischung der viertel. aber sinnvollerweise nicht, indem sie stabile viertel abwertet, sondern indem sie versucht, "problemviertel" aufzuwerten - zum beispiel durch ausweisung von brachen als stadthaus-grundstücke, das anlegen öffentlicher parks, etc. ...


    man kann doch nicht einerseits bejammern, weniger gut betuchte menschen müssten in "abgehängte" viertel ausweichen und andererseits die aufwertung dieser viertel durch sanierungen oder neubauten dann als "gentrifizierung" geißeln.


    was aber vor allem nicht funktioniert: so zu tun, als sei es sache der stadt oder des hauseigentümers, ob man sich die miete für seine (traum-)wohnung leisten kann. etwas eigeninitiative tut schon gut. und damit sind keine "diskussionsforen" oder "offenen briefe" gemeint.

  • in leipzig kann es so etwas wie gentrifizierung oder segration gar nicht geben. erstens ist die stadt dafür viel zu klein. von jedem stadteil kann man in jeden anderen in rund einer halben stunde gelangen.


    Gentrifizierung ist ein "Begriff, der einen bestimmten sozioökonomischen Umstrukturierungsprozess städtischer Wohngebiete beschreibt. Dabei geht es um die soziokulturellen und immobilienwirtschaftlichen Veränderungen in ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln, in denen Immobilien zunehmend von wohlhabenderen Eigentümern und Mietern belegt und baulich aufgewertet werden und in denen in diesem Zuge Gruppen mit einem niedrigeren Sozialstatus ersetzt oder verdrängt werden. Zumeist sind innenstadtnahe Stadtteile von Metropolen von derartigen Vorgängen betroffen" (http://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung).


    Gentrifizierung gibt es nicht in ganz Hamburg, sondern massiv in Altona, St. Pauli, Neustadt und im Schanzenviertel. Weitgehend zum Abschluss gekommen ist der Prozeß in Eppendorf, Ottensen, St. Georg, Eimsbüttel, Hoheluft und Winterhude. Erste Anzeichen gibt es mittlerweile in Rothenburgsort, Barmbek und Bahrenfeld sowie Harburg.
    http://www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/show.php?ID=11388
    http://www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/show.php?ID=11374 S. 31-33


    Gentrifizierung gibt es nicht in ganz Berlin, sondern massiv in Kreuzberg und im nördlichen Neuköln sowie in Friedrichshain und Lichtenberg. Weitgehend zum Abschluss gekommen ist der Prozeß in Mitte, Prenzlauer Berg und Teilen von Friedrichshain. Erste Anzeichen gibt es mittlerweile im Wedding, in Moabit und anderswo.
    http://www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/show.php?ID=11389
    http://www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/show.php?ID=11374 S. 34-38


    Gentrifizierung gibt es (in Teilen von) Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf - etwas größer als Leipzig. Es gibt sie (in Teilen von) Dresden - etwa gleich groß und ebenfalls im Osten -, Hannover und Nürnberg. Es gibt sie (in Teilen von) Bonn, Karlsruhe, Münster ... Potsdam und Jena.


    PS: Gentrification in der Dresdner Äußeren Neustadt: http://arbeitsweltdergeographi…entrification-in-dresden/


    Möglicherweise willst Du damit sagen, dass die Folgen von Verdrängung weit weniger gravierend sind (als in London oder Paris), weil man schnell in der Stadtmitte und in den Nachbargebieten sein kann. Aber das gilt auch in all den anderen genannten Städten, vor allem in denen mit S- und U-Bahnverkehr. Aber auch Mobilität kostet Zeit und Geld. Vor allem, wenn wie auch in Leipzig die Preise ständig steigen - die LVB planen für August 2012 eine weitere Erhöhung - und gerade in den Stadtvierteln an den Rändern wie Grünau der Nahverkehr ausgedünnt wird (Einstellung der S1).
    Von Verdrängung betroffen sind vor allem Menschen, die in ihrer Mobilität sowieso schon stärker eingeschränkt sind: Kinder, Alte, Arbeitslose ... .

  • Letztlich verwehren ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung die "neuen" allein schon durch ihre bessere ökonomische und soziale Stellung und den Zugang zu bestimmten Ressourcen den "Alteingessenen" den weiteren Zugang. Kurz gesagt: "die haben hier keinen Platz mehr" statt ""die dürfen hier nicht rein".


    Das ist zweifelsohne so. Jedoch kann doch nicht die Rede davon sein, dass die ausziehenden Mieter auf der Strasse landen. Solche Fälle sind mir jedenfalls nicht bekannt. Wenn man das nun beklagt, dann aber auf sehr sehr hohen Niveau. Ich kann nicht erkennen, wo es für einen Menschen unzumutbar sein soll sagen wir aus einer teilsanierten Wohnung in Plagwitz oder Lindenau in eine andere IN DER GLEICHEN STADT zu ziehen? Das kann niemand beeinflussen, oder wie soll dies gehen? Wie die Vorredner richtig sagen, das sind Marktprozesse, in die einzugreifen, keiner eine Rechtsgrundlage hat.


    Im Sinne der Vorredner kann man hier nur wieder den guten alten Adam Smith bemühen: Bei den hier beschriebenen Prozesse regiert die "invisible hand" des Marktes.

    Einmal editiert, zuletzt von WolfsheimJena ()

  • man kann doch nicht einerseits bejammern, weniger gut betuchte menschen müssten in "abgehängte" viertel ausweichen und andererseits die aufwertung dieser viertel durch sanierungen oder neubauten dann als "gentrifizierung" geißeln.


    Wo wurde denn hier im Thread "Aufwertung" als Gentrifizierung "gegeißelt"? Wenn es um Sanierungen, Wohnungsneubau und damit verbundene Mietpreise geht, dann um zu zeigen, dass davon längerfristig fast ausschließlich "Besserbetuchte" profitieren, während es für Arme oft Ausschluß bedeutet.


    Noch mal: Es geht nicht darum, Sanierungen, Wiedernutzbarmachung von leerstehenden und den Bau von neuem Wohnraum sowie die Verbesserungen von städtischen Räumen, die Anlage von Parks, die Sanierung von Schulen und Kindergärten etc. zu verhindern. Die sind eindeutig zu begrüßen. Nur sollten davon alle Menschen profitieren können und in den "Problemvierteln" vor allem auch die derzeitigen Bewohner_innen. Es nutzt wenig, wenn sie in wenigen Jahren für den Besuch etwa des Henriettenparks oder des Gleisparks an der Industriestraße sich in Grünau oder Paunsdorf aufs Rad oder in die Bahn setzen müssen.


    Es geht darum, wie wir es in Leipzig schaffen, langfristig auch für die alteingesessene, oft etwas ärmere Bevölkerung günstige Wohnmöglichkeiten zu schaffen und zu erhalten. Und dann geht es in erster Linie um den Verkauf und die dabei angewandte Vergabepraxis bei kommunalen Immobilien, um die Rolle der LWB als großer Vermieter, langfristig um die Wiederaufnahme von sozialem Wohnungsbau in den beliebten Stadtvierteln etc.